Wirtschaft

Denn sie weiß, was sie tut US-Notenbank druckt Geld

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Fed-Chef Ben Bernanke.

(Foto: REUTERS)

Die US-Notenbank Fed öffnet wieder die Geldschleusen, mittels Notenpresse will sie die Konjunktur stützen. Kritiker halten das für einen Pakt mit dem Teufel und warnen vor unkontrollierbarer Inflation. Ist die Fed also verrückt geworden?

Angesichts des kraftlosen US-Aufschwungs läutet die US-Notenbank Fed eine neue Runde geldpolitischer Lockerung ein. Bei einigen Ökonomen sorgt das für einen entsetzten Aufschrei. Sie sehen die USA damit auf dem direkten Weg in die große Inflation.

Diese Sicht ist verständlich, in normalen Zeiten kann dieser Ruf womöglich nicht laut genug sein. Doch die Zeiten sind nicht normal. Die USA stecken in der schwersten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten. Das Land hat unter heftigen Schmerzen die tiefste und längste Rezession seit dem zweiten Weltkrieg überwunden, es wird aber noch Jahre dauern, bis die größte Volkswirtschaft der Welt aus dem Gröbsten raus ist. Nur mit außerordentlichen Anstrengungen verhindern US-Regierung und Notenbankbankchef Ben Bernanke bislang, dass aus der Rezession eine zweite Große Depression wird.

Und diese Gefahr ist nicht gebannt. Im Gegenteil. Trotz milliardenschwerer Starthilfen von Staat und Notenbank kommt die Konjunktur nicht auf Touren. Das Bruttoinlandsprodukt legte von Juli bis September aufs Jahr hochgerechnet nur um zwei Prozent zu. "Die Wirtschaft erholt sich, aber der Aufschwung ist blutleer", bringt es Ökonom Hugh Johnson auf den Punkt.

Angst vor der Deflation

Vor allem die für US-Verhältnisse ungewöhnlich hohe Arbeitslosenquote von fast zehn Prozent macht dem Land arg zu schaffen. Außerdem ist die Teuerungsrate mit rund einem Prozent sehr niedrig: eine Deflation droht. Das Beispiel Japan zeigt, was für verheerende Folgen ein Preisverfall auf breiter Front hat. Diese Phase hat einen beunruhigen Namen: das verlorene Jahrzehnt.

Die Fed will mit aller Macht verhindern, dass die USA ein ähnliches Schicksal erleiden. Sie hat allerdings ein Problem: Mit klassischer Geldpolitik kann sie die Konjunktur nicht mehr stimulieren, denn die offiziellen Zinssätze liegen schon bei fast null Prozent. Die Notenbank steckt in einer so genannten Liquiditätsfalle und ist daher gezwungen, auf unorthodoxe Methoden zurückzugreifen, um Liquidität und Kreditvolumen zu erhöhen.

Also kauft sie quasi mit selbstgedrucktem Geld längerfristige Staatsanleihen und illiquide private Vermögenswerte. Ziel ist es, die langfristigen Zinsen zu drücken und die Kauflust der Verbraucher wie auch die Investitionen anzukurbeln. Quantitative Lockerung nennen Ökonomen dieses Instrument. Die Fed setzt dabei auch auf einen psychologischen Effekt und hofft, den Amerikanern die Angst vor einer Rezession zu nehmen und sie wieder zum Geldausgeben zu bewegen.

Erst im März hatte die Fed ein solches Programm beendet, bei dem sie für 1,7 Billionen Dollar Staatsanleihen und hypothekenbesicherte Wertpapiere kaufte. Am Mittwoch folgt Teil zwei. Die Schätzungen über den Umfang gehen weit auseinander. Experten tippen auf 500 Millionen bis zwei Billionen Dollar. Analysten von Goldman Sachs haben ausgerechnet, dass der Kauf von Anleihen für eine Billion Dollar das Wachstum pro Jahr um etwa einen halben Prozentpunkt höher ausfallen lässt.

Warnung vor Inflation

Doch einige Ökonomen warnen. Sie weisen unter anderem darauf hin, dass die Hypothekenzinsen bereits im Keller sind und der gebeutelte Häusermarkt sich dennoch nicht erholt. Außerdem brauchen Firmen momentan kaum billige Kredite, da sie ohnehin schon Bargeld horten. Dazu kommt, dass trotz niedrigen Zinsen vielen Amerikanern die Kauflust vergangen ist. Nach Ansicht der Fed-Kritiker wird die unkontrollierbare Inflation von Tag zu Tag wahrscheinlicher. Sie verweisen auf das gigantische Defizit und das viele Zentralbankgeld. Die Notenbank gehe deshalb unkalkulierbare Risiken ein, wenn sie ihre Geldpolitik noch weiter lockere.

Doch andere Ökonomen schlagen sich auf die Seite der Fed und halten die Inflationsgefahr für übertrieben. Denn die Konjunktur schwächelt, die Lager vieler Unternehmen sind gut gefüllt, die Kapazitäten noch lange nicht ausgelastet – außerdem liegt die Arbeitslosenquote landesweit knapp unter zehn Prozent. Lohn- und Preiserhöhungen stehen vor diesem Hintergrund nicht vor der Tür. Außerdem zeigen sich auf die Inflationsrate, die sich derzeit auf einem niedrigen Niveau hält. Wie die Fed sehen diese Ökonomen gegenwärtig nicht die Inflation, sondern die Deflation als größte Bedrohung der US-Wirtschaft, der es sich entgegenzustemmen gilt

Wie die Notenbank auch sind sie sich der mittelfristigen Inflationsgefahr bewusst. Doch die Fed will nicht den zweiten Schritt vor dem ersten machen und stellt sich deshalb zunächst der unmittelbaren Bedrohung: der Deflation. Aus ihrer Sicht macht es keinen Sinn, die Inflation bereits jetzt zu bekämpfen, da sie noch die viel geringere Gefahr ist. Beiden Bedrohungen lässt sich nicht gleichzeitig begegnen.

Die Fed steht deshalb vor einer schwierigen Entscheidung: Wie viel Inflationsrisiko will sie eingehen, damit es nicht zu einer Deflation kommt? Bernanke argumentiert, dass etwas Inflation verglichen mit einer langen Periode fallender Preise das kleinere Übel ist. Sein Kalkül lautet deshalb: So viel Inflation wie nötig, so wenig wie möglich. Es bleibt zu hoffen, dass diese Rechnung aufgeht. Das ist nur dann der Fall, sofern die Fed das viele Geld möglichst rasch wieder einsammelt – also unter anderem die Zinsen erhöht, sobald die Konjunktur wieder nachhaltig wächst.

Fed muss alleine kämpfen

Doch zunächst gilt es, die Deflation zu verhindern. Erschwert wird die Aufgabe, da die Notenbank auf Unterstützung der Regierung angewiesen ist. Bislang hat sie diese bekommen: Präsident Barack Obama erhöhte die staatlichen Ausgaben und senkte Steuern. Doch diese Instrumente traditioneller Fiskalpolitik reichten nicht aus, wie die Fed war auch die Regierung zu unorthodoxen Schritten gezwungen. Sie gab Milliarden aus, um beispielsweise die Finanzindustrie oder Automobilkonzerne vor dem Zusammenbruch zu bewahren.

Doch künftig wird die Fed wohl auf diese Hilfe verzichten müssen. Die oppositionellen Republikaner haben die Mehrheit im Repräsentantenhaus erobert und ihre Position im Senat deutlich gestärkt. Damit wird es für Obama noch schwerer als bisher, die Konjunktur anzukurbeln.

Also muss die Fed den Karren allein aus dem Dreck ziehen. Angesichts der hohen Arbeitslosigkeit steht sie besonders unter Druck. Im Gegensatz zur Europäischen Zentralbank ist sie nicht der Preisstabilität verpflichtet, sondern muss mit ihrer Geldpolitik dazu beitragen, dass Vollbeschäftigung herrscht.

Da ihr die klassischen Mittel nicht zur Verfügung stehen, führt sie ein großes Experiment durch, ohne einen Vergleichsmaßstab zu haben. Sowohl Bernanke als auch seine Kritiker wissen um die Gefahren. Doch der Fed-Chef ist bereit, diese Risiken einzugehen. Denn er will nicht als der Notenbank-Präsident in die Geschichte eingehen, der die USA in eine jahrelange Deflation geführt hat.

Quelle: ntv.de

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