Wirtschaft

Fahrlässige Pleite-Spekulationen Ungarn stellt sich ein Bein

Mit unbedachten Äußerungen über Sorgen vor einer dramatischen Entwicklung der Staatsfinanzen hat sich Ungarn einen Bärendienst erwiesen. Dabei ist das Land schon einen wichtigen Schritt weiter als das Angst-Vorbild Griechenland.

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Regierungschef Viktor Orban (Mitte) und seine Mannen bei ihrem ersten gemeinsamen Termin vor der Presse: Die Nervosität der Märkte unterschätzt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Und plötzlich war die Angst wieder da. Fahrlässige Äußerungen aus der frisch gewählten Regierungspartei in Ungarn über ausufernde Staatsschulden und griechische Verhältnisse schickten den Euro und die Aktienmärkte in den vergangenen Tagen gleichermaßen in den Keller. Auch die Landeswährung Forint wertete deutlich ab. Mit den Kassandrarufen hat Ungarn seine eigene Lage deutlich verschlechtert – und das ohne erkennbare Not.

Die Aussagen zur Haushaltslage wirken sich nach Einschätzung der Rating-Agentur Moody's negativ auf die Kreditwürdigkeit Ungarns aus. Die Kommentare seien ein negativer Faktor, weil sie erneut die Aufmerksamkeit auf die hohen Schulden des Landes lenkten, teilte Moody's mit. Es bestehe die Gefahr, dass die Verschuldung die Zinsen nach oben und die Landewährung Forint nach unten treibe, was die wirtschaftliche Erholung Ungarns gefährde, erklärte Moody's.

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Gyorgy Matolcsy.

(Foto: REUTERS)

Ungarische Regierungsvertreter hatten Ende vergangene Woche gewarnt, das Land könne nur noch schwer ein ähnliches Schicksal wie Griechenland verhindern. Dies hatte den Euro stark belastet und zu Kursverlusten an den Märkten in New York beigetragen. Am Wochenende bemühte sich die Regierung indes um Schadensbegrenzung. Am Montag stellte der Wirtschaftsminister, Gyorgy Matolcsy, klar, der Griechenland-Vergleich sei überzogen.

Die sprichwörtlich gewordenen griechischen Verhältnisse, also kaum mehr beherrschbare Schulden und die Unfähigkeit zur Staatsfinanzierung aus eigener Kraft, hat Ungarn tatsächlich bereits hinter sich, wenn auch die Gefahr noch nicht vollends gebannt ist.

In die Arme des IWF

Vor zwei Jahren versetzte die Finanzkrise den ungarischen Staatsfinanzen einen herben Schlag. Zu Zeiten, in denen die Banken weltweit ihr Geld horteten und jedes neue Risiko scheuten, saß Ungarn auf großen Schuldenbergen. Zum Verhängnis sollten dem Land dabei vor allem hohe Verbindlichkeiten bei ausländischen Gläubigern in fremden Währungen werden.

Forint / Euro
Forint / Euro 333,06

An den Finanzmärkten keimten damals Sorgen vor Zahlungsschwierigkeiten Ungarns auf, was insbesondere zu dramatischen Kursbewegungen beim Forint führte. Kostete Mitte 2008 ein US-Dollar noch 145 Forint, standen im Frühjahr 2009 zeitweise mehr als 240 Forint auf der Devisenrechnung. Die Auslandsschulden verteuerten sich damit auf einen Schlag nochmals deutlich. Schließlich drehten die Finanzmärkte der Regierung in Budapest den Geldhahn zu.

Bereits im Herbst 2008 schlug daher die Stunde des Internationalen Währungsfonds in Ungarn. Gemeinsam mit der EU und der Weltbank schnürte der IWF ein Rettungspaket über 25 Mrd. US-Dollar. "In diesem Zusammenhang ist Ungarn Griechenland 18 Monate voraus", stellte die US-Bank Goldman Sachs fest. Seitdem haben die Osteuropäer hart an sich gearbeitet und spürbare Fortschritte bei der Sanierung der Staatsfinanzen erzielt. Binnen drei Jahren konnte Ungarn sein Neuverschuldung von 9 auf 4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts mehr als halbieren.

Zurück am Markt

Die Finanzlage verbesserte sich derart positiv, dass der ungarische Fiskus auf die letzten beiden Tranchen aus dem Rettungspaket verzichten konnte und sich wieder rund eine Milliarde Euro am Kapitalmarkt leihen konnte. Über den Berg ist Ungarn damit jedoch noch nicht.

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Wer Dollar will, braucht viel Forint.

(Foto: REUTERS)

Die Staatsausgaben liegen nach Berechnungen des IWF weit über dem Schnitt vergleichbarer Nachbarstaaten. Rund die Hälfte des ungarischen Bruttoinlandsprodukts sind Staatsausgaben, die Messlatte liegt jedoch zehn Prozentpunkte darunter. Über dem Schnitt liegen dabei auch die Ausgaben für die Staatsbediensteten. Der IWF mahnt daher eine noch striktere Disziplin bei den öffentlichen Ausgaben an, damit Ungarn wie ursprünglich angepeilt sein Budgetdefizit 2011 auf unter 3 Prozent des BIP drücken kann.

Sorgen bereitet dem Land auch die Entwicklung der Realwirtschaft. Im vergangenen Jahr schrumpfte das Bruttoinlandsprodukt um 6,3 Prozent. Neben einer schwachen Inlandsnachfrage brachen auch die Exporte des Landes ein.

Ein wunder Punkt bleiben zudem die anhaltend hohen Auslandsschulden Ungarns. Eine neuerliche Talfahrt des Forint würde das Land abermals kräftig unter Druck setzen. Kurzfristig sollte auch das jedoch keine große Not für die junge ungarische Regierung darstellen. Noch stehen die restlichen Gelder des IWF zur Verfügung, sollten sich die Finanzierungsbedingungen wieder verschärfen.

Deutsche Banken dick im Geschäft

Ein wachsames Auge dürften jedoch auch deutsche Banken auf die Entwicklung des Landes werfen. Gemeinsam mit Finanzhäusern aus Österreich und Italien gehören sie zu den wichtigsten Gläubigern Ungarns. Insgesamt ist Ungarn im Ausland mit 158 Mrd. US-Dollar verschuldet (Stand: Ende September 2009). 33 Mrd. davon stehen laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich allein in den Büchern deutscher Banken. Stärker sind lediglich österreichische Institute im Geschäft, sie haben Kredite über 38 Mrd. US-Dollar vergeben. Drittgrößte Schuldner sind italienische Banken mit 27 Mrd. US-Dollar.

Trotz aller Unsicherheiten hat Ungarn die wichtigsten ersten Schritte aus der Schuldenkrise bereits gemeistert. Im besten Falle waren die jüngsten dramatischen Worte zu den Staatsfinanzen lediglich der äußert ungelenke Aufgalopp einer unerfahrenen neuen Regierung zu anstehenden Einschnitten. So fatal das Signal auch war, würde dahinter immerhin die politische Bekenntnis zur Konsolidierung der öffentlichen Finanzen stehen. Ohne neuerliche verbale Störfeuer, die dem Forint den Boden unter den Füßen entziehen, wäre Ungarn damit auf dem richtigen Weg.

Quelle: n-tv.de

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23.05.09