Wirtschaft
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Donnerstag, 09. März 2017

Inflation steigt wieder: Wann geht die EZB vom Gas?

Erstmals seit vier Jahren knackt die Inflation wieder die Marke von zwei Prozent. Gegner der EZB-Geldschwemme fordern nun ein Ende der ultralockeren Geldpolitik. Können Sparer bald auf steigende Zinsen hoffen?

Der Druck auf die Europäische Zentralbank (EZB) wächst: Die Inflation steigt, und die Konjunktur im Euroraum gewinnt an Fahrt. Gegner der vor allem in Deutschland umstrittenen Geldflut fordern, die Notenbank solle die Schleusen allmählich schließen. Die geldpolitische Wende im Euroraum dürfe nicht mehr tabuisiert werden, mahnt der Bankenverband BdB. Politiker in Deutschland werfen der EZB vor, ihre Nullzinspolitik enteigne Sparer.

Was sind die Gründe für die Geldschwemme?

Im Kampf gegen niedrige Inflation und Konjunkturschwäche flutet die Notenbank die Märkte seit 2015 mit Geld und hat den Leitzins inzwischen auf Null gesenkt. Die EZB strebt für den Euroraum eine Inflationsrate von knapp unter 2,0 Prozent an - weit genug von der Nulllinie entfernt. Im vergangenen Jahr wuchs die Wirtschaft im gemeinsamen Währungsraum robust um 1,7 Prozent. Im Februar 2017 dann knackte die Teuerung erstmals seit vier Jahren wieder die Marke von zwei Prozent - die von den Währungshütern angepeilten Ziele scheinen erreicht.

Warum wird die EZB vorerst die Geldschleusen dennoch nicht schließen?

Hauptgrund für den Anstieg der Inflation ist ein kräftiger Sprung der Energiepreise. Ökonomen rechnen damit, dass der Höhepunkt zunächst erreicht ist. "In den nächsten Monaten dürfte die Inflationshysterie wieder etwas nachlassen", erklärt die Commerzbank. Da der Effekt der höheren Ölpreise inzwischen verblasse, werde sich der Preisauftrieb in den kommenden Monaten wieder abschwächen, argumentiert auch Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank: "Für (EZB-Präsident Mario) Draghi ist deshalb die höhere Teuerungsrate kein Grund, von seinem eingeschlagenen Pfad abzuweichen." Wichtig ist für die Währungshüter eine nachhaltige Entwicklung der Verbraucherpreise. Dabei haben sie auch die Kerninflation im Blick - also die Teuerung ohne stark schwankende Energie- und Nahrungsmittelpreise. Im Februar verharrte diese Rate bei vergleichsweise niedrigen 0,9 Prozent. "Die Aufkäufe nur deshalb weiterzuführen, weil der Inflationsanstieg vielleicht vorübergehend ist, überzeugt nicht", argumentiert dagegen Ifo-Chef Clemens Fuest.

Welche Rolle spielen die Wahlen in wichtigen Euroländern für die EZB?

"Der große Belastungstest steht vermutlich am 7. Mai an, wenn die Stichwahl darüber entscheidet, ob mit Marine Le Pen eine erklärte Euro-Feindin französische Präsidentin wird", erläutern Ökonomen der Helaba. Solange diese Frage nicht geklärt sei, dürfte EZB-Präsident Draghi keine geldpolitische Kursänderung zulassen. Ähnlich sieht das ING-Diba-Chefvolkswirt Carsten Brzeski. Sollte sich die politische Unsicherheit nach den Wahlen in den Niederlanden und in Frankreich legen, könnte die Notenbank im Sommer Hinweise auf einen Ausstieg im Jahr 2018 geben. "Dieses Timing könnte helfen, das EZB-Bashing im beginnenden Wahlkampf in Deutschland zu dämpfen", sagt Brzeski.

Wann können Sparer auf steigende Zinsen hoffen?

Das dürfte noch eine Weile dauern. Notenbank-Chef Draghi betont immer wieder, dass die Zinsen auf absehbare Zeit niedrig bleiben werden. Erst im vergangenen Dezember verlängerten die Währungshüter ihr milliardenschweres Programm zum Kauf von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren bis mindestens Ende 2017. Für Sparer ist das Zinstief bei steigender Inflation bitter. Sparbuch und Co. werfen ohnehin kaum noch etwas ab. Solange die Teuerungsrate nahe der Nulllinie dümpelte, glich sich das in etwa aus. Bei steigenden Verbraucherpreisen bleibt Sparern unter dem Strich weniger Geld.

Wer profitiert von der EZB-Geldpolitik?

Alle, die Kredite aufnehmen, zum Beispiel Immobilienkäufer. Auch wenn die Zinsen wieder leicht steigen, sind Hypothekenkredite immer noch günstig. Die ultralockere Geldpolitik kommt auch dem deutschen Fiskus zugute, weil er sich günstig verschulden kann. "Wären die Zinsen auf dem Niveau des Jahres 2007 geblieben, hätte der deutsche Staat über die Zeit um rund 250 Milliarden Euro höhere Zinsausgaben stemmen müssen", rechnete Bundesbank-Präsident Jens Weidmann jüngst in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" vor.

Ist ein Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik so einfach?

Die EZB kann nicht von heute auf morgen einfach den Geldhahn zudrehen. Das würde zu schweren Turbulenzen an den Finanzmärkten führen. Um den Markt vorzubereiten, müssten die Währungshüter das Auslaufen der Wertpapierkäufe einige Monate vorher ankündigen, erläutert Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Nach Ansicht von Bundesbank-Präsident Weidmann sollte die EZB allerdings bald die Weichen für einen Ausstieg stellen: "Wir reden ja nicht über eine geldpolitische Vollbremsung, sondern darüber, einen sehr expansiven geldpolitischen Kurs etwas weniger expansiv auszugestalten."

Quelle: n-tv.de