Wirtschaft

Milch, Mais, Dünger und StahlWie der Iran-Krieg Wirtschaft und Verbraucher trifft

21.03.2026, 12:14 Uhr
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Ein Großteil des Jahresverbrauchs an Diesel wird von März bis Juni benötigt, sagt Bauernpräsident Rukwied. (Foto: picture alliance/dpa)

Der Krieg im Nahen Osten ist Tausende Kilometer von Deutschland entfernt und hat längst Firmen und Verbraucher erreicht. Den Ölpreisschock spüren die Menschen nicht nur an Tankstellen. Er droht, sich über höhere Energie- und Transportkosten tief in viele Lebensbereiche und Branchen zu fressen. Ökonomen rechnen mit einer deutlich anziehenden Inflation und einem Dämpfer für die ohnehin anfällige Konjunkturerholung in Deutschland, vor allem sollten die Kämpfe lange andauern. Ein Überblick, wie der Krieg immer mehr die Wirtschaft trifft und was auf Verbraucher zukommt.

Lebensmittel

Forscher befürchten, dass der Krieg die Lebensmittelpreise hochtreibt. Handelsexperte Carsten Kortum rechnet vor allem bei energieintensiven Produkten wie Backwaren, Milchprodukten sowie verarbeiteten Lebensmitteln wie Tiefkühlkost oder Getränken mit steigenden Preisen. Auch Produkte mit langen Lieferwegen wie Fisch oder Obst könnten wegen höherer Logistik- und Beschaffungskosten teurer werden, sagte der Professor der Dualen Hochschule Heilbronn. "Zunächst sind einzelne Spezialitäten sowie Obst und Gemüse betroffen, mittelfristig zieht der Preisdruck jedoch durch weite Teile des Lebensmittelkorbs."

Laut Samina Sultan vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) ist die Lage bei Getreide, Mais, Soja und Reis besonders kritisch - wegen hoher Düngemittelpreise. "Hier sind Preissteigerungen wahrscheinlich", sagte die Ökonomin. Da Soja und Mais auch als Futtermittel verwendet werden, könne auch Fleisch teurer werden.

Experten der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie erwarten ebenfalls Folgen bei den Preisen. Die Kosten für Produktion und Auslieferung an den Handel nähmen deutlich zu, sagte Geschäftsführer Olivier Kölsch. Auch Holger Eichele vom Deutschen Brauer-Bund erklärte: Steigende Energie- und Rohstoffpreise könnten zu höheren Produktionskosten in der Getränkebranche führen. Branchenexperte Kai Hudetz vom IFH Köln erwartet, dass der Handel Zusatzkosten mindestens teilweise an Verbraucher weiterreichen wird.

Autofahrer

Autofahrer trifft es spürbar: Superbenzin war zuletzt mehr als 25 Cent je Liter teurer als vor Kriegsbeginn, Diesel um mehr als 40 Cent. Bleiben die Preise auf dem aktuellen Niveau, würde das - grob auf typische Verbräuche und Jahresfahrleistungen hochgerechnet - einen Dieselfahrer pro Monat mit etwa 40 Euro zusätzlich belasten und den Fahrer eines Benziners mit rund 20 Euro.

Landwirtschaft

Die Bauern klagen über steigende Preise für Dünger und Sprit. "Gerade jetzt für die Frühjahrsbestellung sind die sprunghaften Preissteigerungen beim Diesel besonders schmerzhaft, auch die Preise für Dünger schießen nach oben", sagte Bauernpräsident Joachim Rukwied kürzlich. Ein Großteil des Jahresverbrauchs an Diesel werde im Zeitraum von März bis Juni verbraucht, so Rukwied. Von bis zu einem Drittel spricht er.

Die Preise für Dünger steigen aktuell infolge verzögerter Ammoniaklieferungen. Rund ein Fünftel des Welthandels läuft durch die gesperrte Straße von Hormus. Noch gebe es aber keine Probleme bei der Versorgung der Landwirtschaft mit Mineraldüngern, erklärte der Industrieverband Agrar. "Bislang sind erste Auswirkungen auf die Preisentwicklung zwar spürbar, aber von Preisspitzen wie nach Russlands Überfall auf die Ukraine vor vier Jahren ist der Markt noch weit entfernt."

Luftverkehr

Lufthansa-Chef Carsten Spohr hat die Drehkreuze am Persischen Golf als Achillesferse des internationalen Luftverkehrs bezeichnet. Tatsächlich haben die iranischen Angriffe die Passagierströme zwischen Asien und Europa komplett verschoben. In der Folge sind die Preise auf die sicheren Direktverbindungen ohne Umstieg in den Emiraten stark gestiegen. Die Kapazitäten der Golf-Airlines fehlen auch im weltweiten Luftfrachtsystem. Hier ziehen die Raten heftig an. Den höheren Kerosinpreis können Airlines für eine begrenzte Zeit wegstecken, wenn sie über Termingeschäfte entsprechende Vorsorge getroffen haben. Das IW rechnet allgemein mit Mehrkosten für Passagiere. Flugreisen dürften sich wegen der höheren Kerosinpreise verteuern, sagte Ökonomin Sultan.

Stahl

Die energieintensive Stahlindustrie ist in Sorge. "Ein dauerhaft höherer Gaspreis hätte Auswirkungen auf die Produktionskosten, weil Erdgas an vielen Stellen in der Produktion eingesetzt wird", sagte eine Sprecherin vom Thyssenkrupp Steel, Deutschlands größtem Stahlkonzern. Gas komme etwa beim Beheizen von Öfen zum Einsatz oder als Grundlage für technische Gase. Öl dagegen spiele im Energiemix des Konzerns eine untergeordnete Rolle. "Indirekte Auswirkungen können sich - wie in der gesamten Industrie - vor allem über die Verteuerung allgemeiner Energiepreise, Transportkosten und Vorprodukte ergeben", erklärte die Sprecherin. Aber: "Sollten höhere Energiepreise die wirtschaftliche Entwicklung belasten, könnte sich das perspektivisch auch auf die Nachfrage unserer Kunden auswirken."

Seine Rohstoff- oder Logistikströme sieht Thyssenkrupp Steel indes nicht beeinträchtigt, da der Konzern die Straße von Hormus grundsätzlich nicht für Transporte nutze. Kostensteigerungen seien dennoch nicht zu vermeiden, weil Fracht sich durch höhere Treibstoffkosten verteure.

Chemie

Die Chemie verbraucht viel Gas und Öl. Sie ist vom Anstieg der Energiepreise besonders betroffen. Steigende Kosten kann die Branche aber nicht immer an Kunden weitergeben. Das belastet ihre Margen. Öl und Gas spielen in der Chemie zudem eine zentrale Rolle als Ausgangsstoffe: etwa für Kunststoffe, Dünger, Medikamente, Lösungsmittel und Kosmetika. Der Iran-Krieg trübt die Aussichten für die ohnehin kriselnde Branche. Sie leidet unter teurer Energie, Überkapazitäten am Weltmarkt und der schwachen Wirtschaft. Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands VCI, warnte jüngst vor Versorgungsengpässen bei Rohstoffen wie Ammoniak, Phosphat, Helium und Schwefel. Die Straße von Hormus ist faktisch blockiert.

Spediteure

Der gestiegene Ölpreis hat Diesel stark verteuert. Das belastet Spediteure stark. "Die Dieselpreisexplosion trifft die Transportbranche in besonderer Härte, da die Kraftstoffkosten rund ein Drittel der Gesamtkosten ausmachen", sagte jüngst Dirk Engelhardt, Chef des Bundesverbands Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL). Viele mittelständische Betriebe gerieten durch den Anstieg des Dieselpreises an ihre Grenzen. Der BGL forderte Soforthilfen von der Politik, wie eine Dieselpreisbremse und zinsgünstige Liquiditätshilfen.

Reedereien

Der Krieg im Nahen Osten hat direkte Folgen für die Schifffahrt. Der Verband Deutscher Reeder (VDR) geht davon aus, dass mindestens 30 Schiffe von zehn Reedereien mit Deutschlandbezug und etwa 1000 Seeleute im Persischen Golf festsitzen. Etwa die Hälfte davon sind Containerschiffe. Die Deutsche Marine spricht von mehr als 50 Schiffen. VDR-Hauptgeschäftsführer Martin Kröger berichtete kürzlich von Drohnen- und Raketenangriffen auf Handelsschiffe. Gleichzeitig warten viele Schiffe, die in den Golf einfahren wollen, auf eine Passage durch die gesperrte Seestraße. Etwa 500 Schiffe sollen es sein. Wie viele davon deutschen Reedereien gehören, ist unbekannt.

Autoindustrie

Die Branche kommt bisher glimpflich davon. Bei BMW und Audi hieß es, dass die Lieferketten stabil seien, es gebe keine Beeinträchtigungen. Auch der VW-Konzern spürt derzeit keine Folgen für die Produktion. Ganz ähnlich bei Mercedes-Benz. Eine Sprecherin des Verbands der Automobilindustrie (VDA) beschrieb hingegen Folgen für die Lieferketten: "Insbesondere durch gestiegene Frachtkosten und geänderte Transportwege." Unternehmen und VDA beobachteten die Entwicklungen genau. Bei Bedarf priorisierten die Unternehmen Transporte neu.

Maschinenbau

Die Golfregion war zuletzt eine der wenigen Regionen mit stabilem Exportwachstum für Maschinenbauer. Dieses Wachstum droht nun einzubrechen. Viele Projekte in den von Öl- und Gasförderung abhängigen Branchen sind gestoppt, wie der Verband VDMA berichtet. Sollte der Konflikt länger dauern, sei hier mit negativen Effekten zu rechnen. Vor Ort machten gestörte Lieferketten den Unternehmen Sorgen, weil die wichtigen Häfen Abu Dhabi und Dubai vom internationalen Verkehr abgeschnitten seien. Verzögerungen sowie gestiegene Transport- und Versicherungskosten seien problematisch und könnten oft nicht an Kunden weitergereicht werden.

Quelle: ntv.de, lwe/dpa

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