Wirtschaft

Wilde Szenen an der ZapfsäuleAustralien geht der Treibstoff aus

31.03.2026, 17:10 Uhr DSC8670-Edit-3-7Von Christian Herrmann
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Autofahrer sitzen auf dem Trockenen: An einer Tankstelle in Rockdale in Sydney geht nichts mehr. (Foto: picture alliance/dpa/AAP)

Australien gehört zu den größten Exporteuren von Kohle und Erdgas weltweit. Doch Benzin und Diesel importiert das Land: Vor gut zehn Jahren schließen die Mineralölkonzerne eine Raffinerie nach der anderen. Im Iran-Krieg bezahlen australische Autofahrer den Preis. Experten warnen vor einer Rückkehr zum alten System. 

2011 zieht Shell die Reißleine. Der Mineralölkonzern kündigt an, 2013 seine Raffinerie im australischen Clyde zu schließen. Es ist ein heftiger Einschnitt für die australische Kraftstoffversorgung: Die Anlage westlich von Sydney stellte fast 40 Prozent des Treibstoffs her, der täglich in New South Wales verbraucht wurde, Australiens bevölkerungsreichstem Bundesstaat.

Doch die Raffinerie ist zum damaligen Zeitpunkt bereits mehr als 90 Jahre alt. Sie kann Rohöl nicht so effizient und günstig zu Bitumen, Schmier- und Kraftstoffen weiterverarbeiten wie die neuen Mega-Raffinieren, die damals in Südostasien entstehen, zum Beispiel in Singapur. Für die Betreiber australischer Tankstellen ist es günstiger, den Treibstoff im Ausland einzukaufen, als ihn selbst herzustellen.

Shell ist mit dieser Einschätzung nicht allein: Ein Jahr später zieht die Tankstellenkette Caltex nach. Die Tochter des US-amerikanischen Mineralölkonzerns Chevron macht 2014 ihre Raffinerie Kurnell südlich von Sydney dicht. 2015 schließt der britische Konzern BP seine Anlage Bulwer Island in Queensland. Wenig später folgen zwei weitere.

"Kein profitables Geschäft"

Das Argument ist immer dasselbe: Der Betrieb rechne sich nicht mehr. Das sei ein weltweites Problem, sagt der Mineralölexperte Gavin Wendt, damals Analyst bei ABC News Australien. "Die Margen fallen seit einiger Zeit. Das ist einfach kein besonders profitables Geschäft mehr."

Die australische Regierung lässt damals untersuchen, ob die australische Treibstoffversorgung in Gefahr gerät, wenn Shell, Caltex und andere Mineralölkonzerne ihre Raffinerien schließen und Australien Benzin, Diesel und andere Ölprodukte stattdessen importiert. Das Ergebnis fällt eindeutig aus: "Der Rückgang der heimischen Raffinerie-Kapazitäten wird die Versorgungssicherheit Australiens mit flüssigen Kraftstoffen nicht beeinflussen", heißt es in dem Bericht. "Rohölimporte in diesem Umfang mit Importen raffinierter Kraftstoffe zu ersetzen, stellt kein zusätzliches Risiko für die Versorgungssicherheit dar."

2016 ändert sich die Welt

Es war eine andere Zeit. Vor gut zehn Jahren lag der Ölpreis bei unter 40 US-Dollar pro Barrel. Die Welt lebte Globalisierung, Freihandel und Zusammenarbeit. 2015 unterzeichneten Deutschland, Frankreich, das Vereinigte Königreich, China, Russland und die USA unter Führung von Barack Obama das Atomabkommen mit dem Iran. Die iranische Atombombe sollte diplomatisch verhindert werden.

Ein Jahr später zerbrach diese Welt. Die USA wählten erstmals Donald Trump zu ihrem Präsidenten. 2018 kündigte er an, dass die Vereinigten Staaten aus dem Atomabkommen mit dem Iran aussteigen würden. Der Rest ist Geschichte. Der amerikanisch-israelische Krieg gegen den Iran hat einen globalen Öl- und Gasschock ausgelöst. Im Brennpunkt? Australien.

Tankstellen riegeln ihre Zapfsäulen ab. Lkw-Fahrer sitzen im Hinterland fest. Landwirte können ihre Felder nicht bewirten, weil es keinen Diesel mehr gibt. Nicht nur der Deutschlandfunk berichtet von abenteuerlichen Szenen an Tankstellen.

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Bitte nicht hamstern

Australien geht der Treibstoff aus. Das Land gehört zu den größten Exporteuren von Kohle und Gas, bezieht inzwischen aber mehr als 90 Prozent seiner Kraftstoffe aus dem Ausland.

Doch die Lieferanten liefern nicht mehr. Singapur, Südkorea und andere Exporteure beziehen ihr Rohöl vorwiegend aus den Golfstaaten, also über die Straße von Hormus. Die jedoch bleibt auch in der fünften Kriegswoche weitgehend geschlossen. Nur eine Handvoll Tanker dürfen die Meerenge mit Erlaubnis des Iran passieren. Was in den südostasiatischen Mega-Raffinerien ankommt, wird für die heimische Bevölkerung aufbereitet. Eigenbedarf geht vor.

Australien verfügt für Notfälle über Diesel- und Kerosin-Reserven für jeweils 30 Tage sowie über Benzinreserven für 39 Tage. Laut der australischen Regierung ist die Versorgung mit allen Kraftstoffen auch ohne Rationierung bis mindestens Mai gesichert. Neue Lieferungen sind demzufolge bereits auf dem Weg.

Die Engpässe an den Tankstellen? Punktuell, heißt es. Das Ergebnis von Hamsterkäufen; nicht von ausbleibenden Lieferungen. Ein Kunde habe fast 5000 Liter Diesel abgezapft, bevor er gestoppt werden konnte, erzählt etwa ein Tankstellenbetreiber im Deutschlandfunk.

Drei Maßnahmen der Regierung

Problematischer sind wie in Deutschland derzeit die Kosten: Die Preise für Benzin und Diesel haben sich an australischen Tankstellen seit Beginn des Iran-Kriegs fast verdoppelt. Um die Lage zu entschärfen, senkt die australische Regierung die Mineralölsteuer vom 1. April für drei Monate von 52,6 auf 26,3 Cent pro Liter. Autofahrer sollen damit bei einer typischen Tankfüllung etwa 19 australische Dollar sparen - das entspricht etwa 11 Euro.

Außerdem werden Schwerlastfahrzeuge für drei Monate von der Straßennutzungsgebühr befreit. Zudem dürfen Tankstellen 60 Tage lang Diesel mit einem höheren Schwefelgehalt anbieten. Das soll die verfügbare Menge erhöhen. Die Maßnahmen kosten den Staat nach Angaben von Finanzminister Jim Chalmers rund 2,55 Milliarden australische Dollar (1,5 Milliarden Euro) und sollen vor allem Haushalte sowie Unternehmen entlasten

Langfristig muss sich die australische Regierung jedoch ähnliche Fragen stellen wie viele andere, die vom Iran-Schock überrascht wurden: Wie können wir kostengünstige Versorgungssicherheit herstellen?

Für die australische Mineralölindustrie ist die Lösung offensichtlich: Australien muss seine Treibstoffversorgung wieder in die eigenen Hände nehmen. Laut dem Verband der Australischen Energieproduzenten hat das Land "erhebliche, unerschlosse Ölvorkommen". Diese könnten die Versorgungssicherheit stärken und die Abhängigkeit von Importen verringern - wenn die politischen Rahmenbedingungen stimmen, sprich: Die australische Regierung muss die Projekte und damit die Branche finanziell unterstützen.

Eine teure Lösung?

Kritiker warnen trotz der aktuellen Krise vor Schnellschüssen. Denn die Ölfelder sind bestenfalls mehrere Jahre von der Erschließung und Förderung entfernt. Selbst dann wäre das ursprüngliche Problem nicht gelöst: Das Rohöl zu Benzin und Diesel weiterverarbeitet wird, bevor es an der Tankstelle angeboten werden kann. Shell, Caltex und Co. haben ihre Raffinerien aber nicht nur stillgelegt, sondern abgerissen. Derzeit hat Australien nur noch zwei laufende Anlagen.

Um für jede weitere geopolitische Krise gewappnet zu sein, müsste das Land neue Raffinerien bauen. Das würde weitere Jahre dauern. Experten kalkulieren zudem mit Kosten zwischen 5 und 15 Milliarden australischer Dollar pro Anlage - umgerechnet 3 bis 9 Milliarden Euro.

Ob die australischen Anlagen anschließend mit südostasiatischen Mega-Raffinerien konkurrieren könnten, ist ebenfalls offen. Möglicherweise müsste also nicht nur der Bau, sondern auch der Betrieb subventioniert werden. Setzt man diesen Plan um, könnte den Experten zufolge das Gegenteil dessen eintreten, was man eigentlich erreichen will: Die heimische Förderung und Raffinierung könnte die Kraftstoffpreise langfristig sogar erhöhen, anstatt sie zu senken.

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Quelle: ntv.de

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