Wirtschaft
Freitag, 14. Mai 2010

Per Saldo: Vom Umgang mit der Wahrheit

Diana Dittmer

Eine zentrale Regel für Kommunikationsprofis lautet: "Du musst immer die Wahrheit sagen. Aber du musst nicht alles sagen, was wahr ist." Josef Ackermann, Chef der Deutschen Bank und Deutschlands mächtigster Banker hätte diesen Leitspruch in seinem jüngsten Interview besser beherzigen sollen.

Wahrheitstrunk, nein Danke! Diese Krise hat nichts mit Zauberei oder Hexerei zu tun. Starke Worte werden jetzt eher gebraucht als abgehalfterte Wahrheiten.
Wahrheitstrunk, nein Danke! Diese Krise hat nichts mit Zauberei oder Hexerei zu tun. Starke Worte werden jetzt eher gebraucht als abgehalfterte Wahrheiten.(Foto: Pixelquelle/Dirk Schelpe)

Zwar hat der oberste Deutsch-Banker mit seiner öffentlich geäußerten Einschätzung höchstwahrscheinlich recht, dass Griechenland trotz der Hilfen von EU und IWF irgendwann notgedrungen an den Punkt kommen wird, an dem es seine Schulden nicht zurückzahlen kann. Also pleite ist. Schließlich bekommt Athen bislang kein Geld geschenkt, sondern nur zu günstigeren Konditionen geliehen als es sich das hochverschuldete Land derzeit alleine an den Kapitalmärkten besorgen kann.

Die Schuldenorgie Hellas wird weiter gehen. Selbst wenn die rigiden Sparmaßnahmen funktionieren, werden sie nicht verhindern, dass die Staatsverschuldung Griechenlands weiter steigt. Es ist absehbar, dass Athen in den kommenden Jahren seine Schulden nicht bedienen kann, was völlig verharmlosend auch "Haircut" genannt wird. Damit kennt sich jeder, der die ökonomischen und politischen Entwicklungen in der Schuldenkrise verfolgt, inzwischen aus. Nichts anderes hat Ackermann im Interview gesagt. Die Wahrheit eben. Aber musste ausgerechnet Ackermann dies laut und vor allem öffentlich in einer Talkshow von sich geben? Nein!

Denn die augenblickliche Eurokrise ist vor allem eine Vertrauenskrise. Die Märkte, konkreter gesagt die Anleger, misstrauen dem Wert der auf Papier gedruckten Gemeinschaftswährung. Überdeutlich wird dies am weiter abstürzenden Eurokurs auf der einen Seite und an dem neuen Rekordniveau des Goldpreises andererseits. Erst in dieser Woche - also nach der konzertierten Rettungsaktion - hat das Edelmetall in Dollar ein neues Allzeithoch erreicht. Die Flucht in den sicheren Hafen geht also ungebrochen weiter. In Euro gerechnet jagt der Goldpreis mittlerweile seit Monaten von Rekord zu Rekord. Man muss sich fragen, welche Signale Europa noch senden muss, damit in den Märkten Ruhe einkehrt.

Keine Visionen, kein Vertrauen

Der am vergangenen Wochenende in der höchsten Not eilig gespannte Rettungsschirm diente vor allem einem Ziel: Panik an den Finanzmärkten zu vermeiden und Zeit zu gewinnen. Euroland muss sich selbst und der Welt Wege aus der Krise aufzeigen. Zeigen, wie die überbordende Verschuldung irgendwann gestoppt und irgendwann sogar zurückgeführt werden kann.

Eins ist klar: Dies kann nicht von heute auf morgen gelingen (wenn es überhaupt gelingt). Die absehbaren Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen brauchen Zeit, bis sie wirken. Und Zeit braucht Vertrauen. Josef Ackermann hat dieses erfolgreich angekratzt. Ein Top-Banker, eine Führungspersönlichkeit sollte es besser wissen. Er sollte seine Worte abwägen. Einfach zu sagen, "ob Griechenland über die Zeit wirklich in der Lage ist, diese Leistungskraft aufzubringen, das wage ich zu bezweifeln", wird seinem Stand nicht gerecht. Und lapidar hinzuzufügen, es sei dennoch richtig gewesen, dass Griechenland stabilisiert werde, ist einfach zu platt.

Was sollen die Bürger, die in Euro zahlen, von solchen Stellungnahmen halten? Wie fühlen sich die Euro-Scheine in unseren Händen angesichts dieser Worte an? Fragen sich nicht immer mehr Bürger, ob schlechtem Geld nicht gutes Geld hinterher geworfen wird? Genau das - paradoxerweise -, was die Deutsche Bank selber im Fall der IKB erfolgreich verhindert hat. Die Deutsche Bank hatte im Juli 2007 die Kredilinien für den angeschlagenen Mittelstandsfinanzierer gekappt, "weil eine Schieflage schon eingetreten war", wie Ackermann bei einer Vernehmung vor Gericht im Zusammenhang mit der Beinahe-Pleite der IKB aussagte. In dem Zusammenhang fragt man sich unweigerlich, wie es denn um die Bankenbeteiligung bei der Griechenland-Hilfe bestellt ist? Kommt da noch was?

Mit Vertrauensbildung haben die Worte von Ackermann also wenig zu tun. Aber wen schert es? Die Deutsche Bank nicht. Vor Jahren schrieb ein Kommentator einmal, die Marke Deutsche Bank pflege bewusst die selbstbewusste und damit auch polarisierende Kommunikation. Dahinter läge keine Strategie, sondern eher Zufall und stumme Billigung dieser Ausrutscher. Sie werden intern einfach in Kauf genommen. So war es auch im Fall Mannesmann und dem medial etwas verunglückten Victory-Zeichen. Es ist die Unternehmensphilosophie. Nur kann sich Europa leider im Augenblick eine solche Philosophie in Form verbaler Ausrutscher nicht leisten.

Quelle: n-tv.de