Meldungen

Ost-West-Gefälle Fachkräftemangel vertieft Kluft

Die Wirtschaft in Ostdeutschland droht wegen des Mangels an Fachkräften den Anschluss an die alten Bundesländer gänzlich zu verpassen. "Die Ost-West-Kluft vertieft sich, weil junge, hochqualifizierte Fachkräfte abwandern", sagte der Präsident des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft, Mario Ohoven, im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa. So sei der Mangel an Fachkräften in den neuen Bundesländern akuter als im Westen. Für etwa 80 Prozent der offenen Stellen fehlten geeignete Bewerber, sagte er. "Im Westen sind es etwa 60 Prozent." Ohoven nimmt in dieser Woche an einer Tagung zu "Fachkräftesicherung in Ostdeutschland" in Jena teil.

"Wir haben einen generellen Mangel in Ost- und Westdeutschland", sagte er. "In ganz Deutschland fehlen zurzeit allein 95.000 Naturwissenschaftler und Ingenieure." Der Mangel werde sich in den kommenden Jahren verschärfen. "Wir wissen aus einer Umfrage, dass sich jedes zweite mittelständische Unternehmen vom Fachkräftemangel bedroht fühlt - und zwar schon jetzt." Dieses Problem koste Deutschland allein in diesem Jahr rund 23 Milliarden Euro. Schon jetzt sei klar, dass die Zahl der Arbeitskräfte in Deutschland mittelfristig von derzeit 40 Millionen auf unter 30 Millionen sinken werde, sagte der Verbandspräsident.

Der Mittelstand müsse im Wettbewerb mit den Konzernen um Fachkräfte und Akademiker attraktiver werden. "Das heißt etwa, dass wir eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie brauchen." Zudem müsse die Zusammenarbeit der mittelständischen Unternehmen mit den Hochschulen verbessert werden, um Fachkräfte frühzeitig zu binden. Als wichtiges Projekt nannte er auch das Netzwerk "Junge Karriere Mitteldeutschland" in Sachsen-Anhalt, das anderen Bundesländern als Vorbild dienen könne. Vor allem die mittelständischen Betriebe im Osten müssten ihre Außenwirkung verbessern, etwa durch Investitionen in die Firmen-PR, sagte Ohoven. "Dadurch würden die Unternehmen auch im Wettbewerb um Fachkräfte um Klassen besser dastehen."

Versäumnisse bei der Ausbildung junger Fachkräfte in den vergangenen Jahren habe sich zumindest der Mittelstand nicht zu Schulden kommen lassen. "80 Prozent der Lehrlinge werden vom Mittelstand ausgebildet", sagte Ohoven. "Viele Betriebe bilden mehr Jugendliche aus, als sie anschließend übernehmen können."

Bis 2020 könnten 6 Millionen fehlen

Auch die Unternehmensberatung McKinsey rechnet mit einem zunehmenden Arbeitskräftemangel in Deutschland, der weit über die Dimensionen der heutigen Fachkräfteknappheit hinausgeht. Bis zum Jahr 2020 könnten in Deutschland rund sechs Millionen Arbeitskräfte fehlen, sagte Deutschland-Chef Frank Mattern der Tageszeitung "Die Welt". Grundlage für dieses Szenario sei ein Wirtschaftswachstum von durchschnittlich drei Prozent im Jahr, das aus Sicht von McKinsey notwendig wäre, um Deutschland wieder in der Spitzengruppe der wirtschaftsstärksten Länder Europas zu etablieren. Wächst die Wirtschaft lediglich mit 1,6 Prozent, wie im Mittel der vergangenen zehn Jahre, fehlen laut McKinsey in dreizehn Jahren immerhin 4,5 Millionen Beschäftigte in Deutschland.

Gesucht würden nicht nur hoch qualifizierte Arbeitskräfte. Personalnot gebe es 2020 auch in Bereichen, die heute noch als weitgehend unproblematisch gelten, sagte Mattern. Er nannte Handel, Gesundheit und Finanzen.

Quelle: ntv.de