Wirtschaft
Im sogenannten Mediaspree-Viertel von Berlin siedeln sich immer mehr Unternehmen an.
Im sogenannten Mediaspree-Viertel von Berlin siedeln sich immer mehr Unternehmen an.(Foto: imago/Contrast/Pollack)
Donnerstag, 06. April 2017

Start-ups treffen sich in Berlin: "Die Stadt der künftigen Konzernzentralen"

Seit mehr als zehn Jahren treffen beim "Startup Camp Berlin" (SCB) erfolgreiche Unternehmer auf die, die das werden wollen. Auch am 7. und 8. April zieht es wieder junge Gründer und erfahrene Unternehmer zu der Konferenz in der Hauptstadt. Im Interview mit n-tv.de spricht Mitorganisator Sascha Schubert über den Standort Berlin, Erwartungen an die Politik und über aktuelle Start-up-Trends.

n-tv.de: Das "Startup Camp" findet bereits seit zwölf Jahren statt. Welche Idee steckt dahinter?

Sascha Schubert: Wir, der Bundesverband Deutsche Startups, wollen Menschen, die kurz vor der Gründung eines Start-ups stehen, die Chance geben, mit erfahrenen Unternehmern, Investoren und der etablierten Wirtschaft in den Austausch zu gehen. Beim "Startup Camp" sollen junge Gründer die ersten 15 Business-Visitenkarten sammeln, die Ihnen beim Aufbau ihrer Startups weiterhelfen.

Ihre Veranstaltung findet in Berlin statt, dem Zentrum der deutschen Start-up-Szene. Was macht Berlin so attraktiv für Gründer?

Früher haben die relativ günstigen Mieten und der Überschuss an jungen Talenten den Standort Berlin für Gründer attraktiv gemacht. Viele der Uni-Absolventen konnten trotz wenig Geld im ersten Job ein gutes Leben in Berlin leben. Heute hat sich der Fokus verschoben: Die Gründer kommen wegen des guten Start-up-Ökosystems nach Berlin. Neben einer sehr aktiven Szene gibt es in Berlin viele internationale Investoren. In keiner anderen deutschen Stadt wird mehr in Start-ups investiert als hier.

Welches Potenzial sehen Sie im Standort Berlin?

Sascha Schubert ist stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Startups und einer der Organisatoren des "Startup Camp Berlin".
Sascha Schubert ist stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbandes Deutsche Startups und einer der Organisatoren des "Startup Camp Berlin".(Foto: Bundesverband Deutsche Startups)

Berlin ist weiterhin ein stark wachsender Start-up-Standort. Die ursprünglichen Faktoren für den Aufstieg zur Start-up-Stadt, wie etwa niedrige Mieten, sind zum Teil nicht mehr da. Dafür sind nun mehr Investoren vom Business Angel bis zum Venture Capital in der Stadt. Berlin hat gute Chancen die Stadt der zukünftigen Konzernzentralen der digitalen Wirtschaft zu werden. Mit Zalando sitzt bereits ein Unternehmen hier, das bald vermutlich mehr als zehn Milliarden Euro wert ist. Inzwischen prägt das Unternehmen mit seinen vielen tausend Arbeitsplätzen Teile der Berliner Wirtschaft. Es gibt einige neue Start-ups, die zwar noch nicht mit Zalando vergleichbar sind, aber durchaus die Ambition und die Chance haben, ähnlich groß zu werden. Diese Firmen können das zukünftige Borsig oder das neue Siemens werden. Insbesondere im Bereich FinTech und Health Care ist Berlin ein starker Standort. Für viele Themen ist die Stadt auf einem europäischen Spitzenniveau.

Was Investitionsvolumina angeht, hat London Berlin allerdings als Start-up-Hauptstadt Europas abgelöst.

Sie spielen auf den Branchenmonitor von Ernst & Young an. Demnach wurde Berlin von London und Paris überholt. Das ist vor allem durch hohe Einzelinvestitionen zu erklären. Berlin ist längst noch nicht auf dem Preisniveau von Paris oder London. Deswegen sind solche Studien immer relativ zu betrachten. Wegen des freien Marktes und des hohen Ansehens ist Berlin im vergangenen Jahr für junge Talente aus dem Ausland sogar noch attraktiver geworden. Die Start-up-Szene hier ist sehr lebendig. Aber auch in Paris und London wird gute Arbeit gemacht, die Rahmenbedingungen werden verbessert und es gibt ambitionierte Gründer mit sehr guten Ideen.

Welche deutschen Städte könnten Berlin perspektivisch Konkurrenz machen?

Konkurrenz ist vielleicht nicht der richtige Begriff. Wir profitieren voneinander, wenn wir uns austauschen und zusammenarbeiten. Im süddeutschen Raum gibt es viele Industrieunternehmen und Automobilhersteller. Es ist durchaus sinnvoll, Start-ups aufzubauen, die mit diesen Unternehmen zusammenarbeiten. In Stuttgart und in München sitzen auch gute Leute und erfahrene Investoren mit tiefen Taschen. Deshalb muss sich Berlin anstrengen, wenn es weiter mit großem Abstand führen will. Insgesamt sind starke Standorte in Stuttgart, München, Köln oder Frankfurt gut für den Standort Deutschland und im zweiten Schritt gut für Berlin. Je mehr internationale Aufmerksamkeit Deutschland bekommt, umso mehr Investoren kommen hierher. Erfolgreiche Gründungen basieren aber vor allem auf der Arbeit des Start-up-Teams, das sollte bei der Standortdebatte nicht vergessen werden.

Auch das Startup Camp in Berlin soll die Aufmerksamkeit vergrößern. Die Liste der Aussteller ist lang. Nach welchen Kriterien wurden die Start-ups ausgesucht?

Für die Start-ups gibt es zwei Möglichkeiten, sich beim SCB zu präsentieren. Für die Ausstellung, die Startup Expo, die parallel zum Konferenzgeschehen stattfindet, haben wir Start-ups danach ausgesucht, ob sie ein Produkt haben, das man auf einer Messe gut vorführen kann. Sie müssen schon so weit sein, dass sie mit ersten Kunden sprechen können. Bei der Vielfalt der Bewerber haben wir uns im Zweifel für Start-ups entschieden, bei denen wir eine höhere Ambition, also einen größeren Markt, erkannt haben. Gleiches gilt für den Pitch Marathon: Insgesamt 26 Start-ups pitchen jeweils fünf Minuten vor einer ausgewählten Jury. Die Unternehmen haben bereits ein fertiges Produkt und zum Teil schon eine kleine Finanzierungsrunde hinter sich. Nun sind sie erneut auf der Suche nach Business-Angels oder Early-Stage-Venture-Capital-Investoren.

Sie erwarten mehr als 1000 Gäste. Warum lohnt sich die Teilnahme am SCB als Gast?

Das SCB ist dafür gedacht, jungen Talenten innerhalb von zwei Tagen ein inhaltliches Grundgerüst mitzugeben, um ein Start-up gründen zu können. Darüber hinaus können sie erste Kontakte zu Investoren knüpfen oder sogar die ersten Kunden gewinnen.

Ist bereits ein Trend erkennbar, der das SCB in diesem Jahr bestimmen wird?

Es gibt drei Trends: Zum einen ist FinTech ein Thema, das bereits einen gewissen Reifegrad erreicht hat. Im vergangenen Jahr war dies der größte Investitionsbereich. Zudem ist der Bereich E-Health oder Digital Health im Trend. Dieser umfasst Anwendungen beziehungsweise digitale Lösungen aus dem Bereich Gesundheit. Den dritten Bereich markieren sogenannte Industrial Start-ups. Diese bemühen sich darum, Industrie grüner und effizienter zu machen.

Neben erfolgreichen Unternehmern wie Ralf Dümmel oder Daniel Krauss wird auch der bulgarische Wirtschaftsminister Teodor Sedlarski zum Publikum reden. Warum haben Sie Bulgarien als Partnerland des diesjährigen "Startup Camps" ausgewählt?

Die Unternehmen, die inzwischen die Wirtschaft in Berlin prägen, sind meist jünger als zehn Jahre. In Bulgarien ist das ähnlich. Dort gibt es eine lebendige Start-up-Szene, die hierzulande kaum wahrgenommen wird. Im Jahr 2015 ist Bulgarien allerdings auf Platz vier der Länder in Europa gewesen, in denen Acceleratoren das meiste Geld investiert haben. Das heißt: In Bulgarien ist mehr los, als man es vielleicht denkt. Das war für uns ein Grund, neue Wege zu beschreiten und Bulgarien als Partner anzuwerben.

Sedlarskis deutsche Amtskollegin Brigitte Zypries wird die Schlussrede halten. Tut die Bundespolitik genug für junge Gründer?

Es freut uns sehr, dass die Wirtschaftsministerin der Start-up-Szene eine solche Bedeutung beimisst. Die Bundesregierung, insbesondere Brigitte Zypries und Sigmar Gabriel als Wirtschaftsminister, hat in der letzten Legislaturperiode viel für Start-ups getan. Sie haben die Venture-Capital-Rahmenbedingungen mit Unterstützung der KfW verbessert, die Angel-Besteuerung nicht verändert und viele weitere Themen angefasst. Trotzdem hat Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern nicht aufgeholt. Wir sind zwar deutlich schneller und besser geworden, aber das trifft auch auf die Konkurrenz zu.

Was kann denn getan werden, um die Rahmenbedingungen zu verbessern und die Gründerbereitschaft weiter zu steigern?

Der Staat muss Rahmenbedingungen schaffen, damit die Investitionen in neue Technologien steigen. Dies könnte mit einem Gründer-Fonds oder im Rahmen eines Venture-Capital-Gesetzes geschehen. In den USA wird fünf Mal so viel in Start-ups investiert wie in Europa. Die Politik muss sich also Gedanken machen, wie sie das Wachstums- und Gründungskapital um den Faktor fünf erhöhen kann. Dabei gilt zu beachten, dass der Aufholprozess fünf bis zehn Jahre dauern wird. In der jüngeren Vergangenheit sind zahlreiche Start-ups für mehrere Milliarden verkauft worden. Das zeigt, dass die zukünftige Wertschöpfung in der Kombination aus digitalem und industriellem Können liegt. In diesem Bereich müssen wir schleunigst aufholen. Ich würde mir aber auch einen Wechsel des Mindsets wünschen. Deutschland muss ein Standort werden, in der Herausforderer und zukünftige Weltmarktführer entstehen können, nicht nur Zulieferer.

Mit Sascha Schubert sprach Christoph Rieke

Quelle: n-tv.de