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Neuer Impfstoff gut verträglich Affen-Viren gegen Hepatitis C

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Ein Impfstoff aus Affen-Viren hilft Menschen gegen Hepatitis C.

(Foto: picture alliance / dpa)

Ein genetisch verändertes Schnupfenvirus aus Schimpansen regt das Immunsystem des Menschen zum Kampf gegen die Erreger von Hepatitis C an. Weitere Studien sollen nun die Wirksamkeit des experimentellen Präparates erweisen.

Ein neuartiger Impfstoff gegen die Erreger von Hepatitis C hat sich in einem ersten Test an gesunden Menschen als gut verträglich erwiesen. Das Präparat nutzt gentechnisch veränderte Viren aus Schimpansen, um das menschliche Immunsystem gegen die gleichfalls viralen Auslöser von Hepatitis C zu mobilisieren. Bislang gibt es keinen wirksamen Impfstoff gegen Hepatitis C. Zwei Forschergruppen berichten im Journal "Science Translational Medicine", wie sie zuerst das passende Affen-Virus identifizierten und dieses später zum experimentellen Impfstoff entwickelten. Ob das Präparat die Zahl neuer Infektionen beim Menschen tatsächlich verringern kann, wurde noch nicht geprüft.

Das mit dem Blut übertragene Hepatitis C-Virus (HCV) führt in vielen Fällen zu dauerhaften Infektionen. Weltweit sind davon rund 160 Millionen Menschen betroffen. In rund 20 Prozent der Fälle ist eine Leberzirrhose die Folge – dabei ändert sich die Gewebestruktur des lebenswichtigen Organs, seine Funktion leidet dauerhaft. Hinzu kommt Leberkrebs als weiteres Risiko, erklärt Daniel Lavanchy vom Allergieklinik-Zentrum für Kinder und Jugendliche in Genf im Journal "Clinical Microbiology and Infection". 350.000 Menschen sterben jährlich an Leberschäden, die im Zusammenhang mit Hepatitis C stehen, berichtet die Weltgesundheitsorganisation WHO. Das Virus verursacht also großes menschliches Leid und hohen wirtschaftlichen Schaden.

Übertragen wird es unter anderem durch infiziertes Drogenbesteck oder bei nicht sterilen Tätowierungen oder Piercings, heißt es bei der Aidshilfe. Häufig sei die Ursache aber nicht sicher zu klären. Der Erreger ist weltweit verbreitet. Nach Angaben der WHO hatten etwa zwei bis drei Prozent der Weltbevölkerung (130 bis 170 Millionen Menschen) Kontakt mit HCV. In Ägypten sind demnach bis 20 Prozent der Bevölkerung betroffen. In Afrika und der Region des Westpazifiks sind die Zahlen deutlich höher als in Nordamerika und Europa. Das Robert Koch-Institut schätzt den Anteil der Betroffenen in der deutschen Bevölkerung auf etwa 0,4 Prozent.

Neues Medikament

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Trotz Medikamente, die heilen, ist Vorbeugung gegen Hepatitis C wichtig.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die US-Arzneimittelbehörde FDA hatte kürzlich ein erstes direkt gegen HCV wirkendes Medikament namens Victrelis (Wirkstoff: Boceprevir) zugelassen. In Kombination mit anderen Präparaten heile dieses rund 70 Prozent der Patienten, die den am weitesten verbreiteten HCV-Typ tragen. Darauf weist Michael Houghton vom Li Ka Shing Institute of Virology an der Universität von Alberta im kanadischen Edmonton in einem Begleitartikel in "Science Translational Medicine" hin. Es gebe Hoffnung, dass in naher Zukunft alle HCV-Patienten geheilt werden könnten. Dennoch wäre zur Vorbeugung ein Impfstoff wichtig. Die veränderten Affen-Viren seien ein "cleverer" neuer Weg, heißt es in der Überschrift seines Beitrags.

Eines der beiden neuen Resultate stammt von der Gruppe um Alfredo Nicosia vom Biotechnik-Unternehmen Okairos in Rom, einer Ausgründung des Pharmakonzerns Merck. Nicosia und einige andere Mitglieder der Gruppe deklarieren gemäß den Statuten des Journals finanzielle Interessen an ihrer Arbeit. Die Forscher präsentieren neue Adeno-(Schnupfen-)Viren aus Schimpansen, die sich als Genfähren einsetzen lassen.

Dieses Verfahren ist zur Produktion von Impfstoffen verbreitet. Damit das Immunsystem seinen Gegner vor der realen Infektion "kennenlernt", wird die Erbsubstanz einiger seiner Bestandteile in Viren eingeschleust, die dann in den Organismus übertragen werden. Dort sorgen sie dafür, dass die Erbsubstanz abgelesen wird und so die "feindlichen" Proteine entstehen, damit der Organismus Antikörper oder eine andere Immunantwort ausbildet. Das Problem: Fast jeder Mensch hat gegen die weit verbreiteten menschlichen Adenoviren bereits Antikörper im Blut. Eine Therapie damit ist daher zumeist zum Scheitern verurteilt, denn auch die therapeutischen Viren werden ausgeschaltet, bevor sie die erwünschte Immunantwort hervorrufen können.

Viren aus Schimpansen

Nicosia und Kollegen suchten daher nahe verwandte Adenoviren und isolierten diese in großer Zahl aus den Ausscheidungen von Schimpansen, den nächsten Verwandten des Menschen. Diese Viren sind den menschlichen sehr ähnlich, und dessen Immunsystem kommt kaum mit den Erregern in Berührung. Die verschiedenen Affen-Viren erwiesen sich in Tests als unterschiedlich wirksam, die Varianten ChAd3 und PanAd3 stellten sich als aussichtsreiche Kandidaten heraus, erklären die Forscher in dem Journal.

Die zweite Gruppe um Paul Klenerman von der University of Oxford nutzte das Affenvirus ChAd3, um einige Proteine des Hepatitis-C-Virus in gesunde Versuchspersonen einzuschleusen, um das Immunsystem der Probanden gegen den Erreger zu aktivieren. Der Impfstoff erwies sich in dieser frühen klinischen Phase I als sicher und gut verträglich, wesentliche Nebenwirkungen wurden nicht beobachtet, schreibt Klenerman. Auch hier gibt es finanzielle Interessen: Die beiden Teams haben einige gemeinsame Mitglieder.

Klinische Versuche mit Drogenabhängigen

Zusammen mit seinen Kollegen wies er nach, dass die geimpften Probanden das Signalprotein Interferon-gamma herstellten – eines der Zeichen dafür, dass der Körper einen Eindringling bekämpft. Zudem fanden sich viele weitere Hinweise darauf, dass das Immunsystem gegen die eingeschleusten Viren-Proteine aktiviert wurde. Alles in allem zeige der Versuch, dass die Adenoviren in gesunden Menschen eine starke, breit wirksame, langanhaltende Antwort von Immunzellen gegen das Hepatitis C-Virus erzeugt, schreibt Klenerman.

"Die große und noch offene Frage ist, ob dieser Impfstoff die Zahl von Neuansteckungen in der geimpften Population verringert", schreibt Michael Houghton in seinem begleitenden Text. Ihm zufolge sind weitere klinische Versuche mit Drogenabhängigen geplant, die ein besonders hohes Risiko haben, sich zu infizieren. Personen mit einer mehrjährigen Drogenkarriere tragen das Virus zu bis zu 90 Prozent, heißt es beim RKI. Zudem weist Houghton darauf hin, dass rund um das potenzielle neue Präparat und die Details von dessen Wirkung noch viele Fragen offen sind.

Quelle: ntv.de, dpa

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