Wissen

Mensch stammt vom Affen ab Darwin-Jahr 2009

Vor 150 Jahren stieß ein Theologe und Naturforscher das Weltbild seiner Zeitgenossen um. Der wohlhabende Privatgelehrte Charles Darwin legte 1859 ein schlüssiges Konzept von der Entwicklung des Lebens vor – von den fernen Ursprüngen bis zur fantastischen Vielfalt, wie wir sie heute kennen. Seine Theorie fußt auf Beobachtungen auf Reisen und bei Tierzüchtern, umfassender Lektüre, einer großen Korrespondenz sowie zahlreichen eigenen Experimenten. Seit und mit Darwin lässt sich erklären, wie neue Arten entstehen – und warum andere aussterben.

Bei der ersten öffentlichen Präsentation seiner These zeigte sich das gebildete Publikum der Linnean Society in London zum Teil überfordert, heute ist die Theorie von der natürlichen Selektion akzeptiert. Der Brite (12.02. 1809 – 19.04.1882) ist einer der bedeutendsten Biologen und Naturforscher der Geschichte – und hatte dabei nie eine akademische Position inne. Sein Beitrag zum Verständnis der Welt lässt sich nur schwer überschätzen.

Das "Geheimnis der Geheimnisse"

Darwin stieß mit seiner Arbeit am "Geheimnis der Geheimnisse" zunächst auf viel Widerspruch, weil er dem Menschen seine direkte göttliche Schöpfung und der lebendigen Natur den göttlichen Plan nahm. Darwin war ironischerweise studierter Theologe. "Darwin unterwarf die Entstehung des Menschen wie auch der gesamten übrigen Lebensfülle dem blinden Wechselspiel von Zufällen und der Auslese", sagt der Leiter der Wirbeltierabteilung der Zoologischen Staatssammlung in München, Professor Josef Reichholf. Er ist einer der besonders guten Kenner des Wissenschaftlers. Die Theorie brachte dem Briten Spott und Kritik seiner oft streng gläubigen Gegner, aber zugleich ungezählte Auszeichnungen und Ehren von Universitäten und Akademien ein.

Gleich zwei wichtige Jubiläen fallen ins Jahr 2009. Der 12. Februar ist der 200. Jahrestag von Darwins Geburtstag, und am 24. November jährt sich die Veröffentlichung seines epochalen Werkes "On the Origin of Species" zum 150. Mal. Eine Flut neuer Bücher, Ausstellungen und Vorträge begleitet das inoffizielle Darwin-Jahr. Die britische Post legt gleich mehrere Briefmarken mit Darwin-Motiven auf, Denkmäler werden neu errichtet, Lesungen und Festivals organisiert.

Die Grundzüge von Darwins Gedankengebäude standen mit der ersten Veröffentlichung. Erst nach ihm klärten Forscher wie der Mönch Gregor Mendel (1865) sowie schließlich James Watson, Francis Crick und Maurice Wilkins (1953) die Natur der Vererbung sowie der Gene. Damit war die stoffliche Ursache der Darwinschen "Variation" gefunden und das heutige Bild der Evolution im Prinzip vollständig. "Evolution ist keine Theorie, sondern eine Gegebenheit. Als solche kann sie ebenso wenig infrage gestellt werden wie die Kugelgestalt der Erde", fasste Reichholf den Stand der Dinge in der Wochenzeitung "Die Zeit" zusammen.

Alles Leben nutzt die gleiche Sprache der Gene

Beim Blick auf die Genetik wurde unter anderem klar, dass alles Leben die gleiche Sprache der Gene nutzt. Selbst der Mensch und die Seeanemone legen das oben und unten ihres Körperbauplans ganz ähnlich fest, obwohl beide – scheinbar – nichts miteinander gemein haben. "Die Biologie des 20. und 21. Jahrhunderts ist ohne Darwin nicht denkbar. Sie lässt sich nach Darwin nicht mehr auf dieselbe Weise betreiben wie vor ihm", urteilt Eve- Marie Engels, Inhaberin des Lehrstuhls für Ethik in den Biowissenschaften der Universität Tübingen. Die Belege dafür liefert die Biologie zuhauf, sowohl bei lebenden Tieren als auch durch Fossilien.

Jede Generation neu herausgefordert

Darwin hat die Evolution nicht "entdeckt", sondern eine erklärende Theorie dazu geschaffen. Diese ruht auf drei Pfeilern: Jede Generation bringt leicht variierende Nachkommen zur Welt. Diese sind damit unterschiedlich gut an die Bedingungen ihrer Umgebung angepasst. Die natürliche Auslese lässt in der Folge die am besten ausgestatteten Individuen überleben und sich vermehren. Die neuen Kinder stellen sich erneut dem Wettbewerb. Dies alles trägt sich vor dem Hintergrund sich beständig ändernder äußerer Bedingungen zu. Mal wird es heißer, mal kälter, mal wandern neue Räuber ein, mal kommen Parasiten hinzu oder verschwinden wieder – jede Generation ist neu durch die sich wandelnde Umwelt herausgefordert. Darwin ordnete alle seine über lange Zeit gesammelten Informationen, und das am 24. November 1859 erschienene Buch "On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life" wurde zu einem der wichtigsten Bände der Naturwissenschaft. Der deutsche Titel lautet etwa: "Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl oder Die Erhaltung der begünstigten Rassen im Kampf um das Dasein". Wer Darwin mit anderen großen Namen im gleichen Atemzug nennen möchte, muss große Denker wie Newton oder Kopernikus heranziehen. "Darwins Theorie enthielt sowohl die Sprengkraft zur Befreiung der Biologie von der Theologie als auch das innovative, richtungsweisende Potenzial für die Eröffnung neuartiger Denkhorizonte und die Beschreitung bisher nicht gewagter Forschungswege", schreibt Engels in ihrem Buch "Charles Darwin" (C.H. Beck).

Die drei Kränkungen

Diese neuen Wege waren indes keinesfalls leicht zu akzeptieren. Sigmund Freud etwa war der Ansicht, dass die Eigenliebe der Menschheit durch die wissenschaftliche Forschung drei schwere Kränkungen erfahren habe, eine davon durch Darwin. Die erste: Der Mensch habe seit den Anfängen geglaubt, dass sich die Erde ruhend im Mittelpunkt des Weltalls befände. Diese Illusion wurde von Nikolaus Kopernikus im sechzehnten Jahrhundert zerstört, der vorhersagte, dass sich die Erde um die Sonne drehe. Die zweite Kränkung des menschlichen Narzissmus: Der Mensch sprach den Tieren die Vernunft ab und berief sich auf eine hohe göttliche Herkunft, "die das Band der Gemeinschaft mit der Tierwelt zu zerreißen gestattete. [...] Wir wissen es alle, dass die Forschung Charles Darwins, seiner Mitarbeiter und Vorgänger, vor wenig mehr als einem halben Jahrhundert dieser Überhebung des Menschen ein Ende bereitet hat. Der Mensch ist nichts anderes und nichts Besseres als die Tiere, er ist selbst aus der Tierreihe hervorgegangen", heißt es 1917 beim Begründer der Psychoanalyse. Am empfindlichsten aber treffe wohl die dritte Kränkung, nach der "das Ich nicht Herr sei in seinem eigenen Haus", was Freud selbst herausgefunden hatte.

Mythen und Missverständnisse

Obwohl heute so ziemlich jedermann in der entwickelten Welt im Grundsatz über Darwins Ideen unterricht sein sollte, gibt bis noch manches Missverständnis. Davon berichtet der Evolutionsbiologie Professor Axel Meyer von der Universität Konstanz. "In vielen Büchern steht ja, dass Darwin auf den Galpagos-Inseln, auf seiner Weltreise mit der Beagle, dass ihm da die große Einsicht gekommen ist", sagt Meyer auf seiner herausragenden CD, die passend zum Darwin-Jahr erschienen ist (suppos-Verlag). "Aber das ist mehr Mythos als historische Wahrheit." Seinen Studenten berichte er immer, dass Darwin ungefähr so alt war wie sie, als er für fast fünf Jahre um die Welt segelte.

Darwin war seinerzeit sehr jung, noch schlecht ausgebildet und musste während der Reise viel lernen. Im Nachhinein sei sogar klar, dass Darwin "schlampig" gearbeitet habe, sagt Meyer. So habe dieser auf den Galpagos-Inseln nicht aufgeschrieben, welche Vögel er auf welcher Insel gefangen habe. "Er wusste nicht, zu welcher Familie die Vögel gehören, das wurde ihm erst später gesagt", erklärt der Konstanzer Forscher. Teil des Mythos sei, dass Darwin durch die – erst heute so genannten – Darwinfinken auf die entscheidenden Ideen gekommen sei. Das stimme so zwar nicht, klinge aber plausibler und schöner. "Ich glaube, es ist historisch korrekter zu sagen, dass Darwin erst nach seiner Rückkehr nach England, und durch das Besuchen der landwirtschaftlichen Shows, (...) den Eindruck bekam, (...) dass es im Prinzip keinen Unterschied zwischen der künstlichen und natürlichen Auslese gibt."

Auslese ohne Ziel

Eine der ganz wichtigen Erkenntnisse Darwins lautet: "Die natürliche Auslese hat kein Ziel", sagt der Professor. Dennoch gebe es bis in die heutigen Tage bei vielen Menschen ein teleologisches Denken – diese Auffassung unterstellt, dass es bei Naturphänomenen einen inneren Zweck gibt. Dazu gehört die Meinung, dass die Evolution einen Plan verfolge, nach dem es eine immer größere Komplexität gab, an dessen Ende der Mensch entstehen musste. "Dem ist natürlich nicht so." Die Evolution wolle nicht den perfekten Organismus schaffen, "es überleben einfach einige besser als andere, und das war’s." Die natürliche Auslese habe kein Ziel, könne aber dennoch über Generationen hinweg dazu führen, dass Trends entstehen, etwa größere Huftiere oder schnellere Geparden.

Nicht der erste, nicht der einzige

Darwin war nicht der erste und bei weitem nicht der einzige Forscher, der sich mit der Herkunft der Arten befasste. Auch vor ihm wurden Ähnlichkeiten zwischen eng verwandten Tier- oder Pflanzenarten bemerkt oder Fossilien gefunden. Es gab etwa Ideen einer "wiederholten Urzeugung", die das Material für immer neue Arten in die Welt bringt. Diese sollten sich von der einfachen Form hin zu immer komplexeren Formen entwickeln, hieß es bei Jean-Baptiste Lamarck (1744-1828). Der vermutete zudem, dass sich die Organe durch Gebrauch oder Nichtgebrauch fort- oder zurückentwickeln. Dem Lamarckismus zufolge werden Flossen durch schnelles Schwimmen größer oder Hälse bei Giraffen länger, wenn sie sich nur oft genug strecken.

Irgendwie muss das dann vererbt werden. Alfred Russel Wallace (1823-1913) entdeckte unabhängig von Darwin die Entstehung neuer Arten und wird mit ihm häufig in einem Atemzug genannt – Darwins Korrespondenz mit Kollegen weist ihn selbst aber als jenen aus, der die Idee von der Abstammung mit Abänderung zuerst hatte. Darwin stammte aus wohlhabenden Verhältnissen, interessierte sich früh für die Natur. Auf Drängen des Vaters studierte er zunächst Medizin, gab aber unter anderen unter dem Eindruck von Operationen ohne Betäubung auf. Sein Theologiestudium schloss er hingegen ab, knüpfte aber schon währenddessen Kontakte zu Naturwissenschaftlern und erhielt in jungen Jahren, noch schlecht ausgebildet, die Einladung zur Reise mit der Beagle – als unbezahlter Forscher, und anfällig für die Seekrankheit.

Auf großer Fahrt

Am 27. Dezember 1831 beginnt die Fahrt mit Stationen auf den Kapverdischen Inseln, Südamerika, den Galpagos-Inseln, Tahiti, Neuseeland, Australien, Mauritius, Kapstadt, Brasilien bis zur Rückkehr am 2. Oktober 1836. Es folgen der Umzug nach London, die Analyse von Fossilien und anderer Mitbringsel. Darwin sucht in der Folge eine Möglichkeit, seine vielen Beobachtungen sinnvoll miteinander zu verknüpfen und nahm Kontakt zu vielen anderen Forschern auf. Er wird Privatgelehrter und beginnt in dieser privilegierten Stellung mit den berühmten Notizbüchern zum Wandel der Arten. Aus der Heirat mit Cousine Emma Wedgwood gehen vier Töchter und sechs Söhne hervor, sieben überleben die Eltern. Über den Tod von Tochter Annie (10) kommt Darwin zeitlebens nicht hinweg. Er kümmert sich viel um die Kinder, wird aber von zahlreichen Krankheiten heimgesucht. 1842 zieht die Familie nach Downe, einem Dorf südlich von London. Darwin unterstützt die Arbeit der Gemeinde, wird Friedensrichter, wird Vorkämpfer für den Tier- und Umweltschutz.

Geburtsstunde der Evolutionstheorie

1856 beginnt die Arbeit zur "Entstehung der Arten". Um 1858 drängen Freunde Darwin, seine Ergebnisse schnell zu veröffentlichen, denn auch Wallace arbeitet an diesem Thema. Daraufhin kommt es am 1. Juli 1858 zu einem Treffen, dass sich getrost die Geburtsstunde der Evolutionstheorie nennen lässt. Vor der Linnean Society in London wird das sogenannte Darwin-Wallace- Papier vom Sekretär der Gesellschaft vorgetragen. Darin erklären beide Forscher ihre Theorien. Das Papier enthält zudem eine Einführung der Initiatoren der Sitzung, Charles Lyell und Joseph D. Hooker. Hinzu kommt ein Ausschnitt aus einem Brief Darwins an Professor Asa Gray in Boston (USA) vom 5. September 1857: Das Schreiben zeigt, dass Darwin diese Gedanken zuerst hatte. Das berühmte Schriftstück ist in den "Proceedings" der Gesellschaft nachzulesen.

"Ein historisches Nicht-Ereignis"

Es sei zweifelhaft, dass viele im Publikum in der Lage waren, den vollen Umfang des Vortrags zu erkennen, heißt es bei der Linnean Society über das Treffen im heute renovierten Vortragssaal. Dort hängen Gemälde von Darwin und Wallace. "Ein historisches Nicht-Ereignis", so heißt es ähnlich in einer Studie des US-Historikers J. W. T. Moody im "Journal of the Society for the Bibliography of Natural History". Er hatte dafür die historischen Protokolle und andere Quellen gesichtet. Die Anwesenden seien über die neuen Ideen nicht sonderlich erstaunt gewesen, berichtet Moody. Vielmehr schienen sie durch die Masse des auf sie an diesem Tage abgeladenen Wissens überfordert. Dies lag zum großen Teil daran, dass zu wenig Zeit zur Konzentration und zur Diskussion blieb. Ein Teil des Schweigens sei ohne Zweifel der Langeweile geschuldet gewesen – "eine konstante Gefahr langer Treffen".

Höchste Ehren

Schon vor der Veröffentlichung von "Die Entstehung der Arten" ist Darwin hoch angesehen. Die Royal Society verleiht ihm später ihre höchste Auszeichnung, die Copley-Medaille. Viele wissenschaftliche Vereinigungen ernennen ihn zu ihrem Ehrenmitglied. Darwin bewältigt mit kaum vorstellbarer Energie eine riesige Korrespondenz und unternimmt noch tägliche Spaziergänge auf einem inzwischen berühmten Sandweg hinter dem Haus – wer möchte, kann es ihm mithilfe einer Karte gleichtun.

In den letzten Monaten kommt es zu Herzproblemen und Schwächeanfällen, bis Darwin am 19. April 1882 stirbt, im Kreis der Familie. Statt wie zuvor geplant in der Familiengruft wird er am 26. April in der Westminster Abbey beigesetzt – zahlreiche Trauergäste kommen. Das Grab liegt in der Nähe jenes von Isaac Newton. Ein Chor singt Händels Hymne "His body is buried in peace but his name liveth evermore" – "Sein Körper ruht in Frieden aber sein Name lebt fort".

Quelle: ntv.de, Thilo Resenhoeft, dpa