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Invasionsrisiko in Deutschland überschätzt Fremde Arten brauchen Wärme

Die Verdichtung des internationalen Schiffsverkehrs führt in vielen Küstenregionen zu einer erhöhten Bedrohung durch eingeschleppte Tiere und Pflanzen. Doch nicht nur die Intensität des Schiffsverkehrs ist ausschlaggebend für die ungewollte Migration der Arten.

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Die Linienstärke und die Farbe – gelb steht für hohes Risiko - stellen die Wahrscheinlichkeit einer Invasion dar.

(Foto: Universität Oldenburg, Institut für Chemie und Biologie des Meeres)

Küstenzonen in Südostasien, Amerika und dem Mittelmeer sind besonders stark durch per Schiff eingeschleppte fremde Arten bedroht. Eine deutsch-englische Studie zeigt detailliert das Invasionsrisiko durch fremde Spezies für verschiedene Häfen und Meeresregionen.

Im Gegensatz zu früheren Modellen berücksichtigen die Forscher um Bernd Blasius von der Universität Oldenburg in der Zeitschrift "Ecology Letters" nicht nur die Intensität des Schiffsverkehrs, sondern auch etwa ökologische Faktoren wie Wassertemperaturen. Demnach ist das Risiko fremder Arten für Nord- und Ostsee geringer als die hohe Verkehrsdichte erwarten lässt.

Mit der Zunahme des globalen Warenverkehrs steigt die Zahl der Tiere und Pflanzen, die in fremde Lebensräume gelangen. Gerade in Schiffen reisen viele Arten als blinde Passagiere mit, vor allem in den Ballastwassertanks. Die Forscher aus Oldenburg und Bristol entwickelten nun nach eigenen Angaben das bisher präziseste Modell zur Vorhersage des Invasionsrisikos durch Schiffe. Dazu analysierten sie fast drei Millionen Schiffsbewegungen. Zusätzlich berücksichtigt ihr Modell auch Schiffstypen, jahreszeitliche Schwankungen und vor allem die ökologischen Bedingungen in den Häfen.

Kälte schützt deutsche Gewässer vor vielen Eindringlingen

"Unser Modell verbindet Daten über Schiffsbewegungen, Schiffsgrößen, Wassertemperaturen und Biogeografie, um die Wahrscheinlichkeit einer Invasion zu bestimmen", sagt Blasius vom Lehrstuhl für Mathematische Modellierung. Demnach wird das Risiko für eine Invasion fremder Arten an den nordeuropäischen Küsten überschätzt. Zwar laufen sehr viele Schiffe Häfen wie Hamburg oder Rotterdam an. Doch die meisten aus den Tropen und Subtropen eingeschleppten Arten können in den kalten Gewässern kaum überleben.

Ausnahme sind Organismen von der ähnlich kühlen nordamerikanischen Ostküste. "Wir verglichen unsere Modellergebnisse mit Felddaten", sagt der Oldenburger Biologe Hanno Seebens. "Und tatsächlich, die meisten invasiven Arten, die in der Nordsee vorkommen, haben ihre Heimat an der nordamerikanischen Ostküste."

Singapur und Hongkong besonders gefährdet

Am stärksten gefährdet sind demnach die südostasiatischen Häfen etwa von Singapur oder Hongkong, die neben einem hohen Schiffsverkehr auch Wassertemperaturen aufweisen, in denen besonders viele Organismen leben können. Hoch ist das Risiko auch im Roten Meer und im Mittelmeer, wo Schiffe etwa vor der Passage des Suez-Kanals ihr Ballastwasser ablassen. Auch amerikanische Häfen wie New York und Long Beach in Kalifornien oder am Panama-Kanal sind demnach stark gefährdet.

Das Modell zeigt außerdem, dass das Invasionsrisiko bei mittleren Distanzen von 8000 bis 10.000 Kilometern am höchsten ist. Bei kürzeren Routen werden demnach fremde Arten seltener in neue Lebensräume eingeschleppt, bei weiteren Strecken überleben dagegen viele Organismen die lange Fahrt nicht.

Neben dem Risiko bestimmt das Modell auch die besten Schutzmaßnahmen. Reduziert man etwa die Anzahl der Arten im Ballastwassertank in den Häfen um 25 Prozent, etwa durch Filter, Chemikalien oder UV-Strahlung, so würde das Invasionsrisiko um 56 Prozent sinken.

Quelle: n-tv.de, dpa

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