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Gicht-Arznei als Gegenmittel Hefepilz kann Morbus Crohn verschlimmern

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Computergrafik eines Hefepilzes Saccharomyces cerevisiae (lila) im Inneren eines Darms.

(Foto: Alex Takarev of Ella Maru studio)

Bauchschmerzen und Appetitlosigkeit: Morbus-Crohn-Betroffene leiden meist in Schüben. Die Autoimmunerkrankung kann zwar behandelt, aber nicht geheilt werden. Nun untersuchen Forscher die Wirkung von Hefepilzen wie in Bäckerhefe.

Bestimmte Hefepilze könnten einer Studie zufolge die Beschwerden der entzündlichen Darmerkrankung Morbus Crohn verschlimmern. Eine Studie an Mäusen deutet darauf hin, dass Saccharomyces cerevisiae, bekannt als Bäckerhefe, die Durchlässigkeit der Darmwand verändert und die Bildung von Harnsäure verstärkt. Den davon betroffenen Patienten könnten möglicherweise Arzneien wie das Gicht-Mittel Allopurinol helfen, vermutet das Team um June Round von der University of Utah in Salt Lake City. Antibiotika könnten dagegen kontraproduktiv sein und Probleme verschärfen, mahnen die Forscher im Fachblatt "Science Translational Medicine". Ein deutscher Experte bewertet die Resultate jedoch sehr skeptisch.

Morbus Crohn zählt zusammen mit Colitis ulcerosa zu den chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED), die in Deutschland insgesamt etwa 350.000 Menschen betreffen. Die in Schüben auftretende Autoimmun-Krankheit äußert sich unter anderem in Bauchschmerzen, Durchfall, Appetitlosigkeit und einer verminderten Aufnahme von Nährstoffen. Medikamente können die Symptome zwar lindern, eine Heilung gibt es aber bislang nicht.

Bäckerhefen im Verdacht

Schon frühere Studien zu Morbus Crohn hatten die Zusammensetzung der Darmflora analysiert, aber meist mit Blick auf Bakterien. Dagegen konzentrierte sich das Team um Round auf Pilze, die nur 0,1 Prozent der Mikroorganismen im Verdauungstrakt stellen. Einzelne Untersuchungen hatten darauf hingedeutet, dass die Bäckerhefe S. cerevisiae an der Krankheit beteiligt sein könnte. "Es gibt Hinweise sowohl bei Mäusen als auch bei Menschen, die eine Rolle von Pilzen bei Darmerkrankungen stützen, auch wenn die Mechanismen dahinter noch weitgehend ungeklärt sind", schreiben die Forscher.

Dies überprüfte das Team, indem es Mäusen mit Darmentzündungen zwei Arten von Pilzen verabreichte - entweder Bäckerhefe oder aber den Hefepilz Rhodotorula aurantiaca, der ebenfalls in Umwelt und Darm gängig ist. "Die mit S. cerevisiae gefütterten Mäuse hatten deutlichen Gewichtsverlust, Durchfall und blutigen Stuhlgang - genau wie ein Mensch mit einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung", wird Erstautor Tyson Chiaro in einer Mitteilung der Universität zitiert.

Purine werden zu Harnsäure

Die weitere Analyse ergab, dass diese Tiere im Vergleich zu jenen, die den Pilz R. aurantiaca erhalten hatten, erhöhte Konzentrationen bestimmter Stickstoffverbindungen aufwiesen. Diese sogenannten Purine werden den Autoren zufolge von Bäckerhefe nicht verstoffwechselt und stattdessen zu Harnsäure abgebaut, die die Entzündung verschärft und auch weitere Gesundheitsprobleme wie etwa Gicht oder Nierensteine verursachen kann.

Den Zusammenhang zwischen Bäckerhefe und Harnsäure prüften die Forscher auch, indem sie gesunde Erwachsene untersuchten. "Jede menschliche Blutprobe, die viele Antikörper gegen S. cerevisiae enthielt, hatte auch hohe Harnsäure-Werte", sagt Studienleiterin Round. Solchen Patienten könnte demnach das Gicht-Mittel Allopurinol helfen, das den Abbau von Purinen zu Harnsäure verhindert, vermuten die Forscher.

Bei den mit Bäckerhefe gefütterten Mäusen besserte die Arznei die Entzündungen im Verdauungstrakt. "Unsere Studie deutet darauf hin, dass eine Blockierung der Harnsäure-Produktion, eventuell mit Allopurinol, Patienten mit entzündlichen Darmerkrankungen eine neue Option gegen Entzündungen bieten könnte, was dem Darm Zeit zum Heilen verschaffen könnte", glaubt Round. Das müssten Studien nun gezielt prüfen, betonen die Autoren.

Bloß keine Antibiotika

Bei diesen Patienten wäre dagegen die Einnahme von Antibiotika kontraproduktiv. "Der Einsatz von Antibiotika bei Menschen mit entzündlichen Darmerkrankungen könnte nicht nur jene Bakterien abtöten, die eine gesunde Immunreaktion fördern, sondern auch eine Umgebung schaffen, in der der verminderte Wettbewerb den Pilzpopulationen übermäßiges Wachstum erlaubt", schreiben sie. Dieser Wettbewerbsvorteil der Pilze könne selbst nach dem Absetzen der Antibiotika weiter bestehen. Die Forscher betonen jedoch ausdrücklich, dass die beobachtete Wirkung nicht für alle Pilzarten gilt - möglicherweise sogar nicht für alle Varianten der Bäckerhefe.

Für Axel Dignass vom Agaplesion Markus Krankenhaus in Frankfurt am Main liefert die Studie allerdings keine belastbaren Informationen. Die Befunde an den verwendeten Mäusen seien nicht auf den Menschen übertragbar. "Seit mehr als 20 Jahren diskutiert man alle möglichen Mikroorganismen und Gendefekte als Ursache entzündlicher Darmerkrankungen", sagt der Experte der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterologie, Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS).

Antikörper gegen Bäckerhefe hätten etwa 50 Prozent der Morbus-Crohn-Patienten, sagt Dignass. Würde bei ihnen das gängige Gicht-Mittel Allopurinol die Beschwerden lindern, wäre dies schon früher aufgefallen. Die Arznei werde Morbus-Crohn-Patienten zwar mancherorts verordnet, aber nur um die Wirkung eines bestimmten Immunsuppressivums (Azathioprin) zu optimieren. Dennoch könne die Publikation der Studie Untersuchungen anstoßen, die die Rolle der Bäckerhefe bei entzündlichen Darmerkrankungen gezielt analysieren.

Quelle: n-tv.de, Walter Willems, dpa

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