"Eine unbeugsame Frau"Mitscherlich wird 90
Sie gilt als große alte Dame der Psychoanalyse, als Vorkämpferin der Frauenbewegung, als geistig immer noch junge Analystin der Gegenwart. Margarete Mitscherlich feiert ihren 90. Geburtstag.
Sie hat viel zu tun in diesen Tagen: Kurz vor ihrem 90. Geburtstag am 17. Juli ist Margarete Mitscherlich eine gefragte Gesprächspartnerin. Magazine und Zeitungen, TV-Sender und Verlage reißen sich um die große alte Dame der Psychoanalyse, die Vorkämpferin der Frauenbewegung, die geistig immer noch junge Analystin der Gegenwart.
Mit ihrem Leben sei sie rückblickend "ganz zufrieden", sagt Mitscherlich. Auch wenn die Beine nicht mehr so wollten wie sie es gern hätte, so könne sie sich doch immerhin geistig noch ganz gut bewegen. "Ich lese viel, ich denke viel, ich schreibe viel, ich arbeite viel", beschreibt sie ihren Alltag. Auch mit 90 behandelt sie noch immer Patienten und berät junge Kollegen. Gerade erst war sie in Italien und in Österreich, Ende Juli reist sie nach Berlin zu einem internationalen Psychoanalytiker-Kongress. Ihren Geburtstag feiert sie im Kreis der Familie und enger Freunde.
Ehe als Lebens- und Denkgemeinschaft
Geboren als Tochter einer deutschen Lehrerin und eines dänischen Arztes wuchs sie während der Nazi-Diktatur in Dänemark und Deutschland auf. Nach dem Medizin-Studium arbeitete sie vorübergehend in der Schweiz, wo sie Alexander Mitscherlich kennen lernte. Der Psychoanalytiker (1908-1982) war in zweiter Ehe verheiratet und Vater von vier Kindern. Ihren gemeinsamen Sohn zog Margarete Nielsen die ersten Jahre mit Hilfe einer Freundin und ihrer Mutter alleine auf - in den 50er Jahren ein Skandal. Später heiratete das Paar doch und begründete damit eine jahrzehntelange Liebes- und Arbeitsbeziehung, eine Lebens- und Denkgemeinschaft.
Auch Frauen sind aggressiv
Gemeinsam arbeiteten die beiden zunächst in einer psychosomatischen Klinik in Heidelberg, später am Sigmund-Freud- Institut in Frankfurt, wo Margarete Mitscherlich zeitweise die psychoanalytische Ausbildung leitete. Gemeinsam schrieben sie für das Nachkriegsdeutschland prägende Bücher wie "Die Unfähigkeit zu trauern" (1967) über die kollektiven Verdrängungsmechanismen der Gesellschaft. Später wandte sich Margarete Mitscherlich der Frauenbewegung zu. In ihrem bedeutendsten eigenen Buch, "Die friedfertige Frau" (1985), legte sie dar, dass Frauen nicht von Natur aus weniger aggressiv sind, sondern ihr vermeintlich ausgleichendes Wesen nur erlernt haben.
Frauen müssen sich durchsetzen – gegen sich selbst
"Ich habe immer vertreten, dass Frauen sich nicht nur gegen Männer, sondern auch gegen sich selbst durchsetzen müssen", sagt sie in dem Interview-Band "Eine unbeugsame Frau". Zur Lila-Latzhosen-Fraktion gehörte die elegante Dame nie, die sich freimütig zu ihrer Vorliebe für teurere Kosmetika bekennt. Ihre Definition von Emanzipation könnte ebenso für Männer gelten: "Eine emanzipierte Frau ist in der Lage, sich von vorgefundenen Werten und Vorstellungen über ihre Rolle zu distanzieren."
Freud veränderte die Gesellschaft
Psychoanalyse und Feminismus haben für Mitscherlich viel miteinander zu tun. "Freud hat als erster anerkannt, dass Frauen sexuelle Wesen sind." Freuds Lehren haben ihrer Meinung nach auch die Gesellschaft verändert: "Erst durch seine Arbeit haben wir die Möglichkeit (...) die Motive, die unserem Verhalten sowie die unbewussten Konflikte, die unseren Symptomen zu Grunde liegen, hervorzuholen" - und durch das analytische Gespräch zu verändern.
Auch mit 90 hat sie noch Spaß daran, Gegenwartsereignisse süffisant zu kommentieren. Sie liest Öko-Gutmenschen die Leviten und erklärt Schönheits-Operationen für "neurotisch". Den Begriff der arbeitenden Rabenmutter verteufelt sie als "typisch deutschen Blödsinn".
Ihre Bilanz nach fast einem Jahrhundert wirkt fast ein wenig altersmilde: Aus dem faschistischen Deutschland ihrer Kindheit sei eine stabile Demokratie geworden, eine einstmals männerdominierte Gesellschaft habe immerhin eine Kanzlerin an die Spitze gewählt und die Grundbegriffe der Psychoanalyse kenne inzwischen jeder Taxifahrer. Eine Botschaft an die nachfolgenden Generationen ist ihr dennoch nicht zu entlocken: "Mit dem Alter wird man ja nicht unbedingt klüger."
Von Sandra Trauner, dpa