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Tümmler mit militärischer Ausbildung Nutzt die Nato Kampf-Delfine?

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Er gehört zur Gruppe MK7: Ein Delfin der US-Marine sucht den Meeresgrund nach Minen ab. Tierschützer verurteilen solche Einsätze.

(Foto: US Navy )

Zwei Staaten setzen in der Marine auf besondere Unterstützung: Die USA und Russland haben Delfine abgerichtet. Einem Bericht zufolge sollen Meeressäuger der US-Navy nun für die Nato ins Schwarze Meer. Abwegig? Nein. Aber nicht ganz schlüssig.

Es gibt sie seit dem Kalten Krieg. Jetzt sollen die beiden Truppen das erste Mal aufeinander treffen: die Delfin-Staffel der US-Navy und ihr russisches Pendant. Schauplatz wäre das Schwarze Meer, Zeitpunkt der Sommer 2014. Und der Grund? Ein von der Nato geplantes Unterwasser-Manöver. – So jedenfalls beschreibt es die russische Tageszeitung "Iswestija". Das Blatt beruft sich auf Tom LaPuzza, US-Navy-Sprecher und Chef des Meeressäuger-Programms der US-Marine, wie es heißt. Er wird in dem Bericht vom 21. April mehrfach zitiert. Seither macht die Meldung ihre Runde.

Ein Treffen der Kampf-Delfine? Es klingt bizarr. In einem Becken an Bord einer US-Air Force-Maschine sollen 20 abgerichtete Große Tümmler aus dem kalifornischen San Diego um die halbe Welt geflogen werden, um im Schwarzen Meer eines neues Anti-Radar-System zu testen. Mit dabei: zehn Seelöwen. Sie sollen auf dem Boden des Binnenmeeres nach Minen suchen, während die Delfine ausprobieren, wie sich mit neuer Technik ein feindliches Sonar am besten in die Irre führen lässt.

Delfin-Kampfeinheit in Sewastopol

Zwei Wochen soll der Einsatz laut "Iswestija" dauern. Es wäre das erste Mal, dass Marine-Delfine für die Nato zum Einsatz kämen. Und sehr wahrscheinlich würden sie auf die vor Ort trainierten Tümmler stoßen. Denn auch in Sewastopol ist eine Delfin-Kampfeinheit stationiert. Zunächst sowjetisch, dann ukrainisch, ging sie mit der Krim-Annexion in russischen Besitz über. Gut möglich, dass diese Tiere ihr Revier gegen die Neuankömmlinge aus dem Pazifik verteidigen würden. Die kämen nach der langen Reise arg gestresst an und müssten sich auch an die neue Umgebung erst noch gewöhnen.

Nicht, dass es Ähnliches nicht schon gegeben hätte. 2009 waren Delfine der US-Navy nach Neukaledonien im Osten Australiens

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Ein jeder in seinem kleinen Becken: So flogen Delfine der US-Marine zu ihrem Einsatz nach Neukaledonien.

(Foto: U.S. Air Force photo by Tech. Sgt. Cohen A. Young )

geflogen. Dort setzte man die Tiere ein, um mehr als 200 Minen aus dem Zweiten Weltkrieg zu lokalisieren und zu beseitigen. 2003, während des Irak-Kriegs, suchten Delfine der US-Marine im Persischen Golf nach Minen. Und schon im Vietnam-Krieg sicherten die Meeressäuger Hafenanlagen und Schiffe vor unbefugten Schwimmern.

Delfine besser als die Technik

Wie Delfine zu solchen Jobs kommen? Sie sind intelligent, trainierbar, können gut tauchen und verfügen über ein natürliches Sonar. Diese Echoortung ermöglicht es ihnen, so zuverlässig Objekte im Wasser und am Meeresboden aufzuspüren, wie es bislang kein technisches System vermag. Einmal darauf dressiert, können Delfine also Waffen, anderes Kriegsgerät oder Kampftaucher ausfindig machen, sie können Anlagen schützen – und vielleicht auch Minen platzieren und Sprengstoff transportieren. Letzteres jedoch gilt als Gerücht, das sowohl die US-Navy als auch die Sowjetunion und später die Ukraine immer wieder dementiert haben. Die Tiere würden nicht für Tötungszwecke ausgebildet, hieß es von beiden Seiten. Zu bedenken wäre zudem, dass die Delfine – mögen sie auch noch so gut trainiert sein – nicht zwischen freundlichen und feindlichen Schiffen und Schwimmern unterscheiden können. Sie werden auf die Entdeckung sämtlicher Minen und Schwimmer im Zielgebiet abgerichtet. Finden sie etwas, geben sie ihrem Trainer ein Zeichen. Der leitet dann weitere Maßnahmen ein.

Fünf Gruppen, fünf Missionen

Fünf Missionen unterscheidet das militärische Meeressäuger-Programm der US-Marine. Rund 120 Delfine und Seelöwen gehören aktuell dazu, doch auch Orcas, Belugas und Schweinswale sind bereits von der US-Navy dressiert worden. Die Gruppen sind durchnummeriert von "MK4" bis "MK8".
MK4, 7 und 8 bestehen nur aus Delfinen, MK5 arbeitet ausschließlich mit Seelöwen; die können unter Wasser besonders gut hören und sehen. MK6 setzt sich aus beiden Tierarten zusammen. Drei der fünf Gruppen sind darauf trainiert, Seeminen zu beseitigen. Dabei ist MK4 auf fixierte Ankergrundminen spezialisiert, MK7 auf Minen am Meeresgrund oder in Sedimentgestein und MK8 auf die Räumung von Minen im seichten Wasser vor der Küste - als Vorauskommando für Landungstruppen. MK6, die Gruppe, die aus Delfinen und Seelöwen gebildet wird, bewacht Häfen und Schiffe. Und MK5, die Seelöwen-Staffel schließlich, wird zur Bergung von Gegenständen und auch Menschen eingesetzt. Innerhalb von 72 Stunden, so heißt es, können die Gruppen per Schiff, Flugzeug oder Hubschrauber an alle möglichen Einsatzorte auf der Welt verlegt werden.

So kurios die durch "Iswestija" verbreitete Geschichte auch klingt - völlig abwegig ist sie nicht. Und dennoch hat der Bericht einen Haken: Der US-amerikanische Sender NBC News hat beim Meeressäuger-Programm der US-Navy nachgefragt. Das Ergebnis: Sprecher Ed Budzyna sagt, der Artikel entbehre jeglicher Grundlage. Die Delfine blieben in diesem Sommer wo sie sind, in den USA nämlich. Und dann gibt es noch eine kleine Ungereimtheit: Budzyna zufolge ist es schon einige Jahre her, dass der von "Iswestija" zitierte Tom LaPuzza für das Meeressäuger-Programm verantwortlich war. Heute hat er keine Funktion als Sprecher mehr inne. LaPuzza wollte sich zu dem "Iswestija"-Bericht bislang nicht äußern.

Quelle: n-tv.de

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