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Gefahr im neuen Gewand Pockenviren auf dem Vormarsch

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Das Variola-Virus greift zuerst die Schleimhäute von Nase oder Hals an und breitet sich dann im Körper aus. Auf der Haut entsteht ein typischer Ausschlag, gefolgt von Bläschen und Pusteln.

Noch im 20. Jahrhundert starben mehr als 300 Millionen Menschen an Pocken. Das Variola-Virus war hochansteckend und raffte ein Drittel der Infizierten dahin. Massenimpfungen setzten ihm ein Ende. Heute aber haben Verwandte des Virus das Zeug, eine Seuche auszulösen.

Seit 35 Jahren ist es ausgerottet: 1979 stellte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) fest, dass das hochansteckende Variola-Virus, der Erreger der Menschenpocken, ausgestorben war. Mit einer weltweiten Impfpflicht war man ihm zu Leibe gerückt. Da Variola ausschließlich den Menschen als Wirt nutzt, konnte sich das Virus vor der Impfung nicht verstecken. Das machte ihm den Garaus.

Doch Variola hat diverse Verwandte – und einige von ihnen fühlen sich in den Organismen der unterschiedlichsten Lebewesen wohl. Das kann offenbar gefährlich werden. Wie "Spektrum der Wissenschaft" in der aktuellen Ausgabe berichtet, könnte sich durch Mutationen der Affen- oder Kuhpockenviren eine neue globale Seuche entwickeln.

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Rahima Banu gilt als der letzte Mensch, der an Menschenpocken erkrankte. Damals, 1975, war er zwei Jahre alt. Er überlebte.

Affen- und Kuhpockenviren kommen, anders als ihre Namen vermuten lassen, nicht nur in Affen und Kühen vor, sondern auch in Nagetieren wie Mäusen oder Hörnchen. Und dabei bleibt es nicht. Laut "Spektrum" haben beide Virenarten damit begonnen, neben ihren natürlichen Wirten auch andere Tiere zu infizieren. Das erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich über den Globus verteilen.

Von Hauskatzen und Präriehunden

So sind 2003 in den USA rund 70 Menschen an Affenpocken erkrankt. Sie hatten Kontakt zu Präriehunden gehabt, die als Haustier gehalten wurden. Bei der Rückverfolgung der Infektionskette stellte man fest: Die Präriehunde waren beim Händler mit aus Afrika stammenden Riesenhamsterratten und Zwergsiebenschläfern in Berührung gekommen – und die trugen das Virus in sich.

Das in Europa vorkommende Kuhpockenvirus hat ein ungleich beliebteres Haustier für sich entdeckt: Als Überträger fallen in Deutschland, so die Angaben vom Robert-Koch-Institut (RKI), schon seit einiger Zeit vermehrt Katzen auf. Sie können sich durch den Verzehr von Mäusen infizieren. Danach geben sie das Virus an den Menschen weiter. Die Zahl der Kuhpockenerkrankungen beim Menschen scheint zuzunehmen, so das RKI. Infektionen von Rindern hingegen seien schon seit mehreren Jahren nicht mehr dokumentiert worden.

Kuhpocken meist harmlos, Affenpocken nicht

Während eine Infektion mit Kuhpocken beim Menschen meist mild verläuft (es sei denn, es handelt sich um Patienten mit einem geschwächten Immunsystem), können Affenpocken tödlich sein. Wie "Spektrum" berichtet, wurden Menschen im Kongo in den letzten Jahren häufiger mit dem Virus infiziert. Warum, ist unklar. Es muss ein Kontakt zu infizierten Tieren bestanden haben – sei es über die Nahrung oder durch bloßes Anfassen. Affenpocken äußern sich nach einer ein- bis dreiwöchigen Inkubationszeit in plötzlichem Fieber und Hautausschlag. Der kann in Bläschen und Eiterpusteln übergehen.

Virologen befürchten, dass sich Affenpockenviren umso besser an den menschlichen Körper anpassen, je häufiger sie Gelegenheit zur Infektion von Menschen haben. Bislang können sich die Viren von Mensch zu Mensch nicht besonders gut ausbreiten. "Spektrum" zufolge kann sich das jedoch ändern. Wie sich Affen- und Kuhpockenviren entwickeln werden, kann niemand vorhersagen; doch es sind Mutationen möglich, die leicht von Mensch zu Mensch übertragen werden.

Bedrohlich ist das aus mehreren Gründen. Zum einen ließen sich Affen- und Kuhpockenviren nie vollständig ausrotten, dafür nutzen sie zu viele Wirte und haben damit zu viele Ausweichmöglichkeiten. Zum anderen sind seit dem Stopp der flächendeckenden Impfungen immer mehr Menschen ohne Immunschutz gegen Pocken. Wer gegen humane Pocken geimpft wurde, ist auch vor Kuh- und Affenpocken gefeit. Doch inzwischen ist eine ganze Generation ohne jeglichen Kontakt zum Impfstoff aufgewachsen. Die Immunität in der Bevölkerung sinkt.

Ein Heilmittel gibt es nicht

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Die flächendeckenden Impfungen wurden mit einer Impfpistole vorgenommen. An der Einritzstelle bildete sich durch die gewollte Infektion eine Pustel, die dann vernarbte.

Noch im 20. Jahrhundert waren weltweit mehr als 300 Millionen Menschen an Pocken gestorben. Das Virus wurde über Husten und Niesen, oft aber auch durch das bloße Ausatmen oder durch kontaminierten Staub (aufgewirbelt beim Aufschütteln von den Decken infizierter Personen) übertragen. In etwa einem Drittel aller Fälle führte die Krankheit zum Tod. In weniger schweren Fällen konnte sie mit Erblindung, Gehörlosigkeit, Lähmungen, Hirnschäden oder Lungenentzündung einhergehen. Die Pusteln auf der Haut trockneten dann nach etwa zwei Wochen allmählich aus, hinterließen aber deutliche Narben.

Ein Heilmittel gegen Pocken ist bis heute nicht bekannt. Doch eine Impfung kann auch fünf Tage nach der Ansteckung noch ihre Wirkung entfalten. Schon Ende des 18. Jahrhunderts hatte man Kuhpockenviren als Impfstoff gegen humane Pocken entdeckt. Bayern war das erste Land überhaupt, das diese Impfung zur Pflicht machte – im Jahr 1807. Später zogen Baden und Preußen, dann auch Schweden und England nach. 1967 ordnete die WHO eine weltweite Impfpflicht an. In Deutschland wurde 1972 der letzte Pockenfall dokumentiert, ein 1975 in Bangladesch festgestellter Fall gilt als der letzte weltweit.

Pocken im hochgesicherten Labor

Seither gibt es humane Pockenviren nur noch an zwei Orten auf der Welt: Sie lagern im Forschungszentrum der US-Seuchenbehörde CDC in Atlanta sowie im russischen Pendant bei Novosibirsk. Da die Bestände durchaus ein gewisses Risiko bergen, denkt man darüber nach, sie zu vernichten.

Eine Impfung gegen Pocken wird heute nur noch vorgenommen, wenn konkreter Handlungsbedarf besteht: bei eindeutigen Pockenausbrüchen also. Das können dann auch Affenpocken sein. Wie sich diese entwickeln und an den Menschen anpassen, bleibt abzuwarten. Eines ist Virologen klar: Mit neuen, bislang unbekannten Pockenvarianten von tierischen Wirten ist stets zu rechnen.

Quelle: ntv.de