Menschliche EvolutionRasanter als zuvor
Dem Druck, sich mittels genetischer Veränderungen anzupassen, scheint der Mensch heutzutage kaum noch ausgeliefert zu sein. Dennoch hat sich die Evolution in den letzten 40 000 Jahren stark beschleunigt.
Der moderne Mensch ist fähig, seine Umwelt nach eigenem Gutdünken zu gestalten. Er heizt seine Wohnung, züchtet sein Essen, heilt eine Vielzahl von Krankheiten. Dem Druck, sich mittels genetischer Veränderungen anzupassen, sei er deshalb kaum mehr ausgeliefert, so die weit verbreitete Ansicht. Das Gegenteil aber ist der Fall, schreiben US-Forscher in den "Proceedings" der US-Akademie der Wissenschaften (PNAS). Die menschliche Evolution habe sich in den vergangenen 40 000 Jahren rasant beschleunigt. "Wir heute unterscheiden uns genetisch stärker von den Menschen vor 5000 Jahren als diese vom Neandertaler", erklärt John Hawks von der University Wisconsin-Madison in Madison (US-Bundesstaat Wisconsin).
Ursache: Anstieg der Bevölkerungszahl
Die Wissenschaftler um Hawks hatten Daten des International HapMap Project ausgewertet. Bei diesem wird die genetische Vielfalt der Menschheit anhand von Unterschieden im Aufbau der Chromosomen bei verschiedenen Bevölkerungsgruppen kartographiert. Ursache für die schnelle genetische Veränderung seien der exponentielle Anstieg der Bevölkerungszahl sowie die stark veränderten Lebensumstände, schreiben die Forscher um Hawks in "PNAS".
Vor 10 000 Jahren habe es nur einige wenige Millionen Menschen auf der Erde gegeben, zu Christi Geburt vor 2000 Jahren etwa 200 Millionen und um 1700 herum rund 600 Millionen – mittlerweile sind es mehr als 6,6 Milliarden. In der Folge lebten Menschen in immer größeren Gruppen zusammen – und leisteten so der Ausbreitung von Krankheiten wie Malaria, den Pocken und der Cholera Vorschub, die wiederum zu genetischen Anpassungen führten.
Großen Einfluss habe auch gehabt, dass die Menschen vor etwa 10 000 Jahren sesshaft wurden und sich nicht mehr als Jäger und Sammler ihre Nahrung suchten, sondern Ackerbau und Viehzucht betrieben. Für diese Lebensweise förderliche Gene, wie die Fähigkeit, Milch verdauen zu können, hätten sich in der Folge entwickelt und zunehmend durchgesetzt, schreiben die Forscher. Krankheiten wie Diabetes – eine Folge der kohlenhydratreichen Ernährung – zeigten, dass der Anpassungsprozess keinesfalls abgeschlossen sei. In den vergangenen 5000 Jahren sei die Selektionsrate etwa hundertfach höher gewesen als in jeder anderen Phase der menschlichen Evolution. Einige vor etwa 5000 Jahren entstandene Gene seien heute in 30 bis 40 Prozent aller Menschen zu finden. Damit hätten sie sich unglaublich rasant ausgebreitet. Als Beispiel nannte er ein Gen, das gegen Pocken resistent macht. "5000 Jahre sind so ein dünnes Zeitscheibchen – das liegt nur 100 bis 200 Generationen zurück", betont Hawks.
Krankheiten als Motor der Evolution
Der bedeutsamste Weg menschlicher Evolution in den vergangenen Jahrtausenden sei die Selektion bei Infektionskrankheiten dienlicher Genvarianten. "Da sind viele Dinge in der Auswahl, die es schwieriger für Pathogene machen, uns zu töten", betont Hawks. Mit den weiter steigenden Bevölkerungszahlen werde sich die Evolution des Menschen noch beschleunigen, sind sich die Forscher sicher. Anders als gedacht, glichen sich die Menschen auf den verschiedenen Kontinenten keinesfalls aneinander an, betont Mitautor Henry Harpending von der University of Utah in Salt Lake City in einer Mitteilung seiner Universität. Sie unterschieden sich vielmehr zunehmend und entwickelten sich voneinander weg.
In die Studie wurden knapp vier Millionen Veränderungen einzelner Bausteine der Erbsubstanz DNA (Single Nucleotide Polymorphisms/SNPs) bei 270 Menschen aus vier Gruppen (Han-Chinesen, Japaner, westafrikanische Yoruba und Nordeuropäer) einbezogen. Identische SNP-Muster eines Chromosomenbereiches ließen darauf schließen, dass sich Gene in diesem Abschnitt erst kürzlich entwickelten, erläutern die Forscher. Andernfalls hätte sich das Muster durch Chromosomenbrüche im Laufe der Zeit verändert und es gäbe Unterschiede zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen.
Bei sieben Prozent aller menschlichen Gene könne auf diese Weise auf eine kürzliche Entstehung geschlossen werden. Nutze man die so berechnete derzeitige Veränderungsrate und rechne sechs Millionen Jahre bis zur Trennung der Linien von Mensch und Schimpanse zurück, müssten sich moderne Schimpansen 160 Mal stärker vom heutigen Menschen unterscheiden als sie es tatsächlich tun. Dies stütze die These, dass die Evolution sich erst in den vergangenen Jahrtausenden rasant beschleunigt habe.