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Unangenehme ErinnerungenVersuche mit Herzmedikament

23.02.2009, 11:14 Uhr

Mit einem verbreiteten Herzmedikament lassen sich unangenehme Erinnerungen löschen. Das zeigt ein Versuch an der Universität Amsterdam.

Mit einem verbreiteten Herzmedikament lassen sich unangenehme Erinnerungen löschen. Das zeigt ein Versuch an der Universität Amsterdam. Die Forscher um Merel Kindt radierten mit dem Beta-Blocker Propranolol bei Studenten komplett eine vorher eingeübte Angst vor einen Spinnenbild aus, wie sie im Journal "Nature Neuroscience" berichten. Die Versuche sind allerdings nicht unumstritten. "Schlechte Erinnerung zu löschen, ist etwas anderes, als eine Warze oder einen Leberfleck zu entfernen", kommentiert der Medizinethiker Daniel Sokol von der Universität London. "Es ändert unsere persönliche Identität, denn unsere Erinnerungen bestimmen, wer wir sind."

Tierversuche hatten bereits gezeigt, dass Propranolol bei Ratten zuvor gelernte Ängste dämpfen kann, wenn es direkt in eine Hirnregion namens Mandelkern (Amygdala) gespritzt wird. Kindt und Kollegen wollten testen, ob sich mit dem Mittel auch bei Menschen gespeicherte Ängste löschen lassen. Dazu rekrutierten sie 60 freiwillige Studenten, denen sie wiederholt zwei Bilder von Spinnen zeigten, wobei eines häufig von einem milden, aber unangenehmen elektrischen Schlag begleitet wurde. Einen Tag später bekamen 40 Studenten den Betablocker und 20 ein wirkstoffloses Scheinmedikament (Placebo).

Medizinethiker sind skeptisch

Der Hälfte der Betablocker-Gruppe und der gesamten Placebo-Gruppe wurde am selben Tag erneut das fragliche Spinnenbild gezeigt, diesmal jedoch ohne den elektrischen Schlag. Dies diente der Reaktivierung der erlernten Angst, und genau in diesen Prozess kann der Betablocker offensichtlich biochemisch eingreifen. "Denn jedes Mal, wenn man eine Erinnerung abruft, muss sie neu geschrieben werden", erläutert Kindts Kollege Bram Vervliet. Am dritten Tag wurde bei allen Studenten die Angstreaktion auf das Spinnenbild getestet. Während sie sich in der Placebo-Gruppe nicht wesentlich verändert hatte, war sie bei der Betablocker-Gruppe, die am Vortag durch die Reaktivierung gegangen war, komplett verschwunden.

Zwar erwarteten die Studenten dieser Gruppe ebenso wie alle anderen den elektrischen Schlag, zeigten aber keinerlei Angstreaktion. Sie hatten also vorangegangene Ereignisse nicht vergessen, aber die Angst davor war gelöscht. Bei denjenigen Studenten, die ebenfalls Betablocker bekommen hatten, aber nicht durch die Reaktivierungsphase gegangen waren, blieb dieser Effekt aus. Das zeigt den Forschern zufolge, dass der Wirkstoff tatsächlich biochemisch in die erneute Abspeicherung der Angsterinnerung eingegriffen hatte. Bei diesen Probanden ließ sich darüber hinaus diese spezielle Angsterinnerung noch nicht einmal in den Versuchen erneut aktivieren - sie waren auf gewisse Weise immun.

Kindt und Kollegen sehen in der Methode einen möglichen Ansatz, traumatisierte Patienten von ihren quälenden Gefühlen zu befreien. Allerdings muss ihnen dafür ein Schlüsselreiz der Angsterinnerung erneut präsentiert werden. Der Medizinethiker Sokol bleibt jedoch skeptisch: "Es könnte vielleicht in manchen Fällen von Nutzen sein, aber bevor wir Erinnerungen auslöschen, sollten wir über die Folgeeffekte nachdenken, die dies für Individuen, die Gesellschaft und unser Verständnis von Humanität haben wird."