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Montag, 07. April 2014

Instrumenten-Legende im Blindtest: Violinisten entscheiden sich gegen Stradivari

Die Geigen des berühmten Instrumentenbauers Stradivari stehen in dem Ruf, modernen Instrumenten überlegen zu sein. Ein Experiment mit preisgekrönten Violinisten könnte am edlen Lack der Legende kratzen.

Eine Geigerin spielt auf einer Stradivari (Foto: Andy Rain/Archiv). In einem Blindtest bevorzugten Profimusiker in der Mehrheit neuere Instrumente.
Eine Geigerin spielt auf einer Stradivari (Foto: Andy Rain/Archiv). In einem Blindtest bevorzugten Profimusiker in der Mehrheit neuere Instrumente.

Italienische Violinen aus dem 17. und 18. Jahrhundert gelten als  legendär - zu Unrecht, wie eine französische Studie zeigt. Demnach stufen professionelle Geiger im Blindtest neue Instrumente höher ein als alte Stradivari-Violinen, sowohl im Klang als auch in der Bespielbarkeit. Die Virtuosen konnten bei Geigen auch nicht unterscheiden, ob es sich um eine alte Meistervioline handelte oder um ein modernes Instrument. Das berichten Forscher um Claudia Fritz von den Sorbonne Universités in Paris in den "Proceedings" der US-nationalen Akademie der Wissenschaften ("PNAS").

Schon zuvor hatten Studien Zweifel an dem Mythos geweckt, dass alte Violinen aus Italien unnachahmlich klingen und modernen Instrumenten überlegen sind. Bisher wurde dies jedoch nur in kleineren Studien geprüft, in denen wenige Instrumente zur Wahl standen und die Geiger kaum Zeit zum Testen hatten, wie die Forscher betonen.

Zehn preisgekrönte Violinisten, zwölf Geigen

Das Team um Fritz stellte nun zehn preisgekrönte Violinisten vor die Wahl: Sie sollten sich entscheiden, welche von zwölf Geigen sie auf einer Tournee spielen würden. Dazu testeten sie zwölf Violinen, von denen die sechs alten Instrumente aus Italien stammten, fünf davon von Antonio Giacomo Stradivari. Jeder Geiger hatte an zwei Tagen jeweils 75 Minuten Zeit zum Testen - einmal in einem Proberaum, einmal in einem Konzertsaal. Um die Instrumente nicht zu erkennen, trugen die Geiger veränderte Schweißerbrillen.

Auf die Frage, welches der Instrumente sie auf Tour mitnehmen würden, wählten sechs der zehn Virtuosen eine der modernen Geigen. Auch das im Mittel beliebteste Instrument war neueren Datums. Neuere Instrumente schnitten sowohl in Bespielbarkeit als auch Artikulation und Ausbreitung des Klangs besser ab und waren in der Klangfarbe mindestens ebenbürtig. Zudem konnten die Geiger nicht einschätzen, ob ein Instrument alt oder neu war, ihre Trefferquote entsprach etwa der Zufallsrate.

Fazit der Forscher: Es sei zwar unklar, ob die Entscheidungen der getesteten Violinisten repräsentativ für andere Geiger seien. "Aber angesichts der Klasse und Erfahrung unserer Solisten haben die andauernden Behauptungen zur einzigartigen Qualität alter italienischer Violinen einen sehr starken Bedarf an empirischer Unterstützung."

Quelle: n-tv.de