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Drosten-Podcast in neuem Format "Was Superspreader ausmacht, weiß man nicht"

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Große Corona-Ausbrüche gab es meist in schlecht belüfteten geschlossenen Räumen.

(Foto: imago images/Westend61)

Gibt es Menschen, die ansteckender sind als andere? Eine der großen Fragen der Pandemie - in einer neuen Ausgabe des NDR-Corona-Podcasts spricht Virologin Sandra Ciesek von einem "blinden Fleck". Dennoch gibt es Hinweise, was einen Unterschied machen könnte.

Auch mehr als neun Monate nach dem Ausbruch der globalen Coronavirus-Pandemie sind noch viele Fragen zu dem Virus offen. Gibt es etwa Menschen, die ansteckender sind als andere? Die möglicherweise aufgrund von biologischen Besonderheiten zu sogenannten Superspreadern werden und mehr Menschen infizieren, als das im Schnitt der Fall ist? Dieser und anderen Fragen stellte sich im aktuellen Corona-Podcast des NDR Sandra Ciesek, Leiterin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt.

Und Ciesek, die ihren ersten Auftritt in dem populären Format hat und sich künftig im Wochen-Rhythmus mit dem Charité-Virologen Christian Drosten abwechseln wird, muss in der Frage zum Superspreading eingestehen: "Das ist noch ein blinder Fleck. Was genau den Superspreader ausmacht, weiß man noch nicht." Offen sei auch, ob es "wirklich einzelne Personen gibt, oder ob es nicht eher die Gegebenheiten sind. Zum Beispiel der Raum", so Ciesek. "Es ist ja schon auffällig, dass diese Superspreading-Events meistens Indoor-Veranstaltungen waren, das spielt sicherlich auch eine große, große Rolle."

Phase der Infektion macht Unterschied

Allerdings könne das Verhalten von Infizierten einen Einfluss darauf haben, wie viele andere Menschen sie anstecken: Etwa, wie viel enge Kontakte jemand hat. Und ob Menschen eher zu Hause bleiben, wenn sie merken, dass sie krank werden, oder ob sie weiter unter Leute gehen. Und es gebe auch anatomische Besonderheiten, die eine Ansteckungsgefahr erhöhen könnten, sagt Ciesek. "Die berühmte feuchte Aussprache könnte da etwa eine Rolle spielen." Es mache auch einen Unterschied, in welcher Phase der Infektion sich ein Infizierter befinde. "Ist er ganz frisch infiziert, da gehen wir davon aus, dass die Ansteckung höher ist als, wenn er schon viele Tage infiziert ist."

Ein weiteres Rätsel der Coronavirus-Pandemie ist die Rolle der Kinder, die im Schnitt "nicht schwer erkranken oder schwer betroffen von dieser Infektion sind", wie Ciesek bestätigt. Vor besondere Schwierigkeiten in diesem Zusammenhang könnte Eltern und Kinderärzte in der beginnenden kalten Jahreszeit stellen, dass auch Schnupfen - eine häufige Erkrankung bei kleinen Kindern - auf eine Coronainfektion hindeuten könnte. "Das wird sehr schwer für Eltern, zu unterscheiden." Eine Studie des Robert-Koch-Instituts zu Kitas habe jedoch gezeigt, dass es einen Unterschied macht, ob Schnupfen das einzige Symptom bei Kinder ist, oder nur eines von mehreren - in letzterem Fall war die Wahrscheinlichkeit, positiv zu sein, deutlich höher.

Wie verhalten bei Schnupfen des Kindes?

Wie soll man sich also verhalten, wenn das eigene Kind Schnupfen hat? "Das ist wirklich nicht einfach zu beantworten", gibt Ciesek zu, die selbst Mutter ist. "Also ich würde sie einen Tag beobachten und schauen, wo es hingeht." Allerdings betont sie auch, dass die Anzahl der positiv getesteten Corona-Fälle in Deutschland derzeit sehr niedrig ist - somit sei die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind "einen der anderen hundert Viren" habe, die zu Atemwegsinfektionen führen, sicherlich höher.

Verschiedene Infekte anhand ihrer Symptome zu unterscheiden, sei "total schwer", sagt Ciesek außerdem. Klarheit bringe nur eine Laboruntersuchung. Da gebe es im Herbst eine Neuerung: die Multiplex-PCR. "Das heißt, Sie machen einen Abstrich und können dann im Labor verschiedene Erreger auf einmal testen - nicht nacheinander, sondern parallel." Zudem könnte der derzeit verbreitete Gebrauch von Masken, Handhygiene und Hustenetikette in Herbst und Winter neben dem Schutz vor Corona auch dafür sorgen, dass bestimmte andere Infektionskrankheiten zurückgingen. Eine schon ältere Studie aus Hongkong mache ihr da "ein bisschen Hoffnung", sagte Ciesek.

AHA-Regeln drängten auch andere Viren zurück

Die Hongkonger Wissenschaftler hatten im Jahr 2003, als Sars - ebenfalls ein Coronavirus - grassierte, die Zahl von Atemwegsinfektionen mit der in den Vorjahren verglichen. Aus Angst, sich anzustecken, hätten in Asien damals die meisten Menschen die sogenannten AHA-Regeln befolgt, sagte Ciesek. Die Frage war: "Was hatte das für einen Einfluss auf andere Viren?" Verglichen wurden die Daten für vier Erreger, darunter den der Grippe. "Man hat gesehen, dass das Verhalten dazu geführt hat, dass diese Infektionen alle deutlich zurückgingen in den Monaten", sagte Ciesek.

"Ich denke schon, dass man sicherlich durch die AHA-Regeln auch andere Virusinfektionen seltener sehen wird." Dennoch sei es sehr wichtig, dass sich die Risikogruppen impfen lassen. Der Vorschlag, auch alle Kinder gegen Grippe zu impfen, sei "sicher eine gute Idee", aber nur, wenn der Impfstoff dafür reiche.

Quelle: ntv.de, mit dpa