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Kein Leben ohne Lügen Wie viel Ehrlichkeit ist gesund?

Wie lebt es sich besser - mit der Wahrheit oder mit der Lüge? "Lügen haben kurze Beine" oder "Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht" lauten Sprichwörter. Aber schon in einem Psalm der Bibel heißt es: "Die Menschen lügen alle." Und Wilhelm Busch dichtete: "Der Beste muss mitunter lügen. Zuweilen tut er's mit Vergnügen."

Eine Psychologie-Zeitschrift berichtete über neue psychologische und sozialwissenschaftliche Erkenntnisse, die bestätigen, dass ein Leben ohne Lügen nicht möglich ist, ja dass sie auch sinnvoll sind. Die moralische Folgerung: Lügen sind nur dann verwerflich, wenn mit ihnen einem Menschen bewusst geschadet wird.

Wichtiger Aspekt der sozialen Intelligenz

Der Wiener Sozialwissenschaftler Peter Stiegnitz, der als Begründer der Mentiologie (Lehre von der Lüge) gilt, befindet, dass Lügen für die Psychohygiene notwendig und ein wichtiger Aspekt der sozialen Intelligenz sind. Er selbst verdankt sein Leben einer Lüge. Als Jude wurde er während des Krieges, im Alter von acht Jahren, verhaftet und wieder freigelassen, weil er sein Judentum glaubhaft verleugnete.

Seit jeher akzeptiert ist Lügen aus Höflichkeit und bei Komplimenten. Einer Person zu sagen, dass sie schick angezogen ist, obwohl man ihre Kleidung geschmacklos findet, ist manchmal für beide Seiten besser als das ehrliche Urteil.

Partner machen sich gegenseitig nicht nur in der Anfangs-, sondern auch in der Bestandsphase ihrer Beziehungen häufig etwas vor -von der angeblichen Gemeinsamkeit eines Lieblingsessens bis hin zu Halbwahrheiten und Täuschungen im intimen Bereich. Dies stellte die Sozialpsychologische Forschungsgruppe der Amerikaner Martie Haselton und David Buss und ihrer deutschen Kollegen Alois Angleiter und Viktor Oubaid in mehreren umfangreichen Untersuchungen fest.

Ich-Bewusstsein nötig für Lügen

Wie lügt man besonders erfolgreich? Das Team um den Emotionsforscher Julian Paul Keenan (Montclair State University, US-Bundesstaat New Jersey) stellte bei Untersuchungen eine Beziehung zwischen erfolgreichem Lügen und der Ausgeprägtheit des Ich-Bewusstseins fest. Menschen mit mangelndem Ich-Bewusstsein können schlecht lügen und sind leichter durch Lügen zu täuschen. Kinder entwickeln die Fähigkeit zu lügen kurz nach dem Ich-Bewusstsein, also etwa im Alter von zwei bis drei Jahren. Mit vier Jahren fangen sie an, Lügen ganz gezielt einzusetzen - etwa um sich Ärger zu ersparen.

Eine gesonderte Bedeutung hat Lügen vor Gericht - dort gilt es sogar als strafbar. Für die Aufdeckung von Falschaussagen könnten sich neue Methoden auf Grund von Ergebnissen der Gehirnforschung als nützlich erweisen.

Neue Generation von Lügendetektoren

Zwar hat der Bundesgerichtshof 1998 in einem Urteil die so genannte polygraphische Untersuchungsmethode als Beweismittel bei Gericht nicht zugelassen, doch könnte eine neue Generation von High-Tech-Lügendetektoren dies verändern. Während bisher meist galt, dass sich mit naturwissenschaftlichen Methoden im Gehirn immer nur die Träger von Gedanken untersuchen lassen, nicht aber die Inhalte, hat sich neuerdings die Einschätzung gewandelt, was ein geistiger Inhalt ist. Denn die Inhalte spiegeln sich in der Struktur und Dynamik der Kontaktstellen zwischen den Nervenzellen wider.

Für Justiz und Polizei könnte dies bedeuten, dass sich bei Verhören eventuelle Diskrepanzen zwischen den Aussagen und dem subjektiven Wissen dem Menschen mit so genannten Bild gebenden Verfahren im Gehirn feststellen lassen.

Ein Beispiel für mögliche Auswirkungen: Bei einem Wahlkampf-Rededuell zwischen Spitzenpolitikern im Fernsehen könnte es eine für alle Zuschauer sichtbare Lampe geben, die immer dann aufleuchtet, wenn in einem der streitenden Gehirne die Nervenstrukturen für vorsätzliche Lügen aktiv werden. Bekommt die "politische Öffentlichkeit" eine neue Bedeutung?

Von Rudolf Grimm, dpa

Quelle: ntv.de