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Keine fadenscheinige Kopie Auferstehung der Fantic Caballero

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Die Caballero 500 Scrambler Deluxe ist ein Mix aus traditionellen Stilelementen und modernen Beigaben.

(Foto: RKM Alan Klee)

Ein Motorrad muss weder groß noch schwer oder besonders stark sein, um Spaß zu machen. Stil sollte es aber haben. Unter anderem damit punktet die Caballero - aber eben nicht nur damit.

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Die Silhouette des Fantic Caballero fällt scramblertypisch luftig aus.

(Foto: RKM)

Es gibt sie auch heute noch, die kleinen, aber feinen Motorradmarken, die Erinnerungen an die eigene Jugend wecken. Ein gutes Beispiel ist Fantic, die Motorradmanufaktur aus dem norditalienischen Brazago: 1968 gegründet, hieß das damalige Vorzeigemodell Caballero und war eine Fünfziger-Enduro. Die traf mit ihrem freiheitsverheißenden Anspruch voll den Nerv der Zeit und geriet gerade unter jungen Fahrern zu einem echten Statusobjekt.

Heute heißt das Flaggschiff der Marke wiederum Caballero, und mit der möchte Fantic gerne an die erfolgreichen siebziger und achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts anknüpfen. Dabei hat sich das Unternehmen selbst neu erfunden, denn wie viele andere kleinere Motorradhersteller hat auch Fantic die Zweiradkrise nicht überlebt und musste Ende der Neunziger Jahre die Fabriktore schließen. Doch schon 2003 neu gegründet, entwickelt, konstruiert und montiert Fantic nun in der Nähe von Treviso.

An Traditionen bedient

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Knackig setzt der kurzhubige Motor der Fantic Caballero Gasgriffbefehle in Beschleunigung um.

(Foto: RKM Alan Klee)

Legitimerweise bedienen sich die Macher der erfolgreichen Tradition und erfüllen mit ihrer zeitgenössischen Interpretation damaliger Werte tatsächlich heutige Bedürfnisse: Die Caballero 500 Scrambler Deluxe ist mit ihrer puristischen Ausstrahlung und feinen Machart so richtig nach dem Geschmack individualistischer Motorradliebhaber geraten. Dabei macht der italienische Edelmann mit dem spanischen Namen nicht den Fehler, mit Gewalt Althergebrachtes zu wiederholen - sein Mix aus traditionellen Stilelementen und modernen Beigaben wirkt harmonisch und alles andere als aufgesetzt.

Die Silhouette fällt scramblertypisch luftig und der rechtsseitige Schalldämpfer doppelläufig aus, die Speichenräder zeigen moderate Grobstoller, und die breite Lenkstange ist mit einer gepolsterten Querstrebe verziert. Gefräste Gabelbrücken und Fußrastenplatten sowie die fleischige Upside-Down-Gabel mit goldenen Standrohren fügen sich genauso nahtlos ein wie das ins Rundgehäuse integrierte LED-Licht, gleichzeitig tut das dem Besitzerstolz gut.

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Hart aber herzlich begrüßt das knapp gepolsterte, schmale Sitzmöbel das Hinterteil des Fahrers.

(Foto: RKM)

Beim Aufsitzen macht sich Siebzigerjahre-Feeling breit: Hart aber herzlich begrüßt das knapp gepolsterte, schmale Sitzmöbel das Hinterteil. In leichter Vorlage gelangen die Hände an die breite Lenkstange, und die Beine ruhen bei gutem Knieschluss mit maßvoll sportiven Kniewinkeln auf den Rasten, die sich nach Entnahme der Gummis zackig mit der Stiefelunterseite verzahnen.

Es braucht einen festen Tritt

Ein Druck aufs Starterknöpfchen belebt den flüssigkeitsgekühlten Einzylinder - einen der letzten seiner Art, hergestellt von Zongshen aus China. Kernig und voll tönt der Einzylinderschlag aus dem Doppelschalldämpfer und gibt sich dank Ausgleichswelle als rund und weitgehend vibrationsfrei laufender Gentleman. Knackig setzt der kurzhubige Motor Gasgriffbefehle in Beschleunigung um, allerdings verlangt das gut abgestufte Getriebe zum Gangwechsel nach einem festen Tritt. Aus dem Schiebebetrieb setzt er das Gas schon mal ruppig ein, an der Ampel kündet er von der inneren Hitze - der italienische Edelmann zeigt Ecken und Kanten.

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40 PS leistet der Einzylinder der Fantic Caballero 500.

(Foto: RKM)

Dass er vermeintlich "nur" 40 PS aufzubieten hat, kaschieren kurze Schaltsprünge und die bis 6000 Touren fröhliche Drehfreude. Aus dem Keller stampft der Einzylinder druckvoll los, über Land fühlt man sich zu keiner Zeit untermotorisiert, denn bis Tacho 120 prescht die Fantic stramm vorwärts. Konkurrenzfähig wird der Auftritt durch das gelungene Fahrwerkensemble, das einen ähnlich knackigen Charakter wie die Antriebsquelle an den Tag legt. Straff abgestimmt, sorgen Federelemente für ein sportliches Vergnügen, bei dem Transparenz vor Komfort geht. Ungeachtet relativ langer Federwege bleibt die 500er geradeaus und in Schräglage zuverlässig auf Kurs, da verzeiht man ihr das trockene Ansprechverhalten der Federelemente.

Keine fadenscheinige Kopie

Zudem bereitet es keine Mühe, die schlanken 157 Kilo mit Elan in die Ecke zu werfen. Leichtfüßig, aber ohne übermotivierte Nervosität folgt der italienische Edelmann den Vorgaben, jederzeit bestens im Griff über die breite Lenkstange. Da stehen auch die Reifen vom Typ Pirelli Scorpion Rally STR nicht im Weg, die nicht nur gut aussehen, sondern auch prima kleben und neutral abrollen.

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Die Fantic Caballero 500 ist ihre 6700 Euro durchaus wert.

(Foto: RKM)

Hat's der Caballero­-Treiber im Eifer des Schwungs dann doch mal übertrieben, legen die vom indischen Brembo­-Ableger Bybre zugelieferten Bremsen die Zügel nachhaltig und gut dosierbar an. Bis zum sichernden Eingriff des Conti­-Systems aus ABS und Traktionskontrolle muss da schon einiges passieren.

Schön, dass die Fantic­-Macher nicht in die Traditionsfalle getappt sind und mit der Caballero 500 Scrambler Deluxe keine fadenscheinige Kopie der eigenen Vergangenheit, sondern eine gelungene Neuinterpretation des puristischen Scrambler­-Gedankens aufgelegt haben. Mit Einzylinder-­Dynamik, wertigen Details und guter Verarbeitung zu rund 6700 Euro zeigt sie eindrucksvoll, dass Erinnerungen an früher durchaus den Staub von Jahren aufwirbeln können, ohne in bräsiger Nostalgie zu enden.

Quelle: ntv.de, Thilo Kozik, sp-x