Auto

Zeitreise ins Jahr 1982 Bristol Brigand - der unbekannte Brite

Bristol_Brigand_VO.jpg

Der Bristol Brigand ist kein Auto, dem man als Massenware auf der Straße begegnet.

(Foto: Patrick Broich)

Der Brigand erzeugt Fragezeichen in den Gesichtern der Passanten. Dabei war der große Unbekannte aus den achtziger Jahren seinerzeit ein Pionier seiner Klasse. Knapp 74 Jahre baute der britische Hersteller Bristol exotische Luxusautos. Erst 2020 gingen in der Kensington High Street in London die Lichter aus.

Bristol Cars, ein kleiner britischer Hersteller von Nobel-Autos, wurde 2020 abgewickelt und ist nun endgültig Geschichte. Dabei hätte sich 2015 fast der Kreis geschlossen, denn die Marke bediente sich in der Frühphase, also in den Vierziger- und Fünfzigerjahren des 20. Jahrhunderts, bei BMW und hatte mit einem neu aufgelegten Fahrzeug unter dem Projectcode "Pinnacle" ("Gipfel") einen Newcomer mit der Technik aus München in der Pipeline. Doch es kam anders - die offizielle Pressemeldung, in der das neue Fahrzeug angekündigt wurde, war quasi das letzte Lebenszeichen von Bristol. Nach etwa 2600 jemals gebauten Bristol-Modellen sollte bereits wieder Schluss sein.

Bristol_Brigand_HISE.jpg

Der Bristol Brigand war im Jahr 1982 seiner Zeit um einiges voraus.

(Foto: Patrick Broich)

Zeitreise ins Jahr 1982. Es gab bei Bristol schon ausgefeilter proportionierte Modelle als die Serie 603 sowie der darauf basierende Nachfolger Britannia und dessen stärker motorisiertes Schwestermodell namens Brigand, einem Pionier mit neuester Turbo-Antriebstechnik. Bentley kam erst drei Jahre später mit einem aufgeladenen Treibsatz in dieser Liga um die Ecke, dem berühmten Turbo R. Dabei war der Grundmotor - ein Chrysler-Achtzylinder mit 5,9 Litern Hubraum beileibe kein Schwächling.

Turbolader für einen V8

Nun kam noch der von Zulieferer Rotomaster beigebrachte Turbolader ins Spiel, der den Brigand gemäß Prüfstand - beim besprochenen Exemplar - auf über 300 PS hievt. Nicht, dass man die Werte einheitlich aufbereitet in der Sekundärliteratur nachlesen könnte, manche Quellen sprechen gar von 400 PS, aber das ist auch nicht entscheidend - schließlich verpufft ein Großteil des ebenfalls nicht offiziell bezifferten Drehmoments ohnehin im Wandler des automatischen Dreiganggetriebes.

Bristol_Brigand_IN.JPG

Im Innenraum gleicht der Bristol Brigand sehr den Luxuskarossen anderer Hersteller aus jener Zeit.

(Foto: Patrick Broich)

Dafür ist die ausgefallene zweitürige Limousine mit etwas über 1700 Kilogramm Leergewicht nicht so schwer, wie man vielleicht denken könnte und zumindest auf dem Papier zu erstaunlichen Fahrleistungen fähig: 240 km/h lautet die Angabe für die Höchstgeschwindigkeit. Auch die Beschleunigung auf 97 km/h, also 60 Meilen pro Stunde, frappiert mit 5,9 Sekunden - das ist selbst für heutige Verhältnisse ordentlich.

Ein Selbstversuch hinter dem auf der rechten Seite installierten Steuer führt allerdings zu der Erkenntnis, dass der klangvolle V8 den Fahrer des Brigand zu keiner Zeit wirklich fordert. Das Cruisen steht dem 4,90 Meter-Zweitürer eindeutig besser als die Hatz. Denn irgendwie fühlt sich der exotische Brite tatsächlich so ein bisschen an, wie die damaligen Wettbewerber Bentley Turbo R oder Rolls-Royce Silver Spirit.

Viel Drehzahl hilft viel

Bristol_Brigand_Motor.JPG

Der Grundmotor - ein Chrysler-Achtzylinder mit 5,9 Litern Hubraum - ist beileibe kein Schwächling.

(Foto: Patrick Broich)

Wer es wissen will, gönne dem Achtzylinder-Vergaser - die Kombination mit einem Turbolader ist recht exotisch - ruhig ein bisschen Drehzahl, dann hebt sich die Motorhaube mit der augenfälligen Hutze, und der Brite schiebt ungestüm an. Ein richtiges Turboloch will sich übrigens nicht erfühlen lassen, denn untenherum wuchert der Benziner mit seiner hubraumbedingt bärigen Zugkraft, und den später einsetzenden Leistungssprung streicht die Flüssigkeitskupplung dank ihres immerwährenden Schlupfs glatt. Geschmeidig, selbst unter Last, wechselt die Automatik ihre Fahrstufen, wobei der große Gang gefühlt von 10 km/h bis Endgeschwindigkeit reicht.

Auch in vielen weiteren Punkten erinnert der Bristol an Bentley und Rolls-Royce, als da wären die feinen Lederfauteuils oder aber die mächtigen Wurzelnuss-Paneele im Bereich der Armaturentafel. Liebenswert-klobige Kippschalter findet man hier ebenso wie die aus anderen Großkonzern-Vehikeln entliehenen Komponenten. Die Scheinwerfer stammen beim Fotoexemplar wegen des Umbaus auf Rechtsverkehr aus dem Hause MAN, die Rückleuchten aus dem Opel-Regal (der Bedford Blitz lässt grüßen). Derlei zählt zu den üblichen Schrulligkeiten eines Kleinserien-Fahrzeugs. Hinzu kommen noch typische Bristol-Eigenheiten wie das Reserverad, das in einem seitlich angebrachten Fach vor dem Vorderwagen steckt.

Ein erschwingliches Kleinod

Bristol_Brigand_HI.jpg

Wer einen Bristol Brigand sucht, der muss Geduld haben.

(Foto: Patrick Broich)

Irgendwie schade, dass die Londoner Adresse Kensington High Street 368-370 - hier residierte das weltweit einzige Bristol-Autohaus - nicht mehr zu den verschrobenen Neuwagen führt. Hier hatte der langjährige, jedoch vor gut sieben Jahren verstorbene Markenchef Tony Crook noch persönlich Prospekte von seinen Produkten ausgegeben und dabei wohl immer auch amüsante Geschichten erzählt, wie man kolportiert.

Rund achttausend Bristol sollen über die Jahre in Kundenhand gegangen sein, tat er kund, obwohl man heute gut abschätzen kann, dass es in 74 Jahren kaum mehr als die bereits erwähnten 2600 Stück waren. Immerhin, wann hat man es schon mit einer solch exklusiven Marke zu tun, deren Produkte auf dem Klassikermarkt zu halbwegs bezahlbaren Preisen zu erwerben sind, zumindest dann, wenn man nicht auf die Fahrzeuge aus der frühen Phase besteht. Nur Geduld müssen potenzielle Interessenten mitbringen, denn ein Bristol wird nicht jeden Tag inseriert - zumindest nicht in Deutschland. Doch das macht die Suche ja gerade spannend.

Quelle: ntv.de, Patrick Broich, sp-x