Auto

Der Rolls-Royce unter den Bikes Brough Superior SS 100 - es gibt sie wieder

Brough_Superior_SS100_Prototyp_3.jpg

Eine Brough Superior SS 100 kann man nur mit Andacht betrachten.

In den 1920er- und 1930er-Jahren stand Brough Superior für absolute Exklusivität bei den Motorrädern. Legendär wurde der britische Hersteller mit der SS 100. Die kehrt jetzt zurück und dürfte Biker-Herzen höher schlagen lassen.

Brough_Superior_SS100_Museumsstueck.jpg

So sah die Brough Superior SS 100 im Jahr 1939 aus.

Die zwei runden, verchromten Deckel auf dem langgestreckten Aluminiumtank sind exakt so angeordnet, wie sie es schon vor 80 Jahren beim Originalmodell der Brough Superior SS 100 waren. Der breite, niedrige Tank ist oben schwarz lackiert, die Seiten sind aluminiumfarben. Dreimal findet sich der goldfarbene Schriftzug "Brough Superior" am Benzinreservoir, gerade so, wie das auch schon in den 1930er Jahren der Fall war. Und drei Leichtmetall-Haltebänder fixieren den Tank am darunterliegenden Rahmen; auch dieses Detail gab es schon damals. Der Rahmen des Testmotorrads ist allerdings nicht wie einst aus Stahl, sondern aus Titan.

Auch sonst ist an der im französischen Département Haute-Garonne zugelassenen Brough Superior des Baujahres 2015 viel Hightech geboten: Ein LED-Scheinwerfer vorne, LED am Heck und in den superkleinen Blinkern, eine Hossack-Gabel, feinste Öhlins-Ware für Federung und Dämpfung, dazu eine völlig neu entwickelte Vierscheiben-Bremsanlage von Beringer im geschmiedeten Leichtmetall-Vorderrad mit 18 Speichen. Das macht die Brough Superior SS 100 mit 62.900 Euro - deren Auslieferung noch im Dezember beginnen wird – nicht gerade zu einem Schnäppchen. Dennoch nützt es nichts jetzt schnell den Finger zu heben: Die Exemplare, die heuer noch gebaut werden, sind nämlich allesamt bereits vergeben.

Die Brough Superior SS 100 ist Kult

Brough_Superior_SS100_Prototyp_4.jpg

Auch von hinten macht die Brough Superior SS 100 eine ausgezeichnete Figur.

Das Vorserienexemplar der Brough Superior SS 100 zwischen die Schenkel zu nehmen ist etwas anderes, als die herkömmlich klassisch anmutenden Bikes zu besteigen. Denn die anderen zitieren nur in Details ihre Abstammung. Die SS 100 gibt sich durch und durch würdig, obwohl sie seit 2013 völlig neu konstruiert worden ist. Denn ihre Linienführung ist klassischer als die jedes anderen Motorrads, die Royal Enfields eingeschlossen. Und sie strahlt eine Wertigkeit, ja Exklusivität aus, die sie einzigartig macht. Nein, hart anfassen will man "The Mule" - so nennen die Erbauer das Motorrad - nicht. Das "Maultier", gebaut im Juni 2015, ist der älteste Prototyp, den die Firma nutzt, um auf ihm Kilometer anzuhäufen.

997 Kubikzentimeter Hubraum, 88 Grad Zylinderwinkel, vier Ventile und zwei obenliegende Nockenwellen pro Zylinder, elektronische Einspritzung, 100 PS – der wassergekühlte Motor läuft fein, nimmt sauber das Gas an. Blitzschnell dreht er hoch bis an die 10.000 Umdrehungen, wirkt aber auch in der Mitte nicht schwächlich. Ultrahandlich ist die SS 100 nicht, dem steht schon der Radstand von 1,54 Metern entgegen. Dafür umrundet sie Kurven auch in höherer Schräglage ausgesprochen stabil, federt und dämpft souverän und zeigt somit ein durchaus zeitgemäßes Fahrverhalten.

Die jüngere Geschichte

Brough_Superior_SS100_Prototyp_6.jpg

Die zwei runden, verchromten Deckel auf dem Aluminiumtank sind exakt so angeordnet, wie vor 80 Jahren.

Aber was steckt hinter diesem Motorrad, das sich ja niemand kauft, nur weil er das Geld hat? Es ist die Idee des Engländers Mark Upham, der ein Faible für das 1940 vom Markt verschwundene Motorrad hat. Er sucht sich die Markenrechte zusammen und findet zudem die in Toulouse beheimatete Firma Boxer Design. Sie ist trotz der gerade mal ein Dutzend Mitarbeiter eine verlässliche Größe in der Entwicklung von Prototypen. Verschiedene bekannte Motorradhersteller wissen das zu schätzen. Thierry Henriette heißt der Chef, Albert Castaigne ist sein Vertrauter. In Abstimmung mit Upham gründen sie die Firma Brough Superior SAS, an der Castaigne ein paar Anteile hat, die große Mehrheit liegt bei Henriette. Upham wird für jedes verkaufte Motorrad eine Provision erhalten.

Das Projekt startete im Sommer 2013. Auf einem weißen Blatt Papier wird die SS 100 konzipiert – und sofort ein Prototyp gebaut. Im November desselben Jahres wird das Bike auf der Mailänder EICMA vorgestellt und findet beachtliche Resonanz. Die Männer von Akira, einem renommierten Triebwerk-Entwickler im südwestfranzösischen Bayonne, nehmen sich der Motorenfrage an. Natürlich gibt die Brough-Historie einen V2 vor. Den ersten gelieferten Motor machen die Südfranzosen alle 5000 Kilometer auf, "mit banger Erwartung", so Castaigne. Aber es gibt keine Probleme. Inzwischen wird die Motorenherstellung am Boxer Design-Firmensitz angesiedelt; ein großer Raum im ersten Obergeschoss ist dafür ausersehen. Im Erdgeschoss sind Fahrzeug-Montageplätze; an ihnen werden zudem weitere Vorserienbikes aufgerüstet, denn es gilt, sich auf die Euro-4-Zukunft sowie auf weitere denkbare Varianten vorzubereiten.

Henriette_rechts_Castaigne_links.jpg

Thierry Henriette (rechts) und Albert Castaigne sind die Väter der neuen Brough Superior SS 100.

Die Montage der ersten Kundenfahrzeuge beginnt in diesen Tagen, nur noch 20, vielleicht 30 Stück können bis zum Jahreswechsel hergestellt werden. Die Homologation (nach Euro 3) ist abgeschlossen. Auch die für 2017 geplanten 240 Motorräder werden noch mit Euro 3 ausgeliefert; die "Kleinserien-Ausnahme" macht dies möglich. Ab 2018 müssen dann auch die Brough-Modelle den Anforderungen der Euro-4-Norm entsprechen, also unter anderem ein ABS aufweisen.

Kann die Wiederkehr gelingen?

Kann die Wiederauferstehung einer Marke gelingen, die schon vor 76 Jahren vom Markt verschwunden ist? Münch oder Horex sind Beispiele, dass auch weit kürzere Nichtexistenz-Phasen schon zu lang sein können, um nahtlos an einstmals ruhmreiche Zeiten anzuknüpfen. Im Fall von Brough Superior sind die Umstände aber relativ günstig: Erstens steht Boxer Design für sehr solide Entwicklungsarbeit, zweitens hat man sich an ein unvergleichliches Modell gewagt, das bei Kennern einen exzellenten Ruf hat und, historische Fahrzeuge werden deutlich im sechsstelligen Euro-Bereich gehandelt.

Zudem kann Boxer Design das Projekt "Brough Superior" finanziell selber stemmen, benötigt also keinen Investor, der die schnelle Refinanzierung beäugt. Außerdem zeigt das bisherige, von Geschäftsführer Albert Castaigne als "sehr positiv" dargestellte Interesse an der SS 100, dass man mit einer länger andauernden Nachfrage rechnen kann. Bleibt für manchen sicherlich das Problem der Investitionshöhe. 62.900 Euro – ohne Sonderwünsche – sind selbst dann viel Geld, wenn man davon ausgehen darf, dass der Wertverlust gering ist.

Quelle: n-tv.de, hpr/sp-x

Mehr zum Thema