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Nach altem Brauch und Sitte Die Wiedergeburt des Mercedes-AMG SL

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So scharf und dennoch auch puristisch hat ein Mercedes SL noch nie ausgesehen.

(Foto: Daniel Maurer)

Mit Blick auf den Elektroauto-Boom ist die Reinkarnation des Mercedes-AMG SL mit 4,0-Liter-V8-Biturbomotor wie der Ruf nach alten Zeiten. Und tatsächlich präsentiert sich die Neuauflage dann auch als das, was der SL einst war: ein echter Sportler nach altem Brauch und guter Sitte.

Angesichts der Tatsache, dass die Stromstöße auch unter dem Stern immer stärker werden, mutet die Reinkarnation des SL schon komisch an. Jedenfalls, wenn man das aus den deutschen und europäischen Augenwinkeln betrachtet. Schließlich will man hierzulande - und allen vorneweg auch Mercedes - mit elektrischen Luxusmobilen die Herzen der betuchten Autofahrer gewinnen. Ob das gelingt, wird man sehen, denn am Ende kommt es ja nicht nur auf schicke, langlaufende Fahrzeuge an, es spielen natürlich noch andere Faktoren hinein, die hier gar nicht aufs Tapet gebracht werden sollen. Vielmehr soll - wahrscheinlich in dieser Form zum letzten Mal - die Wiederauferstehung des Mercedes SL gefeiert werden.

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Auch fahrtechnisch zeigt sich der Mercedes-AMG SL von einer ganz anderen Seite als seine Vorgänger. Der kann jetzt nämlich auch Kurven.

(Foto: Daniel Maurer)

Na ja, so ganz ein Mercedes ist der neue SL dann auch nicht mehr, denn in Stuttgart hat man die Hoheit für die Neuauflage kurzerhand an die Sportabteilung nach Affalterbach gegeben und so heißt der schnittige Roadster mit Stoffkapuze dann auch folgerichtig Mercedes-AMG SL 63. Und weil die Jungs und Mädels in Affalterbach nicht für halbe Sachen bekannt sind, pumpt unter der ewig langen Motorhaube auch einzig ein 4,0-Liter-V8-Biturbomotor, wie man das aus seligen Tagen kennt. Natürlich müssen bei den Leistungsdaten alte Grenzen eingerissen werden. Und so stehen hier 585 Pferde auf der Koppel, die in der Lage sind, bei vehementem Antritt ein maximales Drehmoment von 800 Newtonmetern freizugeben und den Boliden in 3,6 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 zu beschleunigen. Wer eine offene Strecke ohne Verkehr findet, der kann den Frischluftsportler dann auch bis auf Tempo 306 treiben.

Für die Rennstrecke erschaffen

Nun mag das den Kenner nicht beeindrucken. Betrachtet man die Geschichte des SL, weiß man natürlich auch, dass seine Erstauflage 1952 ausschließlich für die Rennstrecke erschaffen wurde und das Kürzel SL für super -leicht stand. Über die Jahre hat der Sportfreund dann aber immer wieder zugelegt und verlor so einiges von seiner ursprünglichen Wettkampftauglichkeit. Am Ende hieß das für den SL, dass er noch immer schnell war. Aber eben nur auf der Geraden. Was den flotten Gang ums Eck betraf, hatte der Stuttgarter so seine liebe Not. Auf der einen Seite drückte er, auf der anderen zog er. Da war für den Sportfahrer sehr viel Gespür und Arbeit nötig, um die Fuhre in der Spur zu halten. Und so wurde der SL dann auch vorzugsweise zum charmante Cruiser für Dandys ohne Zeitnot.

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Das Stoffverdeck ist beim Mercedes SL zurück und löst das Metall-Variodach ab.

(Foto: Daniel Maurer)

Mit dem Neuen sollte das anders werden. Allein beim Design hat man auf einen "leichten und puristischen Eindruck" gesetzt, wie es Chefdesigner Gorden Wagener formuliert. Das hat natürlich auch zur Folge, dass der Vergleich mit dem Vorgängermodell, das von 2012 bis 2020 als R 231 fuhr, absolut obsolet ist. Was geblieben ist, sind vier Sitze, wobei die hinteren getrost als Taschenablage betrachtet werden können. Zurückgekehrt ist das Stoffverdeck, das das Metall-Variodach ablöst, 21 Kilogramm Gewicht einspart und sich in knapp 15 Sekunden bei einer Geschwindigkeit von bis zu 60 km/h öffnen und schließen lässt. Und da wir gerade die Diät im Blick haben, sei nicht unerwähnt, dass der reine Rohbau des SL kaum mehr als 270 Kilogramm wiegt.

Jetzt kann er auch Kurven

Doch es sind nicht nur die oben aufgezählten Maßnahmen, die den SL jetzt kurventauglich gemacht haben. Da gibt es noch ein paar andere Beigaben. Zum Beispiel der Umstand, dass der Wagen das erste Mal in seiner fast 70-jährigen Geschichte einen permanenten und vollvariablen Allradantrieb hat. Hinzu kommen eine Raumlenker-Vorderachse, eine aktive Wankstabilisierung und eine Hochleistungs-Verbundbremsanlage aus dem Hause Affalterbach. Und last but not least hat der SL serienmäßig eine aktive Hinterachslenkung, die unter 100 km/h dem Lenkeinschlag entgegengesetzt, oder über Tempo 100 sich mit der Richtung der Vorderräder bewegt.

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Beim Sound der Abgasanlage des Mercedes-AMG SL hat man sich zurückgenommen, ohne aber zu verleugnen, was für ein Treibsatz hier arbeitet.

(Foto: Daniel Maurer)

In Summe heißt das, dass der SL mit diesem unaufdringlich böllernden, aber durchaus drängenden Triebwerk und den eben angeführten technischen Finessen zum Kurvenfresser wird. Und dabei ist es völlig egal, in welchem der sechs Fahrprogramme die Kehre angepfeilt wird, obgleich es in der Natur der Sache liegt, dass es mit Sport oder gar Sport Plus am meisten Spaß macht. Race hingegen, das ohnehin nur im optionalen AMG-Dynamic-Plus-Programm enthalten ist, ist dann im öffentlichen Straßenverkehr eher etwas für Könner oder Übermütige, denn hier gehen die Helferlein um das ESP tief in die Deckung.

Aber ob mit oder ohne Race, der SL kann jetzt definitiv Kurven und das im sportlichsten Sinne. Es ist kein Problem mehr, schnell an die Kehre zu fahren, hart anzubremsen, absolut präzise einzulenken und mit Vollgas aus dem Kurvenende zu beschleunigen. Selbst die Zehntelsekunde, die sich die Turbos gönnen, bevor sie den Brennraum beatmen und der Bolide böllernd davonfliegt, hat echten Charme. Denn die dann folgenden knackig kurzen Schaltzeiten mit Zwischengasfunktion in den Fahrmodi Sport und Sport Plus sind vom Feinsten-, natürlich untermalt durch den (und das gehört einfach zu einem V8) markigen Klang der Sportabgasanlage. Wobei es ein wenig anders ist, als man es von AMG kennt. Der Sound ist prägnant, es fehlen auch nicht die Salven, aber sie sind dezenter, feinnerviger und dennoch echt.

Wünsch dir was

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Das Cockpit des Mercedes-AMG SL macht einen sehr schlüssigen Eindruck. Lediglich der Screen in der Mittelkonsole fühlt sich an wie nachgerüstet.

(Foto: Daniel Maurer)

Doch während der Wind dem Fahrer beim Kurvenritt das Haar zerzaust, der V8 ein gar lustig Liedchen singt und die warme Luft aus dem Airscarf den Nacken umschmeichelt, wird es Zeit, den Innenraum genauer in Augenschein zu nehmen. Da fällt auf, dass die Instrumententafel sich wie ein Flügel von einer Seite zur anderen schwingt. Wie ästhetisch sich die galvanisierten Turbinendüsen aus dem Dashboard erheben und wie gut ablesbar das 12,3-Zoll-LCD-Kombiinstrument - nicht frei stehend, sondern in ein Hightech-Visier integriert - ins Sichtfeld des Fahrers gebracht wurde. Einzig der in die Mittelkonsole integrierte und im Neigungswinkel elektrisch verstellbare, übermächtige Touchscreen stört das Bild. Ja, ausgerechnet diese Hightech-Komponente, die vor den Lüftungsdüsen schwebt, passt so gar nicht dorthin. Wirkt vielmehr, als wäre sie nachträglich eingefügt worden, um damit die Gene zur S-Klasse zu manifestieren.

Nicht dass so ein 11,9 Zoll großer Multimedia-Touchscreen nicht schick wäre, aber ganz praktisch stört er den Fahrer beim Bedienen der Lüftungsdüsen und des Gangwahlhebels. Ansonsten ist das Teil über jeden Zweifel erhaben. Es lässt sich, wenn die Sonne bei offenem Verdeck nicht genau im Rücken steht, extrem gut ablesen. Die Bedienung ist sozusagen mit einem Wisch erledigt, und wer das nicht will, der plaudert über das MBUX mit "Hey, Mercedes" und gibt so seine Wünsche an. Das Einzige, was man sich nicht wünschen kann, ist ein anderer Preis, denn der Mercedes-AMG SL 63 wird wohl nicht unter 140.000 Euro starten. Allerdings haben die Stuttgarter schon angekündigt, im Laufe der Zeit auch andere Motoren an den Start zu bringen. Ob der 55, also der 4,0-Liter-V8 mit 476 PS, dazugehört, ist fraglich. Was es aber auf jeden Fall geben wird, ist ein "Performance-Hybridantrieb". Der soll die Fahrdynamik erhöhen und gleichzeitig den Verbrauch reduzieren. Der lag übrigens in der ersten Ausfahrt mit dem 63er bei gut 14 Litern über 100 dynamisch gefahrene Kilometer.

Quelle: ntv.de

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