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Die elektrische S-Klasse kommt Fahrt im Mercedes EQS - stromernder Luxus

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Noch ist die elektrische S-Klasse von Mercedes, der EQS, nicht vollständig enttarnt.

(Foto: Mercedes)

Der Mercedes EQS tritt an, um die S-Klasse in einigen Jahren komplett abzulösen. Rein elektrisch, aber mit dem gleichen Luxus soll die Kundschaft unter Strom gesetzt werden. Eine erste Mitfahrt legt nahe, dass das Konzept sogar aufgehen könnte.

Für Christoph Starzynski, den Chef über die Modelle der Marke EQ, dürfte es die wohl größte Herausforderung seiner Karriere sein. Muss er doch mit dem stromernden Schlachtschiff EQS ein Fahrzeug abliefern, das der Legende S-Klasse in allen Belangen das Wasser reichen kann. Doch während die S-Klasse fast ein halbes Jahrhundert Vorsprung hat, muss Starzynski mit den Designern und Ingenieuren den fahrbaren Luxus völlig neu erfinden. Unter der recht kurzen Haube arbeitet kein Verbrenner mehr, die Energie bezieht der Motor nicht mehr aus dem Tank, sondern von einem Hochleistungsakku und getankt wird an der Stromzapfsäule statt an einer herkömmlichen Tankstelle.

Weltrekord beim Luftwiderstand

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Der Autor im Gespräch mit Christoph Starzynski, Head of Mercedes EQ (r.)

(Foto: Mercedes)

Vergleicht man den 5,21 Meter langen EQS, also das, was die Tarnfolie bisher freigibt, mit der S-Klasse, fällt auf, dass der Luxus-Stromer eher die Form eines Coupés hat als die einer klassischen Limousine. Was hier allerdings anders ist, ist die sehr kurze Motorhaube. Die ist aber nicht nur dem Wortsinn nach gar nicht mehr nötig, sie lässt sich auch nicht mehr öffnen, weil eben kein Treibsatz mehr darunter auf eine Inspektion wartet. Für die Designer ein gefundenes Fressen. Konnten sie doch den Übergang zwischen Front, A-Säule und Dach so fließend gestalten, dass bis zum Heck ein einziger schlüssiger Bogen entsteht. Ein Umstand, der auch die Aerodynamiker mehr als freut. Dank dieser Linie und einigen anderen Kniffen waren sie in der Lage, den Luftwiderstandswert auf weltrekordverdächtige 0,2 zu senken.

Ein Wert, den bis heute wohl noch kein Serienfahrzeug erreicht hat. Das ist umso wichtiger, als dass Mercedes verspricht, dass der EQS mit seinem großen Akku bis zu 770 Kilometer weit stromern kann. Nichts ist dem Verbrauch neben einem schweren Gasfuß so unzuträglich wie ein hoher cW-Wert. Auf der ersten Mitfahrt spürt man im Inneren des Wagens vom Luftzug natürlich nichts. Will man einen haben, dann kann man den als Beifahrer mithilfe des geradezu monumentalen Bedienfeldes auf seiner Seite des Hyper-Screens einstellen. Von da kann man auch das Multimedia-Programm bestimmen, sich über die edlen Ledersitze massieren oder den Teil einfach nur als eine Art Dekorelement auf sich wirken lassen.

Bis zu 523 PS und über 550 Newtonmeter

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Die Linie des Mercedes EQS wirkt wie aus einem Guss.

(Foto: Mercedes)

Erstaunlich ist, dass dieser sich über das gesamte Dashboard erstreckende Screen den Fahrer und Beifahrer nicht so überfordert wie der mächtige Screen in der Mittelkonsole der neuen Mercedes S-Klasse. Im EQS hat man eher den Eindruck, dass die Informationen dezent fließen. Obgleich natürlich das Design der einzelnen Anzeigen und Elemente auf dem Monitor denen des fossilen Bruders gleichen. Das ist natürlich gewollt, denn hofft Mercedes doch, dass sich die Kunden, die heute eine S-Klasse fahren, morgen für einen EQS entscheiden.

Und dafür mussten Starzynski und seine Kollegen hart arbeiten, denn so ein Luxusliner wie der EQS mit einer Batterie im Unterboden, die im besten Fall einen nutzbaren Energiegehalt von 107,8 kWh zur Verfügung stellt, der wiegt schon was. Träge Masse, die nicht nur, aber vorzugsweise mit Leistung bekämpft wird. Die Kraft, die der E-Motor zur Verfügung stellt, startet je nach Modell bei 333 PS und endet bei 523 PS. Auf der Testfahrt gab es das ultimative Kraftpaket, das mehr als 550 Newtonmeter maximales Drehmoment bei Bedarf an alle vier Räder schickt. Was das genau in Zahlen bedeutet, wollte Starzynski noch nicht verraten, aber wenn er den Fuß auf das Gaspedal drückte, konnte der Autor ein Loch in der Magengrube spüren.

Luxus auch für Selbstfahrer

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Die abfallende Dachlinie im EQS beschränkt die Kopffreiheit etwas, aber ansonsten ist es in der zweiten Reihe sehr kuschlig.

(Foto: Mercedes)

Der Vortrieb fühlte sich enorm spontan an, dass die Frage gestattet sein musste, ob denn der EQS sich noch als klassische Chauffeurs-Limousine versteht oder wegen seiner Form und Potenz dann schon eher etwas für sportlich orientierte Selbstfahrer à la Mercedes GT Viertürer ist. "Beides", so Starzynski. "Wir haben alles darangesetzt, dass man im EQS nicht nur Spaß auf einem der Fondplätze hat, sondern auch beim Selbstfahren." Der Autor muss zugeben, dass er ob der Potenz und eines nach oben hin recht begrenzten Freiraums im EQS den Platz als Fahrer vorziehen würde.

Obgleich man natürlich, wenn man sich in die Polster der zweiten Reihe kuschelt und den Kopf in die Kopfstützen, die hier wahren Kuschelkissen gleichen, vergräbt, nicht wirklich leiden muss. Selbst dann nicht, wenn der Fahrer mit der für den EQS vorgesehenen Höchstgeschwindigkeit von 210 km/h über die Piste fliegt. "Das liegt aber nicht nur an der in Serie verbauten Luftfederung", erklärt Starzynski, "sondern auch an der optimierten Anordnung der Magneten innerhalb der Rotoren." Der Motor arbeitet also noch leiser, als es ein E-Aggregat ohnehin macht und zudem verringert genau diese Anordnung den Einsatz von seltenen Erden, was Ressourcen und die Umwelt schont. Zudem ist der E-Motor, wie schon beim EQA, doppelt entkoppelt, was die Vibrationen fast völlig eliminiert.

So wenig Ladestopps wie möglich

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Der Hyperscreen, der optional im Mercedes EQS ist, ist bis dato einzigartig.

(Foto: Mercedes)

Doch zurück in die erste Reihe, wo der Fahrer ein enorm voluminöses Lenkrad mit etlichen Bedienelementen in den Händen hält. Zudem ist auffällig, dass die Hutze im Dashboard sich hoch aufschwingt und im Zusammenspiel mit der sehr flach stehenden Frontscheibe einen etwas anderen Blick auf die Straße gewährt, als man ihn gemeinhin gewohnt ist. Dennoch steuert Starzynski den EQS zielgenau in jede Kehre, freut sich immer wieder über die präzise Lenkung und das Ansprechverhalten des Gaspedals. Aber auch in einem EQS wird die Roll- und Bremsenergie in den Akku zurückgeführt, um die Streckenleistung zu optimieren und die Ladestopps zu minimieren.

Den Fahrer unterstützen dabei drei Stufen der Rekuperation, die wie gehabt über die Schaltwippen am Lenkrad eingestellt werden. In der höchsten Stufe erreicht die Rekuperationsleistung bis zu 290 kW. Nur zum Vergleich: Bei den Plug-in-Hybriden von Mercedes sind es 100 kW. Aber der Fahrer muss sich nicht allein auf sein Künste beim Bremsen verlassen. Dank Sensoren und Radar nimmt die Elektronik des EQS vorausfahrende Fahrzeuge wahr und wenn der Fahrer den Fuß vom Gas nimmt, bremst das System selbständig ab und rekuperiert dabei. "Für kürzere Ladezeiten" so Starzynski, "sorgt zudem ein intelligentes Thermomanagement, das immer dann arbeitet, wenn das Navigationssystem aktiv ist." Das heißt, dass die Batterie auch während der Fahrt vorgewärmt oder gekühlt werden kann. Erreicht der Fahrer eine Schnellladestation, befindet sie sich in einem optimalen Temperaturfenster, was das Laden deutlich beschleunigt.

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In seiner Gesamtheit dürfte der Mercedes EQS, wie einst die S-Klasse, Maßstäbe setzen.

(Foto: Mercedes)

"Eine Herausforderung war auch", berichtet Starzynski, "die Komponenten so zu verbauen, dass sie alle Anforderungen eines Crashs bestehen." Um die Batterie bei einem Unfall zu schützen, wurde das Gehäuse vorn und an den Seiten mit energieaufnehmenden Strukturen versehen. Zudem schützen steife, doppelwandige Bodenplatten. Auch das Eindringen von Fremdkörpern in den Akku wurde simuliert, ebenso wie eine Überladung oder Überhitzung. Aber auch für den Normalfall will Mercedes bei der Batterie für Sicherheit und Vertrauen beim Kunden sorgen. Ein Leistungsversprechen deckt nicht nur den Kapazitätsverlust über zehn Jahre ab, sondern auch bis zu einer Laufleistung von 250.000 Kilometern.

Natürlich hat Starzynski noch nicht alle Details des EQS, der neuen elektrischen S-Klasse verraten. Etwas, so der EQ-Chef, wolle man sich ja auch noch für die virtuelle Weltpremiere am 15. April aufheben. Dann werden hoffentlich auch konkrete Leistungsdaten und der Preis bekannt gegeben. Denn dass der elektrische Luxusgleiter nicht für für 'n Appel und 'n Ei zu haben ist, dürfte angesichts des betriebenen Aufwands schon klar sein.

Quelle: ntv.de

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