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Spagat zwischen den Welten Land Rover Defender 2020 - ganz der Alte?

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Die Idee des alten Defender ist auch in der modernisierten Neuauflage von Land Rover zu erkennen.

(Foto: Holger Preiss)

Es gibt Autos, die kann man sich nur in ihrer Ur-Form vorstellen. So auch den Land Rover Defender. Nun haben die Briten aber den Mut gehabt, die Gelände-Ikone neu aufzulegen. Entstanden ist ein Offroader, der das Alte bewahrt und den Zeitgeist in sich trägt.

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Auch der neue Land Rover Defender soll ein Offroad-Spezialist sein, aber eben nicht nur.

(Foto: Holger Preiss)

Es gibt Auto-Ikonen, an denen nur schwer zu rütteln ist, ohne die eingeschworene Fangemeinde zu verprellen. Dazu gehört die Mercedes G-Klasse ebenso wie der Land Rover Defender, der als Mark I vor 70 Jahren das Licht der Welt erblickte und während seiner Bauzeit von 1948 bis 2016 nicht nur zwei Millionen Käufer fand, sondern im Hinblick auf die scheinbar unzerstörbare Technik kaum verändert wurde. Als Land Rover 2015 sein Ende bekannt gab, ging ein Aufschrei durch die Automobil-Welt. Aber tatsächlich war das Ur-Vieh eines Geländewagens umwelt- und sicherheitstechnisch an seine Grenzen gekommen.

Mit der Geschichte verbunden

Jetzt ist der Defender zurück. Neu, anders und doch mit den Attributen der ersten Baureihe gesegnet. Dies zumindest versprachen die Briten, als die Neuauflage im vergangenen Herbst auf der IAA in Frankfurt präsentiert wurde. Unterdessen hat Land Rover sein neues Geländewunder ntv.de zu einer ersten Testfahrt zur Verfügung gestellt. Klar, dass für die Ausfahrt nicht die Straße im Fokus steht, sondern das Gelände. Na ja, Gelände der Schwierigkeitsstufe eins, wie die Fachleute sagen. Was aber immerhin beinhaltet, dass sich der Brite Wasser, Sand, Geröll, Steigungsfahrten von 70 Prozent, Schrägfahrten mit bis zu 32 Grad Seitenneigung, Verschränkungsfahrten und dem Überfahren einiger Steinbrocken stellen muss, die man einem normalen Fahrzeug beim besten Willen nicht zumuten möchte.

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Proportionen und Silhouette des neuen Land Rover Defender entsprechen denen des alten.

(Foto: Holger Preiss)

Ob der Besitzer des nunmehr mindestens 49.700 Euro teuren Dreitürers oder gar des ab 55.600 Euro startenden Fünftürers einen solchen Acker zumuten möchte, sei dahingestellt. Fakt ist, dass es für das Geld alles gibt, was der Offroad-Fan braucht, um unbeschadet auch durch gröberes Geläuf zu kommen. Zwar ist der einst für unzerstörbar gehaltene Leiterrahmen Geschichte, und die Karosserie muss sich jetzt mithilfe metallener Stabilisatoren und hochfester Stähle selbst tragen, aber das machte über Stock und Stein beim besten Willen nicht den Eindruck, als wolle der Brite den hier geforderten Belastungen nicht standhalten. Land Rover selbst behauptet, dass die Karosserie "viermal steifer ist, als die der Konkurrenz" und "vertikal wirkenden Kräften von bis zu sieben Tonnen standhält".

Alles was es im Gelände braucht

Natürlich gibt es in allen Defender-Modellen einen Allradantrieb, ein sperrbares Mitteldifferenzial und eine Untersetzung, die vor allem bei Langsamfahrten im Geländemodus ausgesprochen hilfreich ist. Wer es noch Offroad-tauglicher haben möchte, kann Hinterachssperre und Luftfederung ordern. Den Böschungswinkel von 40 Grad an der Front und 38 Grad am Heck gibt’s gratis, und auch die Wattiefe von 90 Zentimetern für gehobene Wasserdurchfahrten ist bei allen Modellen bereits eingepreist. Insofern gibt sich der Defender beim ersten groben Ausritt nicht als Kind von Traurigkeit und meistert die oben erwähnten Beschwerlichkeiten bravourös.

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Gelände kann der neue Land Rover Defender natürlich auch. Ob man ihn da oft finden wird, bleibt abzuwarten.

(Foto: Land Rover)

Allerdings, und das muss der Ehrlichkeit halber erwähnt werden, wären die Offroad-Hindernisse auch für alle anderen Land-Rover-Modelle, kein Problem gewesen. Denn die elektronische Bergabfahrhilfe und die unterschiedlichen Fahrprogramme fürs Gelände gibt es dort auch. Neu ist hingegen ein 360-Grad-Kamerasystem, die dem Fahrer via Bildschirm in der Mittelkonsole, einen Blick "durch" die Motorhaube auf den Fahrweg oder gar unter das Fahrzeug gewährt. Ein Feature, das gerade auf unübersichtlichen Wegen mehr als hilfreich ist. Die Elektronik im Defender ist sogar so weit, dass mithilfe von Kamera- und Radarsystem, den Offroad-Programmen und den bereits benannten Beigaben, der Wagen unwegsame Passagen im Alleingang bewältigen kann. Lediglich das Lenkrad gilt es durch den Fahrer noch fest in den Händen zu halten. Auf- und Abstieg macht der Brite dann mehr oder weniger selbständig.

Nicht nur fürs Grobe

Doch der neue Defender kann noch mehr. Land Rover betont, dass die Zeiten, wo es vorrangig um die Fahrten ins Nirgendwo ging, vorbei sind. Die Neuauflage soll nämlich auch Familien als komfortables und modernes Reisemobil dienen. Ein Indiz dafür ist zum Beispiel die vielfache Zahl von USB-Steckplätzen und das neue Infotainmentsystem. Das hat nicht nur eine separate Stromversorgung, es arbeitet auch deutlich schneller und ließ sich auf den ersten Touch wesentlich intuitiver bedienen. Daneben erfreut die Bestuhlung des Briten und lädt zum gemeinschaftlichen Dauerlauf ein. In der Kurzversion findet dank des Jump Seat zwischen Fahrer und Beifahrer eine Person mehr Platz, im Fünftürer gibt es auf Wunsch zudem eine dritte Reihe mit zwei weiteren Sitzen. Apropos: Saß der Fahrer im alten Defender eher mäßig, findet er sich in der Neuauflage nicht nur erhaben, sondern auch langstreckentauglich platziert.

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Im Innenraum hat Land Rover einen guten Kompromiss zwischen Moderne, Roughness und Bequemlichkeit für den Defender gefunden.

(Foto: Holger Preiss)

Aber nicht nur die großzügigen und bequemen Sitzverhältnisse machen den neuen Defender zum Reisemobil. Der Fahrkomfort hat insgesamt einen Satz ins 21. Jahrhundert gemacht. Das fünf Meter lange und zwei Meter breite Gefährt lässt sich erstaunlich feinfühlig manövrieren, federt wie im Gelände auch das Ungemach des Asphalts aus und ist durchaus in der Lage, Kurven flott und dabei souverän zu durchlaufen. Wie sportlich so ein Defender am Ende unterwegs ist, hängt natürlich nicht nur vom Fahrer, sondern auch von der Motorisierung ab. Derer gibt es momentan vier. Neben einem 2,0-Liter-Vierzylinder Diesel mit 200 oder 240 PS stehen zwei Benziner zur Wahl. Während der eine seine Kraft ebenfalls aus einem Vierzylinder schöpft und 300 PS leistet, ist der andere ein neu entwickelter Sechszylinder mit drei Litern Hubraum und satten 400 PS. Letztgenannter ist natürlich der Treibsatz für Fahrer, die eher der flotten Gangart zugeneigt sind. Der Sechsender gibt sich extrem durchzugsstark und erfreut mit einem wirklich kernigen und dabei unaufdringlichem Sound.

Sparsamer ist natürlich unterwegs, wer sich für den Diesel mit 240 PS entscheidet. Auch der durfte von ntv.de gefahren werden und verrichtete seinen Job gut und unauffällig. Bei allen Motorisierungen sorgt eine Achtgang-Automatik für die Kraftverteilung, wobei der Diesel mit einem angegebenen Durchschnittsverbrauch von 7,6 Litern natürlich deutlich sparsamer ist als der so freudvoll beschriebene Sechszylinder. Sparfüchse, die auch noch mit einer Corona-Prämie rechnen, müssen sich bis Ende des Jahres gedulden, dann wird es auch noch einen Plug-in-Hybrid geben.

Mit bewährtem Image

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Erstaunlich viel Platz genießen Reisende in der zweiten Reihe des Land Rover Defender.

(Foto: Holger Preiss)

Und noch etwas sei für diejenigen erwähnt, die mit Blick auf die geglättete Karosserie glauben, der Defender hätte sein bewährt roughes Image verloren: Im Gegenteil, die Briten haben unter anderem mit einem frei liegenden Magnesium-Querträger im Armaturenbrett oder sichtbaren Schrauben an den Türverkleidungen sowie mit abwaschbaren Flächen im Innenraum dafür gesorgt, dass dieser Charakterzug erhalten bleibt. Am Ende hat der Kunde die Wahl zwischen vier Ausstattungslinien und 170 Zubehörteilen, darunter auch eine Folierung zum Schutz des Lacks - für diejenigen, die wirklich ins Gelände wollen, oder jene, die mit allen Beigaben um die 70.000 Euro für ihren Defender ausgegeben haben.

Apropos Werterhalt. Land Rover verspricht ja, dass der neue Defender mindestens so haltbar ist wie sein Vorgänger. Eine Aussage, die Hoffnung macht, sich aber leider erst im Laufe der Zeit überprüfen lässt.


Quelle: ntv.de

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