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Sportgeist in der Luxusklasse Mercedes S 600 7.0 AMG trifft AMG GT 63 S

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Hier vereinen sich Luxus und Sport und machen Mercedes S 600 7.0 AMG und AMG GT 63 S Viertürer zu Brüdern im Geiste.

(Foto: Patrick Broich)

Noch vor 25 Jahren war der Wunsch nach einer extrem sportlichen Luxuslimousine nur schwer zu erfüllen. Mercedes hat es damals mit dem S 600 7.0 AMG möglich gemacht und bietet heute den AMG GT 63 S Viertürer an. Ein Generation-Treffen der Brüder im Geiste.

Natürlich ist der AMG-GT Viertürer nach klassischem Verständnis eine Limousine und kein Coupé, wie es die Mercedes-Website suggerieren möchte. Und zwar eine, die sich viele W140-Kunden in den Neunzigerjahren sicherlich gewünscht hätten. Mit seinen 5,05 Metern ist der GT eine lupenreine Oberklasse, gibt den Gentlemen auf der Langstrecke und das Biest auf dem Track - zumindest die Topversion 63 S 4Matic. Laut der offiziellen Nürburgring-Website ist der rasante Achtzylinder mit 7 Minuten und 27 Sekunden sogar schnellster Viertürer auf der Nordschleife.

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Moderates Cruisen beherrscht der AMG GT genauso wie sein 25 Jahre alter Bruder im Geiste.

(Foto: Patrick Broich)

Zeitsprung ins Jahr 1996. Damals war die einzige Mercedes-Oberklasse die S-Klasse, und deren sportlichste Version war der S 600. AMG war zu dieser Zeit Kooperationspartner und gehörte noch nicht zum Konzern. Während mit dem C 36 AMG bereits ein offizielles Modell gelistet wurde, war das bei der S-Klasse noch nicht der Fall. Ein Spezialauftrag machte es allerdings möglich, den von AMG modifizierten Zwölfzylinder M120 in der Ausführung mit sieben Litern Hubraum (aus der Kleinserie SL 70 AMG) auch im W140 unterzubringen.

Kraft aus 7,1 Liter Hubraum

Im Gegensatz zum R129 als SL 73 war der höchstmotorisierte W140 keine konfigurierbare Variante und besaß auch keine offizielle Modellbezeichnung geschweige denn einen Schriftzug auf der Kofferraumklappe. In den Auslieferungspapieren, die Tino Zovko, Spezialist für auf exotische Fahrzeuge von "Investments on Wheels", parat hat, heißt es "S 600 7.0 AMG". Dabei bietet der Zwölfender sogar exakt 7,1 Liter - genug Volumen, um aus dem Vollen schöpfen zu können. Generell muss man wissen, dass der W140 gegenüber seinem Vorgänger W126 einen deutlichen Sprung in puncto Fahrwerk gemacht hat und von Natur aus viel agiler war als sein Vorgänger, wozu nicht nur die jetzt auch im größten Benz eingesetzte Raumlenkerhinterachse ihren Teil beitrug, sondern zusätzlich ein ganz banales Feature: die Parameterlenkung.

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Bereits damals sorgte ein funktionales Kombiinstrument für Mercedes-Flair in der höchsten Luxuskategorie.

(Foto: Patrick Broich)

Nicht nur, dass die behäbig aussehende dritte Generation der S-Klasse behände durch Kehren zirkelt - auch in Parklücken lässt sie sich nötigenfalls mit zwei Fingern dirigieren - die im Stand mit hoher Unterstützung operierende Servolenkung macht es möglich. Zu diesen Fertigkeiten kommt beim raren Siebenliter (Fachleute kolportieren, es gebe drei Stück) auch noch die Befähigung, den 2,2-Tonner urgewaltig anzuschieben. Schon der 600 SEL mit 408 PS sollte laut Werksangabe nur sechs Sekunden bis Landstraßen-Tempo benötigen, hier sollen es 470 Pferdchen sein. So gesehen ist die fünf vor dem Komma gesichert.

Mit dem Kickdown-Knopf voran

In der Praxis fühlt sich der zwölfzylindrig säuselnde Hundertvierziger mit dem etwas indiskret herausschauenden Auspuff-Doppelendrohr jedenfalls pfeilschnell an, holt bei Betätigung des Kickdown-Knopfs kurz Luft, um dann mit wütenden Hammerschlägen davonzustürmen, sofern der Grip ausreicht, was angesichts seines Hinterradantriebs nicht immer gewährleistet ist. Einmal in Fahrt, bleibt er sicher in der Spur, erzeugt nicht einmal Angst vor kurvigem Geläuf, ja, lässt die Masse vergessen, die hier in Bewegung gebracht wird.

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Schon der 600 SEL mit 408 PS sollte laut Werksangabe nur sechs Sekunden bis Landstraßen-Tempo benötigen.

(Foto: Patrick Broich)

Wenn man sich etwas beruhigt und den Spieltrieb ausgelebt hat, wird es Zeit für den Cruising-Modus. Dann erlebt man die rund ein viertel Jahrhundert alte S-Klasse über den Boden schweben und kann sich gut vorstellen, mit ihr die Strecke von Köln nach München auf einer Pobacke abzusitzen. Üppige Ledersessel (auch hinten optional in Einzelausführung), Wurzelnussholz in verschwenderischer Ausführung und ein funktionales Kombiinstrument sorgen für Mercedes-Flair der höchsten Luxuskategorie. Damals war dieser rare Mercedes die wohl sportlichste und ganz sicher schnellste Möglichkeit, Oberklasse zu genießen. Kein Siebener-BMW (nicht einmal aus dem Hause Alpina), kein Jaguar XJ und kein Audi A8 boten Gefährte dieser Liga, die an der 500 PS-Grenze kratzten, selbst die 400 PS-Schwelle wurde Mitte der Neunziger nicht gerissen.

Wie ein sportives Sakko

Und heute? Genau wie es im Supermarkt inzwischen eher dreizehn statt drei Joghurt-Sorten gibt, hat sich auch das automobile Angebot in den letzten drei Jahrzehnten immer weiter aufgefächert. Wer früher S-Klasse mit AMG-Schliff fuhr, würde heute womöglich AMG pur bevorzugen. Ja, es gibt die S-Klasse auch anno 2020 mit AMG-Badge, aber es gibt eben auch eine Oberklasse, deren Entwicklungshoheit komplett bei Mercedes-AMG liegt.

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Große Bildschirme dominieren das Cockpit des GT Viertürers.

(Foto: Patrich Broich)

Genau von solch einem Kaliber ist der viertürige GT - in der Topversion ausschließlich als Allradler unterwegs, weil sich 639 PS überhaupt nicht anders zähmen lassen. Der GT sitzt wie ein sportives Sakko, bietet viel Platz und Komfort, lässt aber immer durchblicken, dass man es hier mit einem Sportler und nicht mit einem Gleiter zu tun hat. Mercedes hat diesen Eindruck natürlich mit der Konfiguration des Testwagens verstärkt - statt Wurzelholz (auch das wäre möglich) gibt es Karbon, die Gurte präsentieren sich in leuchtendem Gelb und man fast in ein griffiges Alcantara-Lenkrad. Um der Karosse auch noch das letzte Fünkchen Eleganz zu nehmen und dafür an Aggressivität draufzusatteln, rollt der 63er auch noch in Mattschwarz an den Start.

Cruisen können beide

Über Mode und Geschmäcker kann man wie immer streiten, nicht aber über technische Perfektion. Die intern X290 genannte Renn-Limousine trifft den Grat zwischen geschmeidiger Komfortlounge und Hochleistungsgefährt so perfekt wie wenige andere Fahrzeuge. Der dank zweier angetriebener Achsen auf Gaspedalbefehl unter Achtzylinder-Brummen katapultartig startende Mercedes-Beau kann auch sanft, obwohl man sein Neungang-Planetengetriebe des Drehmomentwandlers beraubt hat und stattdessen auf eine Lamellenkupplung setzt, die noch weniger Schlupf verspricht. Landstraßentempo? Steht nach gut drei Sekunden, und wenn man auf einer leeren Autobahn nicht aufpasst und beherzt beschleunigt, bewegt sich der Gran Turismo auch jenseits der 300 km/h-Schwelle vorwärts, um bei Bedarf mit Hilfe extrem packender Keramikscheiben brutal zu verzögern.

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Der moderne Treibsatz des GT Viertürers versteckt sich hinter den Verblendungen.

(Foto: Patrick Broich)

Doch moderates Cruisen beherrscht der AMG GT genauso wie sein 25 Jahre alter Bruder im Geiste, der S 600 7.0 AMG - nur etwas anders in der Ausprägung. Straffer ist der moderne V8, der im Teillastbetrieb sanftes V8-Brabbeln in den Innenraum schallen lässt, während der betagte V12 typisch turbinenartiges auf die Ohren gibt, und zwar ungefiltert ehrlich ohne Lautsprecher oder sonstige elektronische Hilfsmittel.

Dennoch stehen die Chancen gut, dass ein S 600 7.0 AMG-Kunde heute AMG GT Viertürer fahren würde. Ihm wird es ja auch leichter gemacht durch Mercedes-AMG mit dem passenden Angebot. Früher musste man abgesehen von dem Kleingeld auch den Mut und die Kenntnis mitbringen, ein solch rares Modell überhaupt in Auftrag zu geben.

Quelle: ntv.de, Patrick Broich, sp-x

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