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Stromstoß mit Gruß vom Magen Porsche Taycan - Viel zu schnell zu schnell

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Der Porsche Taycan sortiert sich als Strom-Sportler neben dem Panamera ein.

(Foto: Frank Ratering)

Die E-Autos sind im Kommen. Na ja, auf jeden Fall sind sie im Gespräch. So auch der wohl momentan sportlichste Vertreter dieser Gattung, der Porsche Taycan. Leistungstechnisch und fahrtechnisch setzt er Maßstäbe. Soviel kann nach einer ersten Ausfahrt mit Fug und Recht behauptet werden.

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Hinter der Kofferraumklappe gibt es 366 Liter Stauraum. Unter dem Frontdeckel sind es noch einmal 81 Liter.

(Foto: Holger Preiss)

Elektroautos sind keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Bereits vor 130 Jahren fuhren mit Bleibatterien betriebene Stromer durch die Städte, um den Benzinern, diesen "lärmenden Stinkern" wie es 1899 in der Berichterstattung zur Automesse in Berlin hieß, den Garaus zu machen. Damals wie heute bemaß sich das Spektakuläre eines Autos natürlich in der zu erzielenden Höchstgeschwindigkeit. Dass die ersten Rekorde auf diesem Gebiet mit Elektroautos aufgestellt wurden, ist heute kaum bekannt. Es war der Belgier Camille Jenatzy, der mit seinem batteriegetriebenen "La Jamais Contente" 1899 erstmals die magische Grenze der 100 km/h erfuhr. Und das zu einer Zeit, als Bertha Benz noch mit Tempo 25 unterwegs war.

Schnell mal mit dem Nachwuchs in die Zukunft

Und weil die schiere Geschwindigkeit auch heute noch fasziniert, kommt es nicht von ungefähr, dass Porsche mit seinem Familien-Elektrosportler Taycan schon mal die Nordschleife am Nürburgring in lockeren 7 Minuten 42 Sekunden umkurvt hat. Schneller war noch kein Elektroauto in der "Grünen Hölle". Obgleich sich Tesla momentan dazu aufschwingt, sein Model S ebenfalls über den Rundkurs zu jagen und den Zuffenhausenern die Krone wieder zu entreißen. Doch wie dieser Wettkampf der Strom-Giganten auch ausgehen mag, Porsche hat mit dem Taycan ein E-Auto auf die Räder gestellt, das Maßstäbe setzt. Maßstäbe in puncto Sportlichkeit, Reichweite, Ladezeiten, Komfort und Qualität.

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Wer den Start mit der Launch Control im Taycan Turbo S absolviert, der muss auf seinen Magen aufpassen.

(Foto: Frank Ratering)

Doch der Reihe nach: Der Taycan positioniert sich neben dem Panamera als reines Elektroauto und will mit seinen vier Sitzen, mit 366 Liter Kofferraumvolumen unter der hinteren Heckklappe und 81 Liter im vorderen Ladeabteil die ansprechen, die mit Blick auf ihre Kinder und Kindeskinder emissionsfrei durchs Leben fahren wollen. Nur die kann man übrigens in der zweiten Reihe in Zukunft schaukeln, denn nicht mal ein kurz gewachsener Erwachsener wie der Autor kann hier sein Haupt frei erheben. Dafür geht es dann aber ab 152.000 Euro richtig sportlich mit dem Nachwuchs voran. Auf Wunsch fesseln Fahrer und Beifahrer sehr straffe Sportsitze, die über die Distanz nicht jedermanns Gesäß erfreuen dürften. Aber bei allem Komfort, den Porsche zum Beispiel mit der Dreikammer-Luftfederung liefert, ist auch der Taycan immer noch ein Sportwagen. Und als solcher darf er auch gerne den rückwärtigen Diensten etwas mehr abverlangen.

Da dreht es einem den Magen um

Etwas mehr verlangt die Strom-Rakete auch dem Magen ab. Den kann der mit seiner Performance-Batterie mit 93,4 kWh und einer daraus resultierenden Leistung der zwei E-Motoren an Vorder- und Hinterachse von permanent anliegenden 625 PS nämlich ganz schön umdrehen. Wer das erfahren will, der setze sich in den Taycan Turbo S, der im Overboost und mit Launch Control 761 PS leistet und ein maximales Drehmoment von 1050 Newtonmetern generiert. Um mit der Launch Control zu starten, wird, wie bei einem Verbrenner, der linke Fuß auf die Bremse gestemmt, während der Rechte das Gaspedal vehement ins Bodenblech drückt. Anders als beim Benziner wird der Stromstoß aber tonlos vorbereitet, denn keiner der E-Motoren muss auf Drehzahlen gebracht werden.

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Optisch ist der Taycan ein echter Porsche mit vielen Anleihen beim 911er.

(Foto: Holger Preiss)

Um so überraschender ist, was folgt, wenn die Bremse gelöst wird. Während der Porsche sich nach vorne bewegt, ist der Magen in Richtung Wirbelsäule unterwegs. Bei seinem Weg entgegen der Fahrtrichtung unterstützt ihn der Kopf, der von einem kräftigen Schlag gegen die Kopfstütze in seiner Rückwärtsbewegung gestoppt wird. Es dauert keine drei Sekunden, und der Taycan Turbo S hat 100 Sachen auf der Uhr. In den folgenden sieben Sekunden fliegt der Porsche unter wildem E-Motor-Pfeifen bis an Tempo 200 heran. Was eigentlich nur heißt, dass man in diesem Auto viel zu schnell zu schnell ist. Und das gilt auch für die Endgeschwindigkeit. Während die bei anderen E-Autos irgendwo zwischen 140 und 160 km/h gekappt wird, ballert der Taycan in beiden Leistungsstufen am Ende mit Tempo 260 über die Piste.

Zeit für Kaffee und eine Zimtschnecke

Natürlich geht ein solcher Leistungsabruf mit einer entsprechend hemmungslosen Entladung des Akkumulators einher. Wie schnell die Kapazität bei solch sportgetriebener Fahrweise zur Neige geht, konnte während der Fahrpräsentation in Schweden nicht erfahren werden, denn die Nordländer haben recht eindeutige Geschwindigkeitsbeschränkungen und reagieren auch nicht fein, wenn man diese langanhaltend und deutlich überschreitet. Dafür gibt es bei den Wikingern eine recht gut ausgebaute Ladeinfrastruktur mit einer Reihe von Schnellladesäulen. Die bescheren der Taycan-Batterie mit 10 Prozent Leistung dann auch in gut 22 Minuten wieder 80 Prozent ihrer Ladung. Tatsächlich macht es die 800-Volt-Technik möglich, dass bis zu einem Füllstand von 15 Prozent, der Strom mit bis zu 265 kW in den Akku gepumpt wird. Mit zunehmender Ladung nimmt der Durchsatz dann ab. Am Ende wird der Strom noch mit knapp 100 kW in die Batterie gepumpt und die Ladezeit verlängert sich entsprechend.

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22 Minuten sollte man sich für einen Tankstopp mit dem Porsche Taycan Zeit nehmen.

(Foto: Frank Ratering)

Doch wie dem auch sei. Die 22 Minuten vergehen im Selbsttest wie im Flug, wenn man sich einen Kaffee und eine Zimtschnecke holt, und die momentan bei Ionity zu zahlenden 8,50 Euro für die Befüllung des Akkus gehen mehr als in Ordnung. Allerdings ist für die Zukunft damit zu rechnen, dass die Preise exponentiell ansteigen werden. Wie weit man mit seinem Taycan gestromert ist, bevor er ans Kabel muss, hängt wie gesagt von der Fahrweise ab. Porsche verspricht im Datenblatt 380 bis 450 Kilometer bei einem Stromverbrauch zwischen 23 und 26,7 kWh über 100 Kilometer.

Während der ersten Ausfahrt bewegten sich die Verbrauchswerte auch tatsächlich in diesem Bereich. Der Spitzenwert lag bei 26,8 und der geringste Wert wurde mit 24,3 kWh gemessen. Über 520 Kilometer wurden zwei Ladestopps nötig, aber vor allem deshalb, weil der Akku nur mit 80 Prozent seiner Leistung an den Start ging. Bei dieser Ladung sollte nach gut 250 Kilometern wieder ein Schnelllader auf dem Weg sein, sonst wird die Fahrt zeitintensiv. Unterstützung findet der Fahrer bei der Suche nach Ladepunkten durch das Navigationssystem. Wer will, kann sich seine Route im Vorfeld so bestimmen lassen, dass er mit großer Sicherheit und wenig Zeitverlust seine Strom-Tank-Stopps bewältigen kann.

Psychologisch wertevoll

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In der zweiten Reihe des Porsche Taycan möchte man als Erwachsener nicht gerne Platz nehmen. Es fehlt etwas an der Kopffreiheit.

(Foto: Frank Ratering)

Interessant ist, das Porsche anders als andere Anbieter von E-Autos, auf die permanente Darstellung des Stromflusses, der Rekuperation und übergroße Reichweitendarstellungen verzichtet. Mal davon abgesehen, dass der Aktionsradius ohnehin ganz ordentlich ist, nimmt es einem das Gefühl, ständig vor dem Akku-Aus zu stehen. Klar, das ist reine Psychologie und wenn die Batterie vor der nächsten Lademöglichkeit den Geist aufgibt, dann hat man ganz schlechte Karten. Aber für den Fahrer und das entspannte Dahingleiten mit kleinen sportlichen Ausreißern ist das mehr als angenehm. Hinzu kommt, dass die 800-Volt-Technik auch ein rekuperierbares sportliches Bremsen zulässt. Während bei der herkömmlichen Technologie die Aufnahmeleistung bei 100 kW endet, kann der Taycan auch kräftige Bremseingriffe bis zu 265 kW wieder in den Energieträger zurückführen. Sollte es dann reichweitentechnisch wirklich eng werden, ermahnt das Display, wie in einem Verbrenner, die Restreichweite zum Erreichen eines Tankstopps zu nutzen.

Angenehm ist auch, dass der Taycan sich fährt wie ein Porsche. Wer will kann ihn trotz seiner 2,3 Tonnen ums Eck fliegen lassen wie einen 911. Nie wirkt der Wagen schwer oder gar ungelenk. Auch die Tonlosigkeit ist kein Problem. Obgleich der Stromer, wenn er an einem vorbeirauscht, schon ordentlich Laut gibt. Im Inneren hat der Pilot die Möglichkeit, sich per Sound-Einstellung über das Display oder einen frei belegbaren Touch-Button eine Art "Star Wars"-Klang zu generieren. Allerdings ist der am Ende inkonsequent leise und hat nichts von einem bösen Tie-Fighter der Saga, was irgendwie dann doch Charme hätte.

Etwas overingeneered

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Der Innenraum des Porsche Taycan ist der Zukunft zugewandt, wirkt aber etwas sehr technikverliebt.

(Foto: Frank Ratering)

Charme hätte es auch, wenn man den sportlich eleganten Innenraum des Taycan nicht so furchtbar overingeneered hätte. Die Designer haben nämlich komplett auf Knöpfe, Stellrädchen etc. verzichtet. Während das bei dem Curve-Display, das die Fahrdaten für den Piloten bereit hält, nicht nur schick und zukunftsweisend aussieht, ist der Umstand, dass man sich den Luftstrom der Innenraumbelüftung über den Touchscreen in der Mittelkonsole einrichten muss, schon eins drüber. Zumal das Display so formschön in das Dashboard gebettet wurde, dass man die untersten Berührungsflächen kaum erreichen kann. Mit Blick auf die Geschichte von Porsche hätte es wahrscheinlich keiner der bis dato gemeldeten 20.000 Taycan-Kunden krumm genommen, wenn er für die eine oder andere Funktion noch den analogen Weg hätte gehen müssen.

Denn das, was einem Porsche vorauseilt, ist sein Ruf als Sportwagen. Und dem wird der Taycan in allen Belangen gerecht. Ob der er aber die E-Mobilität im großen Stil beflügeln kann, ist bei seinem Preis nicht anzunehmen, aber er kann sie begehrenswert machen. Vielleicht ist er ja in einigen Jahren so legendär wie das Ur-Modell der Schwaben, der 911. Doch bis dahin wird es ihm gehen wie seinerzeit dem Revolverhelden Jesse James: Man wird sich mit ihm messen wollen.

Quelle: n-tv.de

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