Sehnsuchtsauto zum TraumpreisRenault Twingo E-Tech endlich wieder so cool wie das Ur-Modell
Von Patrick Broich, Ibiza
Emotionen aufleben lassen gelingt am besten mit ikonischen Dingen, die schon mal da waren und Generationen prägten. So wie der Renault Twingo I, der im kollektiven Gedächtnis blieb. Jetzt kommt eine elektrische Retro-Version. Strom frei!
Obwohl Geschäftsführer Luca de Meo schon 2025 aus dem Unternehmen schied, wird man die drei Renault-Retro-Knaller R4, R5 und jetzt eben auch noch Twingo, lange mit ihm verbinden. Schließlich war dieser geniale Streich seine Idee. Und wenn man bedenkt, wie sichtbar R4 und R5 kurz nach Serienanlauf schon auf den Straßen sind, kann diese Idee eigentlich nicht erfolglos gewesen sein. Beim Dritten im Bunde, dem Twingo, kommt aber noch eine andere Sache hinzu. Er ist nicht nur ein cooler Erinnerungsverstärker an die 1990er-Jahre (der legendäre Twingo I startete 1993), sondern auch noch zum absoluten Schnäppchen-Tarif verfügbar.
Gerade mal 19.900 Euro verlangt der Hersteller für seinen Einsteiger-Stromer, das ist zwar nicht so günstig, wie vor wenigen Jahren noch Verbrenner waren, aber für die heutige Zeit sensationell erschwinglich. Wie bekommt man einen solchen Kurs bloß hin? Renault hat sein Retro-Schätzchen in turboverdächtigen 100 Wochen entwickelt, unter Zuhilfenahme der Kompetenz des "Ampere China Development Center" in Shanghai. Neben dieser kostensparenden Entwicklungs-Maßnahme bekommt der Twingo einen ziemlich überschaubaren Lithium-Eisenphosphat-Akku mit bloß 27,5 kWh - muss reichen für das in Slowenien gebaute City-Car.
Außerdem setzt Renault auf die sogenannte Cell-to-Pack-Technologie, was nach eigenem Bekunden 20 Prozent Kosten einspart. Klar, so wird die Batterie zum integralen Karosserieelement, unnötige Trägerstrukturen entfallen, was sowohl bei Material als auch Produktion Komplexität reduziert.
Twingo ist außen kompakt und innen clever
Stichwort City-Car: Mit einer Außenlänge von lediglich 3,79 Metern fällt der Fronttriebler in der Tat kompakt aus, weist aber mit 2,49 Metern so gar keinen mickrigen Radstand auf. Ein aktueller VW Polo bietet nur wenig mehr. Und so macht der Twingo nach dem Entern keinen völlig beengten Eindruck; man kann selbst im Fond halbwegs entspannt reisen.
Allerdings haben die Innenarchitekten vorgesorgt und Flexibilität geschaffen mit verschiebbaren Sitzen (17 Zentimeter) in der zweiten Reihe. Somit können die Passagiere selbst entscheiden, ob den maximal zwei Mitreisenden hinten oder dem Gepäck mehr Platz zuteilwerden soll. Zur Not lassen sich die Rücksitzlehnen umklappen, was das Gepäckraumvolumen auf etwas mehr als 1000 Liter boostet - kein Mittelklasse-Kombi-Wert, aber für einen Kleinstwagen okay.
Doch wie ist es eigentlich um das Fahren bestellt? Beim Antrieb verzichtet Renault auf Wahlmöglichkeiten, der Kunde muss mit 82 PS zurechtkommen und aus die Maus. Passt aber, zumal das kompakte Elektromotörchen bloß rund 1200 Kilogramm bewegen muss. Zugegeben, ein Ausbund an Temperament ist der Twingo jetzt nicht gerade, aber es sind jetzt auch nicht die Fahrleistungen, wofür man ihn liebt.
Ganz witzig ist, dass die Techniker ein gefühlt riesiges Lenkrad eingebaut haben, mit dem man das Autochen eher indirekt als hochpräzise durch Kehren dirigiert. Das ist zwar nicht unbedingt hilfreich für Kurvenspaß, verleiht dem Winzling aber eine erwachsene Note. Und das, obwohl der Wendekreis mit unter zehn Metern herrlich klein ausfällt. So gelingt eine 180-Grad-Wende meistens mit einem einzigen Zug sogar auf einer schmalen Straße.
Und die Reichweite? Ja, ist natürlich eher auf städtische Bedürfnisse ausgerichtet, wie man auf dem mit verspielter Grafik ausgerüsteten Kombidisplay ablesen kann. Bei halb gefüllter Batterie bedeutet das um 140 Kilometer Realreichweite bei Landstraßen-Profil. Das passt schon. Und! Dieser Wert liegt sogar über der WLTP-Angabe von 262 Kilometern im gemischten Fahrbetrieb.
Und was macht der budgetlimitierte Student, der jetzt doch mal zum Festival vom Süden in den Norden möchte? Ganz einfach, Gleichstrom zutzeln und während des Ladens für die Hausarbeit lernen oder einen kleinen Spaziergang in Angriff nehmen. Selbst der Basis-Twingo verfügt über einen CCS-Anschluss und erlaubt 50 kW Ladeleistung. Damit lässt sich die Batterie binnen 30 Minuten von 10 auf 80 Prozent State of Charge bringen. Und man kann den Akku mittels Heizung sogar vorkonditionieren unter Nutzung des EV-Routenplaners. Dennoch bleibt spannend, wie sich das Ladegeschehen bei langer Autobahnfahrt um Richtgeschwindigkeit herum entwickelt - wird das System womöglich zu warm, sodass die Ladeperformance abebbt? Dieses Geheimnis werden wohl erst spätere, ausführlichere Testfahrten lüften.
Jetzt schon jedoch lässt sich eindeutig klären, dass der Twingo eine ziemlich farbenfrohe Angelegenheit ist. Schon die Darbietung der Testwagenflotte in einem fröhlichen Mix aus "Mango-Gelb" (ohne Aufpreis), "Absolut-Grün" und "Absolut-Rot" löst in Kombination mit der Retro-Optik nostalgische Gefühle aus. Und schon bei flüchtigem Blick fällt auf, dass die Gestalter den Twingo innerhalb des Retro-Trios dem Original aus dem Jahr 1993 am nächsten gehalten haben.
Wer wirklich Sparfuchs ist und beschließt, auf Aluräder zu verzichten - nur zu! Die Radkappen auf den Stahlfelgen sehen so cool aus, dass man gut und gern darauf verzichten mag, weitere 600 Euro auszugeben. Überhaupt braucht die Basis namens "Techno" keine Sonderausstattungen, um ihre Besitzer glücklich zu machen. Selbst Features wie Einparkhilfe, Klimaanlage, Smartphone-Integration, um die Oberfläche des eigenen Endgeräts auf den Zentralscreen zu zaubern, sowie Tempomat liefert Renault frei Haus. Aber das größte Extra am Twingo ist sowieso seine Coolness, nach der sich ziemlich sicher jeder Passant umdreht, wenn der Franzose vorbeifährt. Wetten, dass?