Zu groß für EuropaWeltpremiere des Renault Filante - aber nicht für die ganze Welt
Von Patrick Broich, Seoul
Mit dem in Südkorea entwickelten Filante zeigt Renault weltläufiges Denken. Das Modell beweist zudem, dass sich das Standing der Marke in anderen Regionen der Welt von jenem in europäischen Gefilden unterscheidet. ntv.de hat sich den Neuling angesehen.
Das europäische Renault-Modellprogramm ist inzwischen ansehnlich, wäre aber eine Sache nicht zu leisten in der Lage: Und zwar könnte der Konzern den französischen Präsidenten mit seiner lokalen Palette kaum noch angemessen automobil ausstatten. Beim ohne Frage schicken Topprodukt Rafale handelt es sich nämlich um eine leicht fancy gehaltene Mittelklasse - vom Segment her leider wenig staatstragend.
Und jetzt kommt ausgerechnet Renault Korea um die Ecke und präsentiert ein Businessklasse-SUV, entwickelt unter der Federführung der Ingenieure aus dem Hause Renault Technology Korea, etwa 40 Autominuten von Seoul entfernt. Man erkennt an diesem Auto, wie verzahnt die Automobilindustrie mittlerweile ist - auch mit China. Denn der neue Filante nutzt die CMA-Plattform der Geely-Gruppe. Der Konzern, zu dem auch Volvo gehört. Das wiederum hat etwas Historisches, schließlich kooperierten Renault und Volvo bereits in den 1970er-Jahren - damals bei den Sechszylinder-Benzinmotoren.
Wer jetzt indes denkt, das Flaggschiff sei ein nichtssagender Billigheimer für finanzschwache Märkte, hat sich ganz schön geirrt. Für die Weltpremiere in Seoul hat Renault keine Mühen gescheut und eine große Event-Location zum Multimediasaal umfunktioniert; dazu garnierten die Franzosen die große Show mit reichlich Spitzenpersonal aus der Konzernzentrale in Paris. Und als der Newcomer hereinfuhr, dürfte manch ein Beobachter nicht schlecht gestaunt und sich gewundert haben, warum dieses SUV nicht in europäischen Breiten verfügbar sein soll.
Vor allem die mit stylischem Mattlack versehenen Ausstellungsstücke wirken alles andere als angestaubt, sondern sogar richtig fetzig. Ausdrucksstarke LED-Rückleuchten finden sich je nach Ausstattungslinie in einer glänzend schwarzen Maske wieder, auf der sich Markenlogo und Schriftzug in feinem Blau präsentieren. Und ein adretter Design-Kniff lässt die Scheinwerfer besonders futuristisch erscheinen. Demnach verzichten die Kreativen auf ein ausladendes Gehäuse, wie es eigentlich üblich ist, sondern integrieren knapp gehaltene Leuchteinheiten mit einer Minimal-Kapselung der empfindlichen Lichtquellen in die Frontmaske. Freilich verfügt diese ganz trendgemäß über ein beleuchtetes Markenemblem.
Für Europa maximal Mittelklasse
Auf die Frage, warum man den Filante nicht in Europa anbieten wolle, antwortet Renault-Markenchef Fabrice Cambolive lakonisch: Er sei zu groß. In der Tat sehen die Franzosen das Segment der Businessklasse für hiesige Gefilde nicht mehr vor. Und mit rund 4,92 Längenmetern fällt der Filante in der Tat stattlich aus. Dabei sind die Abmessungen für einen Vertreter der gehobenen Mittelklasse nicht einmal ausladend. Der Gepäckraum ist es allerdings schon, er glänzt mit 2050 Litern maximalem Volumen.
Bei der Motorisierung bleibt der Renault im bürgerlichen Bereich. Er liefert 250 PS mithilfe einer Antriebseinheit aus einem Turbobenziner mit 1,5 Litern Hubraum sowie zwei Elektromaschinen. Während der Vierzylinder 150 PS produziert, leisten die E-Aggregate 82 respektive 136 PS. Interessant ist, dass das Systemdrehmoment an der 600-Newtonmeter-Grenze kratzt. Übertragen wird die Kraft durch ein sogenanntes Multimode-Getriebe mit integrierter Doppelkupplung sowie drei Vorwärtsgängen - mithin einer Technik, die bei europäischen Modellen nicht zum Einsatz kommt.
Innen bietet das SUV eine Mischung aus Komfort und Tech-Style. Anschmiegsame Sitze sowie insbesondere massig Beinfreiheit in der zweiten Reihe (2,82 Meter Radstand) lassen die Tourerqualitäten des Filante zumindest erahnen. Und beim Thema Infotainment ziehen die Techniker das volle Register, bieten auch für den Beifahrer ein großzügig geschnittenes Display. Reichlich USB-Buchsen vorn und hinten sind natürlich auch am Start.
Und wo wird man den Filante künftig sehen? Klar, in Korea, das ist gesetzt. Darüber hinaus scheinen die Regionen Lateinamerika sowie der arabische Raum prädestiniert für den Filante. Und Europa? Nicht vorgesehen, aber vielleicht verändert überwältigende Resonanz diesen Gedanken ja noch einmal.
Zumindest macht stutzig, dass die Franzosen das stattliche SUV medial zum großen Thema machen über den gesamten Globus. Und falls nicht, müssen europäische Renault-Fans weiterhin mit dem Rafale vorliebnehmen. Der hat außerdem bis zu 300 und nicht 250 PS. Bleibt nur noch das Beifahrerdisplay, aber dieses Problem werden die Techniker auch gelöst bekommen.