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Tür allein kostet MillionenWenn Autohersteller auch Werkzeugentwickler sind

10.05.2026, 15:00 Uhr
imageVon Patrick Broich, Leipzig
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Bevor der Macan fertig wird, laufen komplexe Prozesse ab. (Foto: Hersteller/Porsche)

Wie entstehen eigentlich Autos? In Fabriken weitgehend maschinell, so weit, so klar. Aber diese Maschinen und das Drumherum haben parallel zum Auto einen eigenen Entstehungsprozess, der sehr interessant ist. Porsche hat spannende Einblicke gegeben.

Wenn wir in ein Auto steigen und losfahren, machen wir uns höchstwahrscheinlich keine großen Gedanken darüber, wie das Ding entstanden ist, in dem wir gerade gemütlich sitzen und das uns so zuverlässig an jegliche Ziele bringt. Klar, eine Autofabrik hat der eine oder andere neugierige Interessierte vielleicht schon mal gesehen, womöglich persönlich oder im Rahmen einer Reportage. Greifarme reichen Blechteile an, Kräne heben den Motor in Richtung Chassis, Roboter verschweißen Teile. Das mag für Technikfans mal spannend zu beobachten sein und ist technisch sicherlich anspruchsvoll. Weniger bekannt dagegen ist, dass parallel zum neuen Automodell begleitend eine mindestens ebenso aufwendige Struktur mit entsprechendem Entwicklungsaufwand entsteht, damit das Auto selbst überhaupt erst entstehen kann.

Porsche hatte jüngst einen einzigartigen Einblick in diese Prozesse gewährt, die den Blick für das Produkt schärfen. Schon früh werden also Weichen gestellt, inwieweit Design und Produktion zusammengehen, wie wirtschaftlich sich bestimmte Kniffe darstellen lassen, die später in einer attraktiven Optik münden. Da kann auch schon mal tagelang um eine für das Auge schicke Falte im Blech gerungen werden. Und dazu treffen sich Designer, Produktionsexperten sowie Werkzeugentwickler schon ziemlich früh, um gemeinsam abzustecken, was machbar ist und was nicht. Vor allem auch: was wirtschaftlich machbar ist. Schon vier Jahre vor Serienanlauf bespricht man sich teils, um eine ideale Schnittmenge aus Attraktivität und Kosteneffizienz hinzubekommen.

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Hier sieht man sehr schön, wie das Presswerkzeug mit Seilen angehoben wird. Immer häufiger allerdings greift der Roboterarm zu. (Foto: Hersteller/Porsche)

Der Osten Deutschlands ist Autoland

Und dabei spielen auch Standortfragen eine gewichtige Rolle. So ist beispielsweise der Osten Deutschlands mehr mit der Automobilindustrie verflochten, als mancher Autofahrer vielleicht denken mag. In Schwarzenberg im Erzgebirge beispielsweise unterhält die Porsche Werkzeugbau Group ein Entwicklungszentrum, in dem Umform- und Schneidewerkzeuge entwickelt werden. Das Werk hat Tradition, schon in den 1930er-Jahren entstanden hier Werkzeuge für den damals von Ferdinand Porsche entwickelten KdF-Wagen. Währenddessen werden im Smart Press Shop in Halle an der Saale bereits zugeschnittene Blechteile in einzelne Karosserieteile gepresst. Bei dem Werk handelt es sich um ein Joint Venture zwischen der Andritz-Gruppe (Anlagenbau) sowie der Porsche AG. Vorteil des 13 Hektar großen Areals ist, dass sich das Gelände im Einzugsbereich des Leipziger Porschewerks befindet, wo der Panamera sowie der elektrische Macan gebaut werden.

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So ein Werkzeugkoloss kann bis zu 60 Tonnen wiegen. Dazwischen wird das Blech zu einem Karosserieteil gepresst. (Foto: Hersteller/Porsche)

Das erst vor rund fünf Jahren in Betrieb gegangene Presswerk ist besonders "smart" und damit effizient. Porsche hat Wert darauf gelegt, dass es besonders schnelle "Rüstzeiten" erlaubt. Heißt im Klartext: Binnen 30 Minuten können die Werkzeuge ausgetauscht werden - und zwar vollautomatisch mittels zweier Kräne. Denn ein solches Presswerkzeug kann bis zu 60 Tonnen wiegen, und unter konventionellen Umständen müssten die Mitarbeiter mit Seilen hantieren, um es zu wechseln. Hier aber greifen Roboterzangen zu, und der Tausch erfolgt in wenigen Schritten. Außerdem sorgt eine sogenannte Multikupplung dafür, dass auch diverse Kabel, Schläuche und Stecker gleich mit angeschlossen werden.

Die Experten sprechen davon, dass unter Verwendung einer effizienten Pressanlage auch kleinere Losgrößen wirtschaftlich darstellbar sind - die Anlage steht beim Wechsel der Werkzeuge weniger lang still. So kann flexibler produziert werden bei höherem Variantenreichtum. Um die Dimensionen einmal klarzumachen: Ein einziges Presswerkzeug kostet mehrere Millionen Euro. Und eine solche Pressform steht bloß für ein einzelnes Karosserieteil wie Kotflügel oder Tür. Jedes Auto benötigt also gleich eine ganze Armada von Werkzeugen, um diverse Bauteile produzieren zu können - Bleche für innen und außen, Dachmodule oder Fronthauben. Und vor allem bei hochwertigen Fahrzeugen kommt es zusätzlich auch noch auf das Handling an, um beste Oberflächenqualität beim Pressen der teils millimeterdünnen Alubleche zu erreichen.

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Was als schnödes Seitenteil eher trist aussieht, wird später mal die sexy Seitenlinie eines klassischen Elfers. (Foto: Hersteller/Porsche)

Immer häufiger kommt auch künstliche Intelligenz zum Einsatz, wenn es zum Beispiel darum geht zu analysieren, ob kleinste Risse im Bauteil entstanden sind. Die Kamera schaut, während die Software auswertet. Inzwischen wird die KI-Software gar mit Daten trainiert, um Materialverwerfungen vorhersagen zu können. Dennoch bleibt die Automobilproduktion komplex mit vielen Schritten und tiefer Einbindung verschiedener Disziplinen schon im Entwicklungsprozess. Das heißt, der Autohersteller muss nicht bloß das neue Modell entwickeln, sondern parallel dazu eine ganze Produktionsinfrastruktur gleich mit.

Quelle: ntv.de

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