Praxistest

Eine rassige Sportlerin? Alfa Romeo Giulia - brummig, aber nicht zickig

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Optisch ist die Alfa Romeo Giulia eine absolut gelungene Sportlimousine.

(Foto: Holger Preiss)

Ähnlich wie Jaguar hat auch Alfa Romeo zu seinen Wurzeln zurückgefunden. Mit dem Nachfolger des 159, der Giulia, ist eine Alternative und ein Konkurrent zum 3er BMW entstanden. Aber kann die schöne Italienerin auch im Alltagstest bestehen?

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Eine scharfe Abrisskante am Heck und zwei verblendete Endrohre sorgen bei der Alfa Romeo Giulia für eine sportliche Anmutung.

(Foto: Holger Preiss)

Alfa Romeo ist tatsächlich zurück. Und wenn man beobachtet, mit welcher Euphorie die italienische Sportmarke im Moment von der Presse hofiert wird, kann man Fiat-Chef Sergio Marchionne nur gratulieren, dass die Marke seinerzeit nicht an einen Interessenten wie BMW verkauft wurde. Waren Fahrzeuge von Alfa lange Zeit nur Fiat-Automobile in einem anderen Blechkleid, versuchen die Italiener inzwischen nicht nur in der Optik eigenständig zu sein, sondern auch eine alte Grundtugend in den Fahrzeugen auferstehen zu lassen: Sportlichkeit. Und genau diese Kombination führt dazu, dass der Nachfolger des Alfa 159, die schöne Giulia, sich gerade den Titel "World's Best Car 2016" an die Flanken heften darf.

Aber Achtung! Dieser Preis wurde, wie auch die anderen, mit Blick auf das Topmodell Alfa Romeo Giulia Quadrifoglio verliehen. Das Power-Car glänzt mit einem 2,9 Liter V6 Bi-Turbo, der 510 PS leistet. Damit fährt er leistungstechnisch nicht nur in Deutschland am Ende der Nahrungskette mit. Doch wenn wir einen Blick zurückwerfen, dann wissen wir, dass der Alfa 159 seinen Erfolg auch den "Alltagsmotorisierungen" zu verdanken hat. Insofern soll der Praxistest bei n-tv.de nicht dem Performance-Car, sondern einem Normalo gewidmet werden. Zum Test tritt an: die Alfa Romeo Giulia mit 2,2 Liter Diesel und 180 PS.

Tief, breit, schön

Optisch gibt es gegenüber dem schwergewichtigen Bruder kein Vertun. Der Diesel steht ebenso tief, breit und lang da wie der Quadrifoglio. Die Motorhaube wirkt durch die weit zurückgesetzte Fahrgastzelle unglaublich lang und der typische Alfa-Grill zieht sich weit in den Stoßfänger, der mit riesigen und wabenförmig hinterlegten Lufteinlässen die Straße aufzusaugen scheint. Wer die weit ausgestellten Radhäuser dann für zusätzliche 790 Euro mit dunkelgrauen Leichtmetallfelgen füllt, der gibt auch der Seitenansicht der sich tief duckenden Giulia noch einen ganz besonderen Schwung. Und wenn wir schon mal dabei sind, soll auch das breite Heck nicht unerwähnt bleiben. Dessen sportlicher Charakter manifestiert sich in einer knackigen Abrisskante und zwei fetten chromverblendeten Endrohren.

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Die Silhouette der Alfa Romeo Giulia deutet bereits darauf hin, dass sich das Platzangebot für hochgewachsene Menschen in der zweiten Reihe in Grenzen hält.

(Foto: Holger Preiss)

Wer sich in die Giulia schwingt, muss sich ihren sportlichen Zwängen beugen. Tief geht es in die für 1000 Euro extra lederbespannten Sportsitze, die konsequenterweise etwas enger geschnitten sein könnten. Die Hände des Fahrers greifen ein unten abgeflachtes Dreispeichen-Sportvolant, das an den griffrelevanten Stellen rutschsicher perforiert, leider aber nur mit Kunstleder bespannt ist. Schärfstes Detail ist aber der an der linken Speiche angebrachte Start-Stopp-Knopf, der den 2,2-Liter-Diesel belebt oder verstummen lässt. Auch sonst ist das Interieur stringent auf Sport getrimmt: Jet-Düsen, dynamische Linien, wenige Schalter und Knöpfe - dafür drei Steuerräder in der Mittelkonsole: eines für die drei Fahrmodi Eco, Normal und Sport, das andere für die Bedienung der Multimediaeinheit, deren Menüs sich auf einem sieben Zoll großen TFT wiederfinden, und das letzte als Lautstärkeregler und zentraler An-Aus-Knopf für das Zentraldisplay.

Kurvenraub nur im Sportmodus

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Das Cockpit der Giulia verzichtet auf eine Knopfflut, aber auch auf Ablageflächen.

(Foto: Holger Preiss)

Die verwendeten Materialien wirken wertig, nur in den hinteren Ecken erfühlt man Plastik, wobei die Verarbeitung keine Fragen aufwirft. Ganz klar, dass es hier gegen den einstigen Kaufanwärter aus Bayern geht. Denn eins ist Fakt: Die scharfe Giulia ist eng geschnitten und damit auch ein wenig auf Verzicht getrimmt. Ablageflächen sucht man vergeblich. Zwei Becherhalter bilden die einzige Abstellmöglichkeit, Ablageflächen sind nur im sehr kleinen Handschuhfach und im Mittelarmfach. Ansonsten tut man sich schwer Dinge zu verstauen. Flaschen jedenfalls sind hier auch in den Seitenfächern der Türen nicht unterzubringen.

Aber was soll's. Wenn der linke Daumen lässig den Start-Button gedrückt hat und sich der Diesel schüttelt wie ein nasser Hund, kommt das erste Mal Freude auf. Straff, aber nicht schwergängig wird der erste Gang durch die Gasse eingeschoben. Jetzt ist es wichtig den richtigen Fahrmodus gewählt zu haben. Wer nämlich mit "Normal" startet und dann der Meinung ist, er müsse die italienische Sportfreundin mit Heckantrieb druckvoll in die Kurve schieben, könnte über die zappelige Lenkung erschrocken sein. Alfa hat die nämlich super direkt ausgerichtet und bereits kleinste Lenkbewegungen übertragen sich auf die Vorderräder.

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Die Sportsitze in der Giulia könnten etwas enger geschnitten sein.

(Foto: Holger Preiss)

In der Einstellung Sport stimmt dann alles und es gibt auch bei entsprechend sportlich durchfahrenen Kehren keine Schrecksekunde mehr. Wer hier allerdings - und das ist bei 380 Newtonmeter kein Problem - das Heck mal schwänzeln lassen möchte, der wird vergeblich den Knopf für die Deaktivierung des ESP suchen. Den gibt es nicht. Warum? Keine Ahnung. Das Posen jedenfalls wird in der Regel in einem müden Rutscher enden. Aber auch in der nächsten Schneewehe dürfte die Deaktivierung des ESP schmerzlich vermisst werden.

Aktives Fahrwerk für 1300 Euro

Beim Ampelstart zeigt sich die Giulia im Sportmodus jedenfalls ausreichend beflügelt. Die 255er Gummis, die es mit den 18-Zöllern am Heck gibt, krallen sich in den Asphalt und schieben aus dem Stand in 7,2 Sekunden auf Tempo 100. Als Spitze gibt Alfa 230 km/h an, im Praxistest war bei GPS gemessenem Tempo 220 definitiv Schluss. Was die Italiener im Datenblatt auch nicht verraten, ist die geräuschvolle Arbeitsweise des Diesels. Am Anfang mag das noch ganz dynamisch anmutet, wirkt mit der Zeit aber etwas aufdringlich. Die Geräuschkulisse ändert sich auch bei warmen Aggregat nicht, nimmt bei entsprechendem Druck auf das Gaspedal und erhöhter Geschwindigkeit eher noch zu. Am angenehmsten läuft die Giulia zwischen 120 und 150 km/h. Schade, hier geht eindeutig ein Pluspunkt flöten.

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Der Kofferraum ist mit 480 Litern ausreichend groß, lässt sich aber durch den schmalen Eingang schlecht beladen. Eine geteilte Rücksitzlehne muss extra bestellt werden.

(Foto: Holger Preiss)

Zu Teilen wird der beim Verbrauch wieder eingesammelt. Im Schnitt begnügt sich der Selbstzünder mit 7,1 Litern Diesel. Lediglich im Stadtverkehr geht es deutlich Richtung 9. Einen eindeutigen Pluspunkt gibt es für das Fahrwerk. Vor allem wenn es sich um das "Alfa-Active-Suspension"-Fahrwerk mit elektronischer Stoßdämpferregelung handelt. Diese Option kostet zwar 1300 Euro extra, macht sich aber beim Fahrkomfort und auch bei dynamischen Ausritten bezahlt: straff ums Eck und sanft über Unebenheiten. Ein echter Luxus für die Insassen, den die Passagiere der zweiten Reihe nicht in allen Details erleben. Trotz eines Radstandes von 2,82 Meter ist die Kniefreiheit beschränkt. Hinzu kommt, dass die sportlich abfallende Dachlinie auch einiges an Kopffreiheit raubt, ein Problem, dass allen Sportlimousinen gemein ist.

Breites Heck mit schmalem Einschub

Etwas beschwerlich gestaltet sich auch die Bestückung des 480 Liter fassenden Kofferraums. Nicht, dass das Teil zu klein wäre, nein, es ist der schmale Einschub der nach dem Lüpfen des Heckdeckels freigegeben wird. Hinzu kommt, dass der sich auftuende Raum recht tief und verdammt flach ist. Fehlanzeige auch für Skiurlauber. Wer die asymmetrisch geteilte Bank nicht für knapp 250 Euro zusätzlich geordert hat, der stößt auf eine starre Rückwand ohne Durchreiche. Wer auf einen Kombi hofft, wie es ihn seinerzeit beim 159 gab, der muss an dieser Stelle enttäuscht werden. Ein solcher Lademeister ist für den Moment nicht geplant. Zu sehr hat sich die Kombiverliebtheit zu einer deutschen Domäne entwickelt, die mit Blick auf die immer häufiger als Ersatz dienenden SUV nicht mehr von allen Herstellern bedient wird.

Werfen wir noch einen Blick auf die Assistenzsysteme. In der zum Test angetretenen Giulia Super, deren Preis bei 37.400 Euro startet, waren der Kollisionswarner mit autonomer Bremsfunktion, der Spurhaltewarner und der Tempomat enthalten. Ansonsten hält sich Alfa in dieser Ausstattungslinie mit adaptiven Assistenzsystemen bedeckt. Schlicht gesagt: Es gibt keine. Für 990 Euro können im Paket lediglich Rückfahrkamera, Totwinkelassistent und automatisch abblendende Außenspiegel gebucht werden. Das mag für die einen die Spreu vom Weizen trennen, andere sagen lassen: Autofahren ist immer noch die Sache des Piloten. Wie dem auch sei, der Endpreis für die Giulia Sport kann sich am Ende mit 45.000 Euro sehen lassen. Für einen in etwa gleich ausgestatteten 3er BMW werden 49.000 Euro fällig. Allerdings kann hier für den, der möchte und das nötige Kleingeld hat, das volle Programm an adaptiven Assistenzsystemen und Head-Up-Display zusätzlich geordert werden.

Fazit: Optisch, verarbeitungstechnisch und vom allgemeinen Fahrverhalten ist die Alfa Romeo Giulia durchaus eine Alternative zu Mitbewerbern wie Mercedes, Audi und BMW. Allerdings bedeutet das in gewisser Weise auch Verzicht, denn die Optionsliste ist bei Weitem nicht so üppig wie bei den eben erwähnten Konkurrenten. Dafür ist die Giulia eine echt heiße Schnitte und bringt viel von der Strahlkraft zurück, die die Marke einst berühmt gemacht hat. Dynamik steht dabei an erster Stelle.

DATENBLATTAlfa Romeo Giulia Super 2.2 Diesel
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,64/ 1,86/ 1,43 m
Radstand2,82 m
Leergewicht (DIN)1449 kg
Sitzplätze5
Ladevolumen480 Liter
MotorVierzylinder-Diesel mit 2143 ccm Hubraum
Getriebe6-Gang-Handschaltung
Systemleistung132 kW / 180 PS
KraftstoffartDiesel
AntriebHeckantrieb
Höchstgeschwindigkeit230 km/h
Tankvolumen52 Liter
max. Drehmoment380 Nm / bei 1750 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h7,2 Sekunden
Normverbrauch (außerorts/innerorts/kombiniert)4,2 / 5,3 / 3,5 l
Testverbrauch7,1 l
EffizienzklasseA / EU6
Grundpreis37.400 Euro
Preis des Testwagens45.000 Euro

Quelle: n-tv.de