Praxistest

Wie ein Verbrenner, nur sauber Hyundai Nexo - das Wasserstoff-Traumschiff

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Der Hyundai Nexo ist nicht nur ein schickes SUV, er fährt auch wie ein Verbrenner. Nur mit Wasserstoff und damit CO2-neutral.

(Foto: Holger Preiss)

Um die Welt vor dem klimaschädlichen CO2 zu schützen, ist dem Verbrenner der Kampf angesagt worden. Batterieelektrische Fahrzeuge sollen es richten. Die sind aber nicht wirklich für alle Anwender praktisch. Anders ist das mit einem Brennstoffzellen-Auto wie dem Hyundai Nexo, wie der Praxistest von ntv.de ergab.

Mit Blick auf die Zukunft der individuellen Mobilität könnte eigentlich auch der Spruch: "Der König ist tot, es lebe der König" herhalten. Wie einst in alten Monarchien wurde der Tod des Herrschers häufig genutzt, um neue Machtkonstellationen zu etablieren. Wollte man nicht unnötig Unmut und Unruhe in die Bevölkerung bringen, war es nötig, den neuen Repräsentanten schnell als starken Mann zu präsentieren und dem Volk zu zeigen, dass es ihm guttut, wenn man ihm huldigt. So oder ähnlich scheint es auch beim Übergang von der mit fossilen Brennstoffen belebten Mobilität hin zu einer nachhaltigen und rein batterieelektrisch betriebenen zu sein.

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Aus dem Endrohr des Hyundai Nexo kommt während der Fahrt nur Wasserdampf.

(Foto: Holger Preiss)

Dabei gibt es doch mit der Brennstoffzelle noch einen dritten Weg. Der wurde von vielen Autoherstellern aber aus Kostengründen und wegen der "geringen Energieeffizienz" abgewählt. Denn Wasserstoff kommt nicht in der Natur vor. Er muss mit viel Energieaufwand hergestellt werden. Dafür wird Kohlenwasserstoff unter Einsatz von Energie gespalten. Der so entstandene Wasserstoff muss komprimiert und zur Tankstelle transportiert werden, um dann in der Brennstoffzelle unter Einsatz des Edelmetalls Platin in Strom umgewandelt zu werden.

Allerdings, und das darf nicht vergessen werden, sind auch batterieelektrische Autos trotz eines rechnerisch besseren Wirkungsgrades nicht per se umweltfreundlich - selbst dann nicht, wenn der Strom, der sie antreibt, ausschließlich aus erneuerbaren Energien stammt. Allein bei der Herstellung der Batterien fällt so viel CO2 an, dass ein alter Verbrenner einige Jahre fahren könnte, bis er diesen ökologischen Fußabdruck hinterlassen hat. Außerdem werden seltene und schwer abbaubare Rohstoffe wie Lithium oder Kobalt verwendet, deren Förderung die Umwelt stark belastet.

Ohne Förderung kein Schnäppchen

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Mit 77.000 Euro ist der Hyundai Nexo kein Schnäppchen, und eine staatliche Förderung gibt es für ihn auch nicht.

(Foto: Holger Preiss)

Seit 2018 hat Hyundai mit dem Nexo ein Brennstoffzellen-SUV auf dem Markt. Mit 77.000 Euro ist er deutlich teurer als ein rein elektrisch betriebener BMW iX3, der mindestens 66.300 Euro kostet. Während es aber beim Kauf durch einen Privatkunden für den letztgenannten eine finanzielle Bezuschussung durch den Staat gibt, bleibt das CO2-neutral fahrende Wasserstoffauto davon ausgeschlossen. Lediglich Gewerbetreibende, die sich drei solcher Fahrzeuge auf einen Schlag zulegen, erhalten bis zu 21.000 Euro vom Staat. Wird hier eine Technologie von der Politik ausgeschlossen, die ebenfalls zu der von ihr geforderten Senkung des CO2-Aufkommens beitragen könnte?

Auch die mangelnde Infrastruktur an Wasserstofftankstellen ist ein Grund, warum sich Brennstoffzellen-Autos in Deutschland nicht verkaufen. Dabei wird sehr richtig die Zahl von unter 100 Säulen im Mund geführt. Benennen wir es genau: In Deutschland sind es 87, in ganz Europa 116. Mindestens 1000 bräuchte es, um H2-Fahrzeuge attraktiv zu machen, heißt es.

Locker über 500 Kilometer

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Unter der Motorhaube sieht es im Hyundai Nexo eigentlich aus wie bei einem Verbrenner.

(Foto: Holger Preiss)

Doch der Test mit dem Hyundai Nexo zeigt etwas anderes: Der Koreaner fasst in seinen drei Tanks 157 Liter, was ihn in die Lage versetzt, 528 Kilometer ohne Tankstopp zurückzulegen. Hyundai gibt die Reichweite sogar mit 666 Kilometer an und berechnet im Idealfall für 100 Kilometer Strecke den Verbrauch von 0,92 Kilogramm Wasserstoff. In der Realität sind es 1,2 bis 1,3 Kilogramm, was aber völlig in Ordnung geht, denn die H2-Zapfsäulen sind so intelligent über das Land verteilt, dass man es prima durchstromern kann. Zugegebenermaßen erfordert dies eine logistische Planung, die jedoch recht einfach ist. Zum einen unterstützt das bordeigene Navigationssystem den Fahrer dabei, zum anderen gibt es eine App unter dem Namen H2.Live, die sogar darüber informiert, wann Säulen in der Wartung oder außer Betrieb sind.

Dass man innerhalb von Deutschland im Umkreis der oben genannten Reichweite keine H2-Tankstelle findet, ist eher unwahrscheinlich. Selbst, wenn man sich nur einige Kilometer vom Ziel entfernt mit dem Treibstoff versorgen kann, ist das kein Problem, denn die Betankung dauert lediglich fünf Minuten. Ist die Verbindung zwischen Säule und Fahrzeug hergestellt, wird mit einem Druck von 700 bar das Gas in die Tanks gepumpt. Für die Sicherheit sorgen dabei ein Glasfaser-Gehäuse, Notstopp-Ventile und Dichtheits-Sensoren. Ist der Vorgang abgeschlossen, wird die Zapfpistole eingehängt und weiter geht die Fahrt. Es soll aber nicht verschwiegen werden, dass der Wasserstoff momentan so teuer ist wie Super-Benzin. Wer die drei Tanks voll pumpt, zahlt um die 60 Euro für die nächsten 528 Kilometer. Fährt die aber mit einem - in doppelter Hinsicht - reinen Gewissen: Denn zum einen kommt aus den Endrohren lediglich Wasserdampf, zum anderen reinigt der Nexo während der Fahrt die Luft. Ein Hochleistungsfilter bindet im Fahrbetrieb die Teilchen der angesaugten Luft, die kleiner als 2,5 Mikrometer sind, und das sind fast 100 Prozent aller in der Luft befindlichen Feinstaubpartikel.

Schnell wie mit einem Verbrenner

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Die Sitze im Hyundai Nexo sind nicht nur aus nachwachsenden Rohstoffen, sie sind auch bequem.

(Foto: Holger Preiss)

Für den Antrieb des Elektromotors ist übrigens technisch betrachtet nichts weiter als eine umgekehrte Elektrolyse notwendig. Der Wasserstoff wird mit Sauerstoff aus der Luft gemischt, und das bordeigene Kraftwerk, bestehend aus 440 Brennstoffzellen mit einer Ausgangsleistung von 95 kW, erzeugt Strom, der wiederum in einer Batterie mit einer Ausgangsleistung von 40 kW bevorratet wird, die dann einen Elektromotor mit einer maximalen Leistung von 163 PS antreibt. So befeuert lässt sich das SUV in 9,2 Sekunden auf Tempo 100 beschleunigen, und wer möchte, kann auf den freien Strecken der Autobahn 180 km/h schnell fahren. Wer sparen will, stellt den Fahrmodi-Schalter auf Eco, wer es etwas flotter mag, fährt im Modus Normal. Auf einen Sportmodus hat Hyundai aus nachvollziehbaren Gründen verzichtet. Auch die Klimaanlage, die Sitz- und die Lenkradheizung können im Nexo ohne Reue eingeschaltet werden. Denn während sich beim Betrieb benannter Energiefresser in einem batteriegetriebenen Fahrzeug die Reichweite exponentiell verringert, schnurrt der Nexo hier mit gleicher Reichweitenanzeige weiter.

Und schnurren ist wörtlich gemeint, denn wie in jedem E-Auto, gibt es auch im Koreaner kein Motorengeräusch. Eingebettet in eine Umgebung, die aus Naturmaterialien wie Zuckerrohr, Mais oder Soja gefertigt wurde, blickt der Fahrer dann auch auf ein 7-Zoll-Instrumentendisplay und einen 12,3 Zoll messenden Touchscreen, die sich, zu einer wuchtigen Infozentrale vereint, über dem Dashboard erheben. Zur Rechten des Fahrers erhebt sich dann aber noch etwas anderes; und zwar eine mächtige Mittelkonsole, die mit so vielen Knöpfen bestückt ist, dass man meinen könnte, es bräuchte den Steuermann der Enterprise, Pavel Chekov, um diese Klaviatur zu bedienen. Andererseits hat es fast schon wieder etwas Befreiendes, nicht pausenlos über irgendwelche Flächen wischen, touchen oder sliden zu müssen, sondern nach alter Manier zu drücken und zu drehen.

Die Zeit ist schnelllebig

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Der Arbeitsplatz im Hyundai Nexo gleicht dem von Pavel Chekov in der Enterprise.

(Foto: Holger Preiss)

Wer das Fingerspiel noch nicht beherrscht, der setzt während der Fahrt Spurhalteassistent und Abstandsradar ein, um sich etwas mehr auf die Mittelkonsole konzentrieren zu können, denn bei Tageslicht lassen sich die blau hinterleuchteten Silberknöpfe mehr schlecht als recht ablesen. Aber auch hier fällt auf, wie schnelllebig die Fahrzeugentwicklung geworden ist. Das, was vor zwei Jahren noch als geschmeidige Innovation galt, ist heute fast schon ruppig. Die Rede ist vom Lenkeingriff beim mutmaßlichen Überfahren der Mittel- oder Seitenlinie. Anders ist es mit den in den Seitenspiegeln verbauten Kameras. Deren Bilder werden beim Blinken im Hauptdisplay vor dem Fahrer eingespielt. Damit ist nicht nur der Blick in den Seitenspiegel Geschichte, sondern auch der tote Winkel. Und das gibt es so in keinem andern Auto auf dem Markt.

Ansonsten fährt sich der Nexo wie ein ganz normales Auto. Im Vergleich mit manch anderem SUV vielleicht sogar besser. Die Lenkung ist direkt, das Fahrwerk hat mit Unebenheiten keine Probleme, und aufgrund eines anderen Schwerpunkts lässt sich das Gerät auch sehr charmant um Kurven dirigieren. Außerdem rekuperiert der Nexo beim Rollen und Bremsen in drei Stufen und bringt so einen Teil der Energie zurück in den Akkumulator, der unter der Fondsitzbank verbaut ist.

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Der Kofferraum des Hyundai Nexo bietet 461 bis 1466 Liter Stauraum.

(Foto: Holger Preiss)

Apropos: Auf der findet man übrigens auch als Erwachsener ausreichend Platz. Das Gepäckabteil bietet bei voller Bestuhlung 461 Liter Stauraum, und wenn die Rücklehne umgelegt ist, sind es 1466 Liter. So gesehen eignet sich der Nexo also auch prima für den Familienausflug oder die Urlaubsreise.

DatenblattHyundai Nexo
Abmessungen LxBxH4,67/ 1,86/ 1,62 m
Radstand2,79 m
Leergewicht (Messung)1889 - 1948 kg
Sitzplätze5
Kofferraumvolumen vorn / Rücksitze umgelegt461 / 1466 Liter
MotorElektromotor
Getriebe1-stufiges-Reduktionsgetriebe
Systemleistung120 kW (163 PS)
max. Drehmoment395 Nm
Brennstoffzelle95 kW (129 PS)
Startfähigkeit bis -30 Grad Celsius
Antrieb Frontantrieb
Höchstgeschwindigkeit180 km/h
Beschleunigung 0 - 100 km/h9,2 Sek
Maximale Reichweite 756 km bei 0,77 kg/100 km
Testverbrauch1,3 kg/100 km
EffizienzklasseA+
CO2-Emissionen0 g/km
Grundpreis77.008,40 Euro
Testwagenpreis77.008,40 Euro

Fazit: Auch wenn die Brennstoffzelle momentan beim Individualverkehr keinen Stich macht, wird sie über kurz oder lang im Güterverkehr eine enorme Rolle spielen. Das wiederum verlangt nach einer Infrastruktur und nach weiteren Entwicklungsschritten, die dann Fahrzeugen wie einem Hyundai Nexo den Weg ebnen könnten. Mit Blick auf eine nachhaltige Mobilität sollte man diese Technologie also auf keinen Fall abschreiben. Denn im alltäglichen Gebrauch kommt sie dem am nächsten, was die Menschen über ein Jahrhundert an der individuellen Mobilität schätzen gelernt haben.

Quelle: ntv.de