Praxistest

Nageln gehört nicht zum Geschäft Kia Sportage - ein durstiger Wanderer

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Der Kia Sportage sieht nicht nur in der untergehenden Sonne gut aus.

Holger Preiss

Die Wahl des richtigen SUV ist nicht einfach. Vor allem im mittleren Preissegment tummelt sich inzwischen einiges. Deshalb wirft der n-tv.de Praxistest einen Blick auf den Kia Sportage. Der bietet immerhin sieben Jahren Garantie. Aber reicht das alleine aus?

Im boomenden Markt der SUV hat der Kunde inzwischen die Qual der Wahl. Viele Freunde der modischen Kraxler äugen natürlich auf den Preis. Und hier gibt es, gemessen an den Premium-Offroadern, im mittleren Preissegment optisch attraktives Material. Dazu gehört auch der Kia Sportage, der Anfang des Jahres ein sanftes Facelift erhielt und als 2.0 CRDi AWD zum Test bei n-tv.de antreten darf. In der Übersetzung heißt das: Gefahren wird der Zwei-Liter-Diesel mit 136 PS und Allradantrieb.

Kein Leisetreter

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Die Ladekante des Kia liegt auf 74 Zentimetern Höhe.

(Foto: Holger Preiss)

Eine Kombination, die auf den ersten Blick die richtige Entscheidung zu sein scheint. Mit einem Drehmoment von 320 Newtonmetern hängt der Selbstzünder gut am Gas und schiebt den 1,7 Tonnen schweren Koreaner in den unteren Gängen kraftvoll voran. Die Automatik schaltet weich und ohne Verzögerungen, was ebenfalls für gute Laune sorgt. In 12,1 Sekunden ist die 100-km/h-Marke geknackt. Ab diesem Punkt schiebt sich der dicke Koreaner etwas behäbig, aber stetig auf Tempo 190. Das sind immerhin 8 km/h mehr, als im Datenblatt vermerkt werden. Den Straßenkampf sollte man dennoch nicht suchen, denn hier fehlt es dem Sportage an spontaner Schubkraft.

Was von den Insassen beim schnellen Lauf etwas Gleichmut verlangt, ist die Klangkulisse. Roll- als auch Windgeräusche singen nämlich mit zunehmender Geschwindigkeit immer lauter ihr Lied. Doch bereits beim Start des Kia gibt es jemanden, der sich in den Vordergrund spielt: der Motor. Der Diesel nagelt im kalten Zustand, als wolle er dem Traktor von Bauer Pasulke Konkurrenz machen und ist auch bei Betriebstemperatur kein Leisetreter. Richtig unangenehm wird es ab Tempo 140. Jetzt hat man das Gefühl, dass eine ganze Zimmermannsbrigade ihre Arbeit unter der Motorhaube verrichtet. Wer das Gehämmer übertönen möchte, hat mit der Soundanlage, die vor allem die Bässe sehr druckvoll spielt, beste Chancen.

Extrem durstiger Diesel

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Die Optik im Innenraum geht in Ordung. Allein der Kranz um den Ganghebel erinnert etwas an Lego-Spielzeug.

(Foto: Holger Preiss)

Musikalisch beschallt, können sich die Insassen des Sportage zwar nicht mehr unterhalten, sind aber dafür bereit, sich auf den recht straffen Polstern wohlig zurückzulehnen. Mit 4,40 Metern Länge und einem Radstand von 2,64 Metern bietet der Koreaner dafür ausreichend Raum auf allen Plätzen. Und wer 990 Euro extra investiert, kann durch das große Panoramadach auch beobachten, wie die Wolken am Himmel ziehen. Aufgeschreckt wird nur, wer am Ende der Reise die Tankanzeige in Augenschein nimmt. Selbst bei vorsichtiger Fahrweise saugt der Selbstzünder im Schnitt über 100 Kilometer 9,5 Liter aus dem 58 Liter fassenden Tank. Und wir sprechen hier nicht von Super, sondern tatsächlich von Diesel.

Nun kann man sagen: Hätte der Tester das Datenblatt ordentlich studiert, wäre die Überraschung nur halb so groß. Denn tatsächlich steht dort, dass der Sportage in der gewählten Ausstattung Spirit im Durchschnitt 8,9 Liter Diesel konsumiert. Nur gilt dieser Verbrauch für die Stadt, die der 2.0-Liter-Diesel im Übrigen ohne Start-Stopp-Automatik durchqueren muss. Ein weiterer Grund für den Durst sind - und auch das entnimmt der aufmerksame Leser dem Datenblatt - die durchaus schicken 18-Zoll-Felgen. Aber bei aller Liebe: Knapp 10 Liter sind für einen Selbstzünder, egal mit welcher Bereifung und ob mit oder ohne Start-Stopp-Automatik, einfach zu viel. Zumal der Sportage während des Testlaufs nicht mit voller Ladung gefahren wurde.

Mit Stauraum durchs Gelände

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Die Rückbank lässt sich beim Sportage leider nicht plan zum Ladebogen umlegen, sondern steigt leicht an.

(Foto: Holger Preiss)

Dabei ist ordentlich Stauraum vorhanden. Im Kofferraum verschwinden 564 Liter, bei umgelegter Rückbank sind es 1305 Liter. Beziffert man die Zuladung in Kilogramm, können immerhin 464 Kilogramm eingepackt werden. Jetzt stelle man sich vor, dass auch noch die Anhängelast von 1,6 Tonnen genutzt wird. Dann dürfte ein Verbrauch von 12 Litern keine Utopie sein. Natürlich hat der Sportage mit Allrad und 18-Zöllern auch seine Vorzüge. Gerade unter widrigen Bedingungen wie schwerem Sommerregen, wenn die Fahr- zur Rutschbahn zu werden scheint, fräst er sich, die Kraft elektronisch an die Achsen verteilt, absolut spurtreu über den nassen Asphalt.

Und auch leichtes Gelände ist für den AWD kein Problem. Allerdings wird hier das doch recht straffe Fahrwerk deutlich spürbar. Ist es bei Querfugen auf der Straße ein kurzer Schlag, der einem ins Gebein fährt, muss man sich im groben Geläuf in seinem Sitz schon etwas straffen und der Beifahrer versteht, warum es im Sportage nicht nur einen Haltegriff über der Tür gibt, sondern auch in der Mittelkonsole. Ein großes Lob verdient an dieser Stelle die Bergabfahrhilfe, die den steilen Abgang an sandigen oder steinigen Hängen zum Kinderspiel macht. Zuschalten, Fuß von der Bremse und die Elektronik entscheidet, ob die Kraft an Vorder- oder Hinterachse verteilt wird. Die Vorzüge einer Haldexkupplung, die jedes Rad einzeln ansteuert, gibt es hier aber nicht.

Wenig Individualismus bei der Konfiguration

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Wer im Sportage hinten sitzt, muss nicht über Platznot klagen.

(Foto: Holger Preiss)

Noch etwas gibt es beim Fahrwerk zu beachten: Während es im Geradeauslauf kein Vertun gibt, stößt der Sportage in schnell gefahrenen Kurven an seine Grenzen. Wer also versehentlich mit 80 statt der angegebenen 60 km/h in die Autobahnausfahrt bläst, wird kaum eine Seitenneigung spüren, aber dafür ein leichtes Untersteuern. Gehalten wird das Ganze von den üblichen elektronischen Helferlein rund um das ESP und ausgesprochen standfesten Bremsen, von denen man wünschte, dass ihre Kraft sich etwas besser dosieren ließe. Der Kia ist aber auch auf Grund seiner etwas synthetischen Lenkung keine Rennmaschine, sondern eher ein Wanderer, den man von außen und innen durchaus genießen kann. Die Instrumente sind gut ablesbar und die inzwischen zum Standard von Neuwagen gehörenden Feature wie Bluetooth, Navi mit 4,2 Zoll Touchscreen, Zwei-Zonen-Klimaautomatik, Start-Knopf und Schlüssellosem Zugang sorgen für ein angenehmes Maß an Komfort.

Das alles gibt es für 32.140 Euro in der Ausstattungslinie Spirit. Allerdings sind die  individuellen Möglichkeiten zur Konfiguration eher beschränkt. Beim Testwagen konnte außer der Ambiente-Beleuchtung, die für 75 Euro zusätzlich den Fußraum mit rotem LED-Licht bescheint, und dem schon erwähnten Panoramadach nichts dazugebucht werden. Wer sich beispielsweise einen Frontpiepser oder gar eine Einparkhilfe wünscht, der muss zur nächsthöheren Ausstattungslinie Edition greifen. Auch eine Verkehrszeichenerkennung, Totwinkelwarner oder Spurhalteassistent wird es für den Sportage wohl erst mit der Neuauflage geben. Hier ist die Mutter Hyundai mit dem Tucson deutlich im Vorteil. Der hat all diese Features ab September bereits an Bord.

Fazit: Der Kia Sportage ist optisch ein durchaus gelungenes Auto, das mit einigen Abstrichen ein ausgezeichnetes Preis-Leistungs-Verhältnis offeriert. Getrübt wird das Bild nur von dem übermäßigen Durst des 2.0-Liter-Diesel mit 136 PS. Gerade Vielfahrer sollten hier bei Interesse einen Blick auf den 184 PS starken großen Bruder werfen. Der dürfte nicht viel durstiger sein und sollte bei der Leistungsentfaltung deutlich mehr Spaß bereiten. Kein Kopfzerbrechen muss sich der Sportage-Käufer über den Werterhalt seines Neuwagens machen. Nach vier Jahren hat er nach Berechnungen der Experten von Bähr & Forecasts immer noch 52,5 Prozent seines Neuwertes. Damit übertrifft er den ehemaligen Klassenprimus Nissan Qashqai um 3,5 Prozent und ist dabei in der Anschaffung noch einige 100 Euro günstiger. Außerdem bieten die Koreaner sieben Jahre Garantie, was mit Blick auf andere Hersteller nach wie vor einzigartig ist.

DATENBLATTKia Sportage Spirit 2.0 CRDi AWD
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,44 / 1,85 / 1,63 m
Leergewicht (DIN)1787 kg
Sitzplätze5
Ladevolumen564 - 1353 Liter
MotorReihen-Vierzylinder mit Turboaufladung 1995 ccm Hubraum
Getriebe6-Gang-Wandlerautomatik
Systemleistung100 kW/ 136 PS
KraftstoffartDiesel
AntriebAllradantrieb
Höchstgeschwindigkeit182 km/h
max. Drehmoment320 Nm bei 2000 - 2500 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h12,1 s
Normverbrauch (Stadt, Land, kombiniert) je 100 km8,9 / 7,0 / 5,9 l
Testverbrauch9,5 l
CO2-Emissionen
(Normverbrauch)
183 g/km
EmissionsklasseEU 5
Grundpreis32.140,00 Euro
Preis des Testwagens33.115,26 Euro

Quelle: n-tv.de