Praxistest

Unerreicht in Preis-Leistung Kia Stinger GT - der wahre Premiumjäger

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Der Kia Stinger GT ist nicht nur ein waschechtes viertüriges Sportcoupé, er sieht auch genau so aus.

(Foto: Holger Preiss)

Lange werden Fahrzeuge wie der Kia Stinger GT das Herz der Sportfreunde nicht mehr erfreuen. Doch bis es so weit ist, könnten die, die auf Statussymbole verzichten, mit diesem Auto jedem AMG oder M eine lange Nase zeigen. Und das gilt hier nicht nur für die Performance, wie der ntv.de-Praxistest beweist.

Ende 2017 landete Kia mit dem Stinger GT einen ganz großen Wurf. Mit 3,3-Liter-V6-Turbobenziner, Allradantrieb, serienmäßiger Vollausstattung und sieben Jahren Garantie sollte der Koreaner für 56.440 Euro eigentlich in der Lage sein, der deutschen Konkurrenz, wie BMW M, Mercedes-AMG oder Audi S, die Stirn zu bieten. Doch am Ende verkauften sich in vier Jahren lediglich 3000 Exemplare des Stinger GT in Deutschland. Was schade ist, denn der Wagen hat alles, aber auch wirklich alles, was ein viertüriges Sportcoupé braucht.

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Die optionale Sportabgasanlage ist eine Empfehlung für den Kia Stinger GT, muss aber nicht sein.

(Foto: Holger Preiss)

Über den Motor müsste eigentlich gar kein Lob mehr ausgeschüttet werden, weil es bereits reichlich getan wurde. Und dennoch sollen in Kürze die Vorzüge besungen werden. In der Verantwortung des einstigen stellvertretenden Entwicklungschefs der BMW M GmbH, Albert Biermann, wurde mit dem Sechsender nämlich ein exzellenter Treibsatz erschaffen. Der leistet jetzt zwar nur noch 366, statt der einst 370 PS, aber das ist nun wirklich eine marginale Größe, die weder am maximalen Drehmoment von 510 Newtonmeter, noch am zackigen Antritt etwas geändert hat. Ja, der Standardsprint dauert mit 5,4 Sekunden jetzt 0,5 Sekunden länger.

Ein beachtlicher Treibsatz

Aber ehrlich gesagt ist das nicht mal im Ansatz spürbar. Wirklich beachtlich ist, wie der V6 am Gas hängt, wie spontan er auf Befehle reagiert und wie sportlich knackig das Acht-Stufen-Automatikgetriebe schaltet. Im Sport- oder Sport-Plus-Modus werden die Gänge wie mit dem Vorschlaghammer durchs Getriebe geprügelt, aber ohne, dass es dem Fahrer hier angst und bange werden muss. Ganz im Gegenteil genießt er den Augenblick, in dem die Elektronik die Drehzahlen auf Anschlag hält und der Vortrieb nach dem nächsten Schaltvorgang noch einmal dafür sorgt, dass die Fahrgäste mit Nachdruck in die Sportpolster gepresst werden. Und das bis zu einer Spitzengeschwindigkeit von 270 km/h.

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Auch in der Seitenansicht zeigt sich der Kia Stinger GT als echter Sportler.

(Foto: Holger Preiss)

Wobei die, nur um ehrlich zu bleiben, erst nach einem entsprechenden Anlauf erreicht wird. Aber wen juckt's, denn bis Tempo 265 schiebt der Koreaner ungestüm an, was nichts anderes heißt, als dass man hier schon mal 15 km/h schneller unterwegs ist als die zu großen Teilen bei 250 abgeregelte deutsche Sportkonkurrenz. Allerdings soll in Anbetracht dieses Jubelliedes nicht verschwiegen werden, dass der Stinger GT nicht nur eine echte Waffe ist und durchaus mit Köpfchen gefahren werden muss, sondern auch recht durstig. Das auf Performance ausgelegte Triebwerk genehmigte sich im Test im Durchschnitt 12 Liter Benzin über 100 Kilometer.

Feines Zusammenspiel

Doch unter der Ägide von Biermann wurde nicht nur für ein echtes Sportaggregat gesorgt, sondern auch für eine extrem präzise Lenkung, das im Zusammenspiel mit dem adaptiven Fahrwerk dafür sorgt, dass extrem schnelle Kurvenfahrten ebenso möglich sind, wie der gepflegte Langstreckenlauf in den Urlaub. Das alles, ohne ständig darauf aufmerksam machen zu wollen, dass hier ein Sportwagen über Querfugen und Gullideckel jagt. Am Ende des Tages ist der Stinger GT dank seiner variablen Kraftverteilung an alle vier Räder auf Wunsch nicht nur ein Drift-Monster, er hält sich auch sauber in der Kehre. Die Verzögerung garantieren rot lackierte Brembos, die bei Bedarf sehr knackig in tellergroße Scheiben beißen.

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Hochwertige Materialien und ein Design, das Klassik und Moderne vereint, prägen das Innere des Kia Stinger GT.

(Foto: Holger Preiss)

Apropos Sicherheit. Für die sorgen auch neue Features, wie man sie unterdessen zum Beispiel aus dem Sorento kennt. Im Stinger GT gibt es jetzt nämlich ebenfalls einen Totwinkelassistenten, der sein Bild, beim Setzen des Blinkers via Kamera im Außenspiegel, in das Zentraldisplay zwischen die analogen Rundinstrumente projiziert. Auch die ein feines Detail, das es bei der Konkurrenz ob der überbordenden Digitalisierung gar nicht mehr gibt.

Manchmal nerven die Helfer

Neu ist auch der intelligente Geschwindigkeitsassis­tent, der ein ausgeschildertes Tempolimit nicht nur erkennt, sondern auch die Möglichkeit bietet, es automatisch in die Geschwindigkeitsregelanlage zu übernehmen. Selbstredend ist auch ein Stauassistent an Bord, der das leidige Anfahren und Bremsen übernimmt und ein Spurhalteassistent sorgt dafür, dass man auf dem richtigen Weg bleibt. Hier ist dann aber doch eine Kritik fällig. Dadurch, dass der kleine Helfer bei jedem Start des Wagens aktiviert wird und es ihm völlig egal ist, ob man 30 in der Stadt oder 210 auf der Autobahn fährt, kann sein Eingreifen an einigen Stellen mehr als ärgerlich sein.

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Im Sportmodus greifen die Seitenwangen der Sportsitze im Kia Stinger GT automatisch fester zu.

(Foto: Holger Preiss)

Wer zum Beispiel durch eine der vielen Stadtbaustellen cruist und sich an der vorgegebenen gelben Baulinie orientiert, wird ebenso zurechtgewiesen, wie der, der dem Radfahrer etwas mehr Platz einräumen will und dabei für eine Sekunde den Mittelstreifen überfährt. Gut, dass die Taste zur Deaktivierung gleich am Lenkrad ist. Natürlich gibt es auch eine Rückfahr- und eine Frontkamera, die ungewollte Rempler des immerhin 4,83 Meter langen Sportcoupés gemeinsam mit piepsenden Sensoren verhindert. Gewarnt wird auch vor nahenden Radfahrern bevor sich die Türen öffnen und vor Querverkehr an Front und Heck. Wenn der Pilot gar nicht reagiert, dann tritt der Assistent vehement die Bremse und bringt den Stinger GT zum Stehen.

Was für ein Komplettpaket

Jetzt mag sich der eine oder anderer Leser fragen, warum die Armada an Assistenten hier so akribisch aufgezählt wird? Ganz einfach: Weil das alles in den 56.440 Euro eingepreist ist. Genau wie die Details im Interieur. Dazu gehört die Metalloberfläche der unteren Lenkradspeiche mit neuer Chromeinfassung ebenso, wie der selbstabblendende Innenspiegel, das über 64 Farben einstellbare Ambientelicht oder die glanzschwarze Einfassung des sich auf einem 26-cm-Touchscreen präsentierenden Navigationssystems, dessen Daten natürlich auch im brillanten Head-up-Display zu finden sind. Für den perfekten Sound sorgt zudem eine Anlage von Harman/Kardon mit insgesamt 15 Lautsprechern. Selbst die LED-Scheinwerfer und die 19-Zoll-Leichtmetallräder sind im Preis enthalten.

Wer dennoch ein Kreuz in der Optionsliste setzen möchte, der kann das für die Sportabgasanlage und ein elektrisches Glas-Schiebedach machen. Erstgenanntes sorgt tatsächlich für einen feinen, aber dezent sportlichen Klang, der sehr natürlich und in keinem Moment prollig überzogen wirkt. Auf die zweite Investition kann man hingegen verzichten, denn die Klimaautomatik sorgt für die entsprechende Temperatur im Innenraum und da die Sitze sich auch noch Beheizen und Belüften lassen, droht auch im Rücken keine Gefahr.

An Qualität gewonnen

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Mit den 490 Litern Kofferraumvolumen schafft der Kia Stinger GT ordentlich was weg.

(Foto: Holger Preiss)

Die einzige Gefahr sollte der Stinger GT für die Premium-Konkurrenz sein. Denn die fährt zum Beispiel in Form eines Audi A5 Sportback, eines BMW 6er Coupé oder im Mercedes CLS nicht unter 70.000 Euro vom Hof des Händlers. Und tatsächlich muss sich der Koreaner auch hinsichtlich der Verarbeitung nicht mehr verstecken. War in einem früheren Test noch die Rede von einem wackeligen Head-up-Display oder klappernden Türen, ist das jetzt überhaupt kein Thema mehr. Da klappert und zappelt nichts, die Verarbeitung ist 1A und über den Rest sprachen wir bereits.

Nur nicht über die Alltagstauglichkeit. Selbst bei der hat der Stinger GT die Nase vorn. Nicht nur, weil sein Kofferraum stattliche 490 Liter aufnimmt, sondern auch, weil sich hier die umgelegte Rückenlehne der Fondsitze zu einer planen Fläche mit dem Gepäckabteil vereint. Wird die Rückbank hingegen mit Passagieren besetzt, haben die eigentlich ausreichend Knie- und Kopffreiheit. Einziges Manko ist, dass die Füße nicht unter die elektrisch verstellbaren Vordersitze passen, weil die zu dicht am Boden auf ihren Schienen entlanggleiten.

DATENBLATTKia Stinger GT 3.3 T-GDI AWD
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,83 / 1,87 / 1,40 m
Radstand2,90 m
Leergewicht (DIN)1909 - 1971 kg
Sitzplätze5
Kofferraumvolumen490 Liter
MotorV6-Zylinder mit 3342 ccm Hubraum
Getriebe8-Gang-Automatik
Systemleistung Verbrennungs- und E-Motor366 PS (196 kW)
KraftstoffartBenzin
AntriebAllradantrieb permanent
Höchstgeschwindigkeit270 km/h
Tankvolumen60 Liter
max. Drehmoment (Systemleistung)510 Nm bei 1300 - 4500 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h5,4 Sekunden
Normverbrauch (innerorts, außerorts, kombiniert)14,2 / 8,5 / 10,6 Liter
Testverbrauch (kombiniert)12,9 Liter
CO2-Emission kombiniert244 g/km /EU6
Grundpreis56.440 Euro
Preis des Testwagens56.440 Euro

Fazit: Ein viertüriges Sportcoupé wie der Stinger GT hat eigentlich mehr Aufmerksamkeit verdient, als ihm in den letzten Jahren hierzulande zuteilwurde. Denn der Wagen besticht nicht nur mit einem ausgezeichneten Motor, sondern auch durch Materialien, Verarbeitung und Vollausstattung zu einem Preis, wie man ihn bei gleichwertigen Premiumfahrzeugen aus hiesiger Produktion mit Sicherheit nicht findet. Wer also mit dem Gedanken spielt sich vor der totalen Elektrisierung des Individualverkehrs einen Alltagsportler der alten Garde zuzulegen, der sollte dem Kia bei einer Probefahrt eine Chance geben. Das gesparte Geld kann ja dann in ein Elektroauto investiert werden.

Quelle: ntv.de

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