Gehen 400 Volt heute noch klar?Mercedes EQE 350+ ist noch immer ein solider Alltagsbegleiter
Von Patrick Broich
Unter den 400-Voltlern zählt die Mercedes-EQE-Limousine zu den fitteren E-Autos. Geräumig und komfortabel ist sie sowieso. Das perfekte Reiseauto? ntv.de war mit der gehobenen Mittelklasse unterwegs, die jüngst einen kleinen Leistungsnachschlag erhielt.
Die Frage wird früher oder später aufkommen während des Verkaufsgesprächs: "Kann der 800 Volt oder nur 400?" Gemeint ist damit, ob das Bordnetz auf höhere Spannungslagen ausgelegt ist und damit deutlich schneller lädt. Außerdem ist damit die Frage verbunden, ob 400 Volt heute überhaupt noch zeitgemäß ist für ein recht hochpreisiges Auto und ob man es demnach gebrauchen kann im Langstreckenbetrieb. Allerdings muss die Antwort angesichts der Komplexität dieses Themas vielschichtig ausfallen, um der Sache gerecht zu werden. Hier spielen Dinge wie Ladeverhalten, Nutzungsprofil und Verhältnismäßigkeit eine Rolle. Das sollte man sich vor Augen führen, bevor man lospoltert.
Grundsätzlich gilt natürlich: Kein Hersteller wird mittelfristig um schnelles Laden herumkommen, wenn er bei elektrischen Antrieben wettbewerbsfähig bleiben möchte. Und Mercedes baut hier ja auch massiv aus. Doch beim inzwischen seit vier Jahren gebauten EQE (Baureihe 295) braucht es laut Werk 32 Minuten, um den 96 kWh großen Akku von 10 auf 80 Prozent zu laden. Diesen zugegebenermaßen eher mittelprächtigen Wert kann man im Datenblatt nachlesen, ist also kein Geheimnis. Der neue CLA erledigt diesen Vorgang in nur 22 Minuten - das bedeutet also auf den ersten Blick mehr Alltagskomfort.
Sollte man also mit dem bequemen EQE auf Langstrecken verzichten? Aber nein, auf keinen Fall. Denn erstens muss man sich schon ganz zielgerichtet verhalten, um den Vorteil bei den 800-Volt-Ladeperformern auszuspielen. Und zweitens erfordert ja nicht jedes Nutzungsprofil ultraschnelles Laden. Beispiel: Wenn man mit 30 Prozent State of Charge in den Ladevorgang startet, kann der Vorteil schon aufgefressen werden. Und wer zu Hause laden kann, genießt im Falle des EQE den Vorteil der ausladenden Batterie. Ist diese prall gefüllt, soll der besonders effiziente Hecktriebler fast 700 Kilometer weit fahren nach WLTP. Gut, das schafft er unter Autobahnbedingungen freilich nicht. Aber rund 400 bis 500 Kilometer sind immerhin möglich je nach Außentemperatur.
EQE ist betont geräumig
Wer jetzt nicht gerade Außendienstler ist und jeden Tag 800 Kilometer zurücklegt, könnte sich also mit dem EQE anfreunden. Mit seiner feinen Architektur bekommt der Benz ernsthafte Interessenten herum. Und das Platzangebot fällt sowieso üppig aus. Satte 3,12 Meter Radstand machen sich vor allem in der zweiten Reihe bemerkbar.
Doch lass über den Antrieb sprechen. Den hat Mercedes nämlich jüngst ein bisschen aufgepeppt. Allerdings ist er als "Vernunftversion" namens 350+ mit der größten Reichweite kein verrücktes Performancemonster. Seine Leistung stieg von 292 auf 320 PS, ein Pappenstiel ist das jedoch auch nicht. Aber eben auch nicht das, was sich vielleicht manch ein Interessent von einem über 70.000 Euro teuren luxuriösen Stromer versprochen hätte. Entsprechend legt der mit 565 Newtonmetern Drehmoment ausgestattete Hecktriebler (muss aus Effizienzgründen sein) bullig, aber nicht infernalisch los. Klar, das eine oder andere Autobahn-Battle kann er durchaus gewinnen. Schließlich schafft er es in 6,1 Sekunden auf 100 Sachen, was immer noch sportlich ist, und rennt bis zu 210 km/h.
Zügiger will man mit einem Auto vielleicht auch gar nicht unterwegs sein, das die Batterie deutlich jenseits von Richtgeschwindigkeit zügig leersaugt. Ja, der Akku hier ist zwar groß und der kombinierte Verbrauch mit 16 kWh je 100 Kilometer (WLTP) moderat. Aber in der Praxis bei Kälte? Werden 691 angegebene Kilometer im Mischbetrieb auch mal zackig auf 400 dezimiert. Und dann steht man auf einem 600-Kilometer-Trip auch mal ein halbes Stündchen am Lader, aus dem dann kaum mehr als 170 kW entweichen - das ist nämlich die maximale Ladeleistung, die Mercedes angibt. Ja und? Für gelegentliche Langfahrten durchaus zumutbar.
Und das Fahren mit dem hier in Alpingrau Uni lackierten Benz entschädigt außerdem mit dem brutalen Gegenteil von Zumutbarkeit. Eine als Option erhältliche Luftfederung (2082 Euro) lässt den 4,95 Meter langen Tourer geschmeidig über Autobahnwellen flauschen, und seine Hinterachslenkung (1547 Euro) macht ihn beim Kurven durch enge Parkhäuser oder Wenden in der City gefühlt so kompakt wie einen Kleinwagen. Anschmiegsame Sitze halten die Besatzung bei Laune, leise Fahrgeräusche lassen angeregte Gespräche gedämpft vonstattengehen. Nur gegen Endgeschwindigkeit nehmen die Windgeräusche merklich zu, das sei dem EQE verziehen.
Und wie sieht es in Kehren aus? Geht der 2,4-Tonner auf Wunsch agil an, aber immer mit einer Portion Komfort im Gepäck. Entscheidend ist, dass die Ingenieure das hohe Leergewicht ganz gut kaschieren konnten.
Zum Schluss sei noch ein kurzer Blick auf das Infotainment geworfen. Wichtig zu wissen ist, dass der beim Testwagen verbaute riesige "Hyperscreen" keinesfalls zur Serienausstattung gehört, sondern über 5000 Euro Aufpreis erfordert. Er passt allerdings ganz gut in den modernen Innenraum. Zudem erfreut das Menü über eine intuitive Bedienbarkeit - in dieser Disziplin ist Mercedes in der Tat vielen Herstellern überlegen. Selten lässt sich beispielsweise die Fahrassistenz derart rasch personalisieren, um Übergriffigkeiten seitens der Elektronik zu vermeiden. Doch Licht folgt Schatten bekanntermaßen auf dem Fuß. Wo bleibt die manuelle Möglichkeit, die Batterie zu konditionieren? Hier sollte Mercedes beizeiten nachbessern.
Datenblatt Mercedes EQE 350+ Limousine
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe):4,95 / 1,96 / 1,51 m
Radstand: 3,12 m
Leergewicht (DIN): 2415 kg
Sitzplätze: 5
Gepäckraumvolumen: 430 l
Motorart: Eine Elektromaschine
Getriebe: Eine Übersetzung, fest
Systemleistung: 320 PS (235 kW)
Antrieb: Hinterradantrieb
max. Drehmoment: 565 Nm
Beschleunigung 0-100 km/h: 6,1 s
Höchstgeschwindigkeit: 210 km/h
Akkukapazität: 96 kWh
Maximale Ladeleistung (Gleichstrom): 170 kW
Ladeleistung (Wechselstrom): 11 kW
Verbrauch (kombiniert): 16,1 kWh
kombinierte WLTP-Reichweite: 691 km
CO2-Emission kombiniert: 0 g/km
Grundpreis: Ab 71.412 Euro
Fazit: Ohne Frage, es gibt im gehobenen Segment schneller ladende Autos mit elektrischem Antrieb als den Mercedes EQE. Andererseits besticht der auf der sogenannten "EVA2"-Plattform basierende Stuttgarter noch immer durch seinen großen Akku und die hohe Effizienz. Obendrauf kommt ausgeprägter Fahrkomfort bei hoher Lenkpräzision. Dass Mercedes in der Businessklasse irgendwann auf 800 Volt gehen wird, ist klar. Man kann darauf warten, man verkraftet aber auch ein paar Minuten mehr (Lade-)Pause auf gelegentlichen Langstrecken. Insofern ist der aktuelle EQE keine schlechte Wahl. Bei den Themen Fahren, Finish und Infotainment ist er sowieso vorn mit dabei.