Praxistest

"Das ist doch kein Opel mehr!" Astra nur in der Werbung grandios?

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Der Opel Astra K ist schnittiger als der Vorgänger, ein wenig kürzer, aber voll mit Innovationen.

(Foto: Holger Preiss)

In der Werbung frohlockt Jürgen Klopp, dass der neue Astra nicht nur die Konkurrenz ärgern werde. Der schnittige Rüsselsheimer biete Dinge, von denen Käufer anderer Marken im C-Segment nur träumen können. Reicht das, um im Praxistest zu bestehen?

Nimmt man die Aussage "das ist doch kein Opel mehr", die Umstehende auf einem Parkplatz mit Blick auf den neuen Astra machten, dann ist das wohl das größte Kompliment, was einem Rüsselsheimer seit Jahren zuteilwurde. Denn Opel stand lange Zeit nicht mehr für Schick und Qualität. Auch Innovationen waren nicht der Rüsselsheimer Sache. Mit dem neuen Astra K ist aber tatsächlich ein so großer Wurf gelungen, dass sich die Mitbewerber warm anziehen sollten, denn das, was da in der Kompaktklasse rollt, sprengt gängige Standards.

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Das Dach des Astra K scheint zu schweben und die Heckleuchten des Testwagens erstrahlen mit LED-Licht.

Welche das sind, hängt natürlich immer von der gewählten Ausstattungslinie ab. Zum Test bei n-tv.de trat der 1,4 Liter Benziner mit 150 PS mit dem Zusatz "Innovation" an. Der Vierzylinder ist wie die gesamte Motorenpalette des Astra eine Neuentwicklung und löst den im Vorgänger sehr beliebten 140 PS Benziner ab. Im Gegensatz zu dem glänzt der neue Motor mit exzellenter Laufruhe, 230 Newtonmeter Drehmoment und einem sich absolut fluffig schaltenden manuellen Sechsganggetriebe. Für den sportlichen Fahrer heißt das, dass der Opel in 8,5 Sekunden Tempo 100 erreicht und die Tachonadel recht mühelos an die 215 bewegt werden kann.

Geschwindigkeit ist nicht alles

Allerdings ist die Geschwindigkeit nicht das, was den Astra in der Praxis auszeichnet. Natürlich ist die flotte Gangart bei der Überwindung längerer Autobahnabschnitte und beim schwungvollen Überholen ein angenehmes Zubrot, aber die eigentlichen Qualitäten liegen woanders. Zum Beispiel im verhaltenen Verbrauch. Im besten Fall verbraucht das dem Downsizing verpflichtete Triebwerk lediglich 6,4 Liter, was bei vermehrten Stadtkilometern ein super Wert ist. Auf längeren und schnell gefahrenen Autobahnabschnitten stehen dann etwa 8,0 Liter auf der Uhr. Auch das ein durchaus akzeptabler Wert.

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Der 1,4 Liter Turbo Benziner mit 150 PS macht einen guten Job.

(Foto: Holger Preiss)

Doch mit Blick auf den Verbrauch soll an dieser Stelle einer der wenigen Kritikpunkte angesprochen werden, bevor hier, angesichts eines wirklich gelungenen Autos, ein Loblied gesungen wird. Während der Verbrauch nämlich akzeptabel ist, ist es die Füllmenge des Tanks nicht. Lediglich 48 Liter lassen sich dort als Arbeitsgrundlage hinterlegen. Nur zum Vergleich: Beim Vorgänger waren es 55 Liter. Der kleine Tank sorgt auf Langstrecken zu ungewollt vielen Tankstopps. Geschuldet ist das geringe Volumen dem Wunsch nach mehr Platz im Innenraum und weniger Gewicht.

Beides hat der Opel Astra. Das Kampfgewicht liegt für die gefahrene Ausstattung bei 1248 Kilogramm und im Fond ist rein rechnerisch mehr Platz als in einem Skoda Octavia in der zweiten Reihe. Das ist bei einem Auto, das gerade mal 4,36 Meter in der Länge misst, enorm. Auch über den Fahrkomfort kann nur gejubelt werden. Bereits in den Vorgängermodellen gab es hier kaum Schelte, beim neuen Astra wird es damit noch schwieriger. Bodenwellen schluckt der Rüsselsheimer klaglos, in Kurven neigt er sich sanft, ohne dabei das Gefühl zu vermitteln bei etwas mehr Druck aus dem Gleichgewicht zu geraten, und bei Kopfsteinpflaster vermeldet er das Ungemach nur über die Rollgeräusche.

Große Innovationen fürs kleine Geld

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Den wirklich schönen Innenraum des Opel Astra Innovation gibt es so in der Grundausstattung nicht.

(Foto: Holger Preiss)

Auch die rückwärtigen Dienste werden von allem Unbill freigehalten. Denn bereits für 685 Euro sind Sitze zu haben, die von der "Aktion Gesunder Rücken" zertifiziert sind. Wem das zu onkelig ist, der sattelt auf die Leder- und Sportvariante um. Jetzt lässt sich nicht mehr nur die Oberschenkelauflage in der Länge verstellen, sondern auch alles andere. Bis hin zu den Seitenwangen an der Rückenlehne wird hier die günstigste Position elektrisch eingestellt und auf Wunsch auch der Rücken massiert. Das hat mit 2300 Euro immer noch einen bezahlbaren Preis. In diesem Preis ist auch das Leder-Paket enthalten, das im Einzelfall 550 Euro kosten würde. Zusätzlich sind jetzt auch die Mittelkonsole und die Innenverkleidung der Türen mit Nappa bespannt.

Aber all das sind nur angenehme Beigaben. Was in der Praxis wirklich zum Tragen kommt, sind die vielen Innovationen, die Opel in den Astra gepackt hat. Und das zu Preisen, bei denen man sich fragt, wie sich das refinanziert. Der Test-Astra war für einen Grundpreis von 30.075 Euro nicht nur mit den erwähnten belederten Sportsitzen mit Ergonomie-Siegel ausgestattet, sondern auch mit Automatischem Parkassistenten, der Quer- und Längsparklücken erkennt, einem Totwinkelwarner, elektrisch beheizbaren und einklappbaren Außenspiegeln sowie einer Rückfahrkamera. Im Paket kostet der Spaß 620 Euro. Wer mehr will, bekommt mehr. Und das zu Preisen, von denen man bei der Konkurrenz nur träumen kann. Das Matrix-Licht zum Beispiel gibt es im Paket mit dem Navi 900 IntelliLink, Rückleuchten in LED-Technik und Wärmeschutzverglasung für "lächerliche" 1750 Euro. Lächerlich deshalb, weil es das Matrixlicht im Segment der Kompaktklasse bis dato gar nicht gibt und im Oberhaus nur für stattliche 6000 Euro.

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Der Platz in der zweiten Reihe des Opel Astra K ist beachtlich.

(Foto: Holger Preiss)

Der Wert des Matrix-Lichts verdeutlicht sich übrigens wirklich erst in der Praxis. Über einen Tippschalter im Blinkgeber aktiviert, entscheidet das System selbstständig, welche Punkte die einzelnen Lichtkegel ausleuchten und in welcher Entfernung. Dabei werden Fahrzeuge ausgeblendet, Verkehrszeichen beleuchtet und vor allem der rechte Randstreifen immer im Strahl gehalten. Im Zusammenspiel mit einem aktiven Spurhalteassistenten - der sich an Baustellen selbstständig deaktiviert oder per Tastendruck bei Bedarf außer Gefecht gesetzt werden kann -, Verkehrszeichenerkennung und einem Aktiven Bremsassistenten wird die Reise zu einer Fahrt im Safetycar.

Die netten Kollegen von OnStar

Eine weitere unschlagbare Zugabe in der Ausstattungslinie "Innovation" ist OnStar. Dahinter verbirgt sich ein Feature, das bei BMW ConnectedDrive genannt wird und abweichend von den Modellen etwa 3000 Euro kostet, damit es überhaupt ins Fahrzeug kommt. Bei Opel gibt es OnStar für 490 Euro und in der nun schon mehrfach genannten Ausstattungslinie ist es bereits im Grundpreis enthalten. Ein Knopfdruck reicht, um den Service anzurufen und sich über diesen Routen aufs Navi beamen zu lassen. Das mag uns Deutschen am Anfang ungewohnt erscheinen. Aber spätestens, wenn man es das erste Mal genossen hat, mit nur einem Fingerdruck auf das 8 Zoll große Display die Strecke zu bestätigen, statt selbst jeden einzelnen Buchstaben einzutippen, wird man die freundlichen Mitarbeiter von OnStar häufiger in Anspruch nehmen.

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370 Liter fasst der Kofferraum im Opel Astra. Das ist weniger als der Golf als Fünftürer zu bieten hat.

(Foto: Holger Preiss)

Verbunden mit diesem System ist natürlich auch der SOS-Notruf, der automatisch bei einem Unfall aktiviert wird. Egal wo man sich mit seinem Fahrzeug befindet. Sollte der Wagen unfreiwillig abhandenkommen, hat die Ortungsfunktion den Vorteil, dass das Auto relativ schnell wiedergefunden werden kann. Und noch etwas sorgte bei Mitreisenden für große Freude: zwei USB-Anschlüsse im Fond und die mit OnStar verbundene Möglichkeit sieben Mobilgeräte ins WLAN des Fahrzeuges zu klinken und über alle Wege mit LTE surfen zu können. Die Option gilt allerdings nur ein Jahr. Wer dann weiter mobil unterwegs sein möchte, der muss den Vertrag mit OnStar verlängern. Die Grundfunktion gibt es dann für 99 Euro im Jahr. Wie teuer die WLAN-Anbindung im Anschluss wird, kann Opel zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen.

Raum fehlt kaum

Wer jetzt in voller Besetzung derart mobilisiert unterwegs ist, der will auch entsprechend viel mitnehmen. Hier sind der Zuladung allerdings Grenzen gesetzt. Mit insgesamt 370 Liter Ladevolumen ist der Astra hinter der Konkurrenz etwas zurück. Hinzu kommt, dass die Heckklappe sich mit dem Drücker unter dem Logo nur fummelig öffnen lässt. Besser als bei der Konkurrenz ist aber zum Beispiel die Gesamtentriegelung der Türen gelöst. Der Schlüsselträger kann nämlich auch bei Druck auf die hinteren Türgriffe alle andern Öffnungen freigeben. Der schlüssellose Zugang samt Start-Stopp-Automatik ist ein Zusatz, der auch in der höchsten Ausstattung mit 350 Euro extra berechnet wird. Mehr bezahlen muss auch, wer statt der im Verhältnis von 60/40 geteilten Rückbank eine Mittelarmlehne und eine Teilung von 40/20/40 haben möchte. Wird die Bank komplett flach gemacht, offeriert der Astra ein Volumen von 1210 Litern. Letztlich ist das aber auch egal, denn wer mehr Laderaum braucht, der kann in der Summe für 1000 Euro mehr auf den bei Opel Sportstourer genannten Kombi zugreifen. Hier gib es 540 bis 1630 Liter und alle anderen Features.

Fazit: Opel hat es geschafft mit dem Astra und vor allem mit seinen Beigaben einen Standard zu setzen, der nicht nur die Mitbewerber in der eigenen Fahrzeugklasse, sondern auch darüber zum Nachdenken anregen dürfte. Bis dort etwas geändert wird, ist der Astra K für n-tv.de DER Kompakte des Jahres 2015 und mit einem Endpreis des hier beschriebenen Fahrzeugs von 30.075 Euro ein echter Kracher. Ein fünftüriger Golf VII mit ähnlicher Ausstattung, aber ohne WLAN, ohne elektrische Leder-Sport-Sitze mit Massagefunktion, ohne OnStar und ohne Matrix-Licht kostet 33.410 Euro. Wenn das nicht eine Astra-Probefahrt wert ist.

DATENBLATTOpel Astra 1,4 Ecotec, Innovation
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,37 / 2,04 / 1,48 m
Leergewicht (DIN)1248 kg
Sitzplätze5
Ladevolumen370 - 1210 Liter
MotorReihen-Vierzylinder mit Turboaufladung und 1399 ccm Hubraum
Getriebe6-Gang-Handschalter
Systemleistung110 kW/ 150 PS
KraftstoffartBenzin
AntriebFrontantrieb
Höchstgeschwindigkeit215 km/h
max. Drehmoment230 Nm bei 2000 - 4000 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h8,5 s
Normverbrauch (Stadt, Land, kombiniert) je 100 km6,3 / 4,3 / 5,1 l
Testverbrauch7,8 l
Tankinhalt48 l
CO2-Emissionen
(Normverbrauch)
117 g/km
EmissionsklasseEU 6
Grundpreis24.710 Euro
Preis des Testwagens30.075 Euro

Quelle: n-tv.de