Praxistest

Auto ohne HeckscheibePolestar 4 im Test - cool, stylish und praktisch

28.01.2026, 08:05 Uhr Patrick-portraetfotoVon Patrick Broich
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Der Polestar 4 muss ohne Heckscheibe auskommen. Diesen coolen Designkniff gibt es bisher kein zweites Mal. (Foto: Patrick Broich)

Polestar gehört nicht nur zu den ausschließlich rein elektrisch aufgestellten Marken, sondern die Produkte sind auch allesamt extravagant eingekleidet. Der Polestar 4 ist das perfekte Beispiel für diese Philosophie. ntv.de hat ihn ausgiebig getestet.

Ein Auto ohne Heckscheibe? Um es zu präzisieren: Der Polestar 4 hat Blech an der Stelle, wo bei anderen Autos die Glasscheibe sitzt. Man könnte jetzt sagen, das ist wie in einem geschlossenen Kastenwagen, wo man auch keine Sicht hat, doch ein solcher Vergleich würde der Sache nicht gerecht. Und: Freilich kann man aus dem Polestar 4 herausschauen - eine Kamera machts möglich.

Doch erst mal eine Bestandsaufnahme machen. Da steht ein 4,84 Meter langer Mittelklässler mit vielen glatten Flächen satt auf seinen bis zu 22 Zoll großen Rädern und kann als "Long Range Dual Motor" (wie auch das Fotoexemplar) gar nicht laufen vor lauter Kraft. Bis auf den Kniff mit der fließenden Heckpartie in Vollblech ist der Schwede eigentlich eher konventionell gehalten.

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Mit dem doppelt ausgeführten Tagfahrlicht sieht der Polestar 4 markant aus und sticht aus der Masse hervor. (Foto: Patrick Broich)

Glattes Leuchtband hinten, doppelt ausgeführte LED-Tagfahrlichter - der Polestar 4 wirkt, als sei er sich selbst nicht schlüssig, ob er nun auffallen möchte oder nicht. Sei es drum, erstens mutet er gefällig an und zweitens haben die Kreativen ein Blechkleid geschaffen, das auch global funktioniert.

Doch was ist der Polestar 4 eigentlich? Oberhalb des Polestar 2 platziert, der seinerseits ebenfalls der Mittelklasse zuzuordnen ist, aber irgendwie auch nicht aus dem Vollen gefräst und demnach gefühlt kaum Businessklasse. Antriebsseitig rangiert dieser Skandinavier vor allem mit zwei starken Elektromotoren an Bord auf einem luxuriösen Level angesichts 544 PS und 686 Newtonmetern Drehmoment. Und im Gegensatz zu den Volvo-Modellen dürfen die Polestar schneller sein, wenngleich im Falle des Vierers bei 200 km/h Schluss ist. Das ist verwirrend, weil der weniger performante Polestar 2 wiederum 205 Sachen rennt.

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Auch aus der Seitenperspektive wirkt der Polestar 4 gefällig. Das sanft ausklingende Fließheck ist fein. (Foto: Patrick Broich)

Doch weniger das limitierte Höchsttempo stört den Langstrecken-Geist des Polestar 4 empfindlich als vielmehr seine nicht mehr zeitgemäße Ladeperformance. Und während das Crossover-Modell Polestar 3 demnächst eine 800-Volt-Architektur bekommt, muss der auf dem sogenannten SEA-Chassis basierende Vierer weiterhin mit 400 Volt vorliebnehmen. Will heißen: In der Praxis braucht man schon 30 Minuten, um startend von einem niedrigen Ladestand wieder auf 80 Prozent zu kommen bei einer Peakladeleistung von maximal 200 kW. Das ist solide, aber nicht sexy. Positiv anzumerken sei jedoch, dass der 2,4-Tonner selbst bei niedrigen Temperaturen Realreichweiten von deutlich über 500 Kilometern realisiert (100 kWh Akkukapazität), was für eine ordentliche Effizienz spricht.

Aber wie fährt dieses Schwergewicht von Auto überhaupt? Ziemlich verbindlich, muss man sagen, und das ist eine wahre Polestar-Spezialität. So meldet die Lenkung beispielsweise präzise zurück, ohne jedoch ausgeprägt sportlich zu wirken. Sie ist klar Team Komfort, ebenso übrigens wie das Fahrwerk. Dennoch kümmert sich dieses lieber um längere als kurzfrequente Unebenheiten, die bisweilen ein Quäntchen zu straff pariert werden.

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Die Heckpartie des Polestar 4 mit dem durchgehenden Leuchtband wirkt ein bisschen langweilig. Der Schwede soll möglichst für jeden Markt der Welt passen. (Foto: Patrick Broich)

In Tateinheit mit kommodem Mobiliar ist der Polestar 4 dennoch eine Reise-Option hoher Güte. Und Spaßmaschine zugleich, denn der Antrieb ist nicht einfach bloß souverän, sondern eher unter der Kategorie brachial abzulegen. Unter voller Last stürmt die unkonventionelle Limousine tatsächlich auf dem Level ernst zu nehmender Sportwagen davon und drückt seine Passagiere derartig in den Sitz, dass volle Mägen keine gute Idee wären. In Zahlen ausgedrückt bedeutet das: Nach 3,8 Sekunden zeigt der digitale Tacho 100 km/h an. Und ähnlich wuchtig geht es hinauf zur Maximalspeed.

Der Polestar 4 lässt sich intuitiv bedienen

Doch der wahre Luxus dieses Polestar liegt darin, seine User samt Gepäck in luftiger Art und Weise zu transportieren. Vor allem der Fond ist einen Versuch wert, denn dank drei Metern Radstand fällt die Beinfreiheit üppig aus. Und hinten schaut es sich so schön durch das riesige Panorama-Glasdach. Und jetzt kommt der Clou! Bedingt durch die fehlende Heckscheibe wird es hinten plötzlich heimelig wie in einem Séparée - man fühlt sich so schön abgeschottet. Und eine praktische Ader hat der Polestar 4 zudem, erlaubt die Mitnahme von Gepäck-Äquivalent in Höhe von über 1500 Litern, sofern man die Rücksitzlehnen umklappt.

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Ein großer Bildschirm ist heute Pflicht. Die Architektur im schwedischen Mittelklässlers ist ziemlich clean. (Foto: Patrick Broich)

Was bleibt außerdem? Der Eindruck von ziemlich intuitiv bedienbaren Menüstrukturen. Die Polestar-UX-Designer zeigen, dass man einen architektonisch nüchtern-kühlen Innenraum ohne physische Tasten kreieren kann, ohne Abstriche bei der Funktionalität zu machen. Große Icons auf dem Display machen das Touchen angenehm.

Aber! Ein nerviger Punkt ist, dass die Fahrerüberwachung trotz (sehr einfacher) Abwahl der Assistenz nie völlig ruht. Einfach mal den Blick einen Zacken zu lange von der Straße abgewendet, und schon gibt dir das Auto einen Schlag - vermittelt über das Lenkrad. Nicht cool. Das sollten die Schweden genauso ändern wie den Umstand, dass man die Batterie nicht manuell konditionieren kann.

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Um das hintere Umfeld ohne Heckscheibe im Blick halten zu können, braucht es eine Kamera. (Foto: Patrick Broich)

Bleibt das Finanzielle. Der Grundpreis von 69.900 Euro für die hier besprochene starke Variante mit zwei Motoren und großer Batterie ist nüchtern betrachtet alles andere als ein Schnäppchen. Diese Summe ist aber keineswegs überzogen. Denn es gibt Leistung satt, verdammt viel Reichweite und etliche Gadgets wie elektrische Heckklappe, viel Sensorik und Tempomat mit adaptiver Steuerung, frei Haus. Und jede Menge Komfort weilt schließlich auch an Bord.

Man kann aber noch deutlich mehr ausgeben. 5500 Euro gehen für das sogenannte Plus-Paket drauf mit Bildschirmen im Fond, Head-up-Display, hochadaptiven Pixel-LED-Scheinwerfern, elektrisch verstellbaren Rücksitzen sowie Soundsystem. Dabei ist das schönste Extra sowieso der Antrieb.

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Wie in einem Séparée sitzt es sich im Fond des Polestar 4. (Foto: Patrick Broich)

Datenblatt Polestar 4 Long Range Dual Motor

Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,84 / 2,14 (mit Außenspiegeln) / 1,53 m
Radstand3,00 m
Leergewicht (DIN)2355 kg
Sitzplätze5
LadevolumenBis zu 1536 l
MotorartZwei Elektromaschinen
GetriebeEine Übersetzung, fest
Systemleistung544 PS (400 kW)
AntriebAllrad
max. Drehmoment686 Nm
Beschleunigung 0-100 km/h3,8 s
Höchstgeschwindigkeit200 km/h
Akkukapazität100 kWh
Maximale Ladeleistung (Gleichstrom)200 kW
Ladeleistung (Wechselstrom)Bis zu 22 kW
Verbrauch (kombiniert)19,0 bis 21,7 kWh
kombinierte WLTP-Reichweite590 km
CO₂-Emission kombiniert0 g/km
GrundpreisAb 69.900 Euro

Fazit: Der Polestar 4 Long Range Dual Motor ist eine empfehlenswerte Wahl, wenn man einen komfortablen wie schnellen Langstrecken-Profi mit einem Hauch von Nutzwert sucht. Außerdem besticht der Schwede durch unkonventionelles Design und dem coolen Kniff mit dem verblechten Fließheck. Bei der Ladeperformance ist er nicht mehr State of the Art, Konsorten wie BMW iX3 oder Mercedes CLA zeigen, wohin die Reise hier geht. Oder auch der Smart #5 aus dem eigenen Konzern. Wer diesen Punkt einpreist, bekommt mit dem Polestar 4 jedoch ein individualistisches Produkt mit hohem Laune-Faktor.

Quelle: ntv.de

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