Praxistest

Tiguan-Gegner im Praxistest Seat Ateca - das "Ich habe mehr"-SUV

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Ob die Farbe Samoa Orange die richtige ist, muss jeder selbst entscheiden. Wer aber auf der Suche nach einem Midsize SUV ist, der sollte am Seat Ateca nicht vorbeigehen.

(Foto: Holger Preiss)

Der Ateca ist das erste SUV, das Seat auf die Beine stellt und prompt wird es als Gegner des VW Tiguan ausgerufen. Aber kann der Spanier dem Mutterschiff im Praxistest tatsächlich das Wasser reichen?

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Der Seat Ateca hat alles, was ein SUV braucht.

(Foto: Holger Preiss)

Als der Seat Ateca seine Premiere auf dem Autosalon in Genf feierte, wurde er mit Lob überschüttet. Manch einer greinte zwar über die Proportionen: die Heckpartie sei zu kurz, die Front im Vergleich mit der Studie nicht wuchtig genug. Am Ende des Tages ist das aber egal, denn der Kraxler muss der Masse gefallen. Schließlich tritt der Spanien irgendwie auch gegen den Primus des Mutterkonzerns, den VW Tiguan an.

Billy fährt mit

Und tatsächlich: In den Maßen trennt die beiden SUV nur wenig. Mit 4,36 Metern Länge ist der Spanier 13 Zentimeter kürzer als der Wolfsburger. In der Höhe sind es lediglich zwei Zentimeter, die der Tiguan den Ateca überragt und die Breite differiert lediglich um einen Zentimeter. Das ist nichts, der geringe Unterschied spiegelt sich letztlich auch im Innenraum des Spaniers wider: Das Raumangebot ist in beiden Reihen grandios. Selbst größere Reisende sollten hier keine Probleme mit Kopf und Knie bekommen und Kinder können entspannt die Beine baumeln lassen.

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Für die Dinge des Alltags reicht das Ladevolumen von 485 bis 1579 Liter völlig aus.

(Foto: Holger Preiss)

Enger wird es schon, wenn man das Volumen der Gepäckabteile vergleicht. Während der Tiguan zwischen 520, ohne Reserverad 615 und 1655 Liter bereitstellt, sind es beim Ateca nur 485 und 1579 Liter. Für eine größere Urlaubsreise mit voller Besatzung mag das relevant sein, für den Besuch im Möbelhaus nicht. Zwei Billy-Regale mit einer Länge von 2,09 Metern (mit Verpackung) verschwinden, seitlich aufgestellt, ohne den Fahrer zu behindern, hinter der sich per Fußschwenk öffnenden und schließenden Heckklappe. Schade, dass sich an der Nahtstelle zwischen Kofferraum und Rücklehne eine Kante auftut, die das geschmeidige Einschieben größeren Ladeguts etwas behindert.

Sitze zum Verlieben

Ohne jede Behinderung lässt sich der Wagen aber durch die Fahrgäste entern. Ein echtes Vergnügen ist der Komfort auf den Sportsitzen, die im Testwagen verbaut waren. Die hatten zudem einen robusten Lederbezug, der mit akzeptablen 1200 Euro zu Buche schlägt, die angesichts der hier zu vermutenden Langlebigkeit, einer angenehmen Haptik und bester Verarbeitung für echte Luxusgefühle sorgten. Menschen mit langen Beinen könnten die verstellbare Oberschenkelauflage vermissen. Das wäre dann aber auch der einzige Kritikpunkt an dieser Stelle.

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Der Innenraum des Seat Ateca ist schick und funktional, die Kacheloptik im Menü ist neu.

(Foto: Holger Preiss)

Vorbildlich auch die Bereitstellung von Ablageflächen für Kleinkram und Stauraum für Flaschen in den Türinnenverkleidungen. Schade nur, dass neben den zwei USB-Anschlüssen in der Mittelkonsole nicht noch ein Anschluss im Fond zu finden war. Denn gerade dort sitzt in der Regel das Publikum, das sich auf längeren Reisen unterhalten möchte. Natürlich können die mobilen Endgeräte über Bluetooth mit der Multimediaeinheit gekoppelt werden und selbstredend sind über den 8 Zoll großen Touchscreen auch iPhone und Android-Geräte zu spiegeln, wenn den Apple Carply oder Google Auto aktiv sind.

190 Pferde für den Ritt

Neu im Menü ist im Übrigen die Kacheloptik, über die kinderleicht nicht nur das Navi (das in Kombination mit dem Seat-Soundsystem und Full Link mit 1355 Euro extra bezahlt werden muss), sondern auch der Abruf relevanter Fahrdaten, Fahrzeugeinstellungen oder die Wahl des richtigen Radiosenders gesteuert werden können. Aber das alles ist ja nur die Sahne auf dem Törtchen. Wie auch das riesige Panoramaglasschiebedach, das sich über den gesamte Fahrzeughimmel erstreckt. Es lässt den Preis des Ateca um weitere 1100 Euro wachsen - allerdings ist das eine Investition, die nicht nur bei Kindern für Begeisterung sorgt.

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Der 190 PS starke Vierzylinder Diesel ist, was die Leistungsentfaltung des Seat Ateca betrifft, eine Empfehlung.

(Foto: Holger Preiss)

Dieses Potenzial birgt aber auch der 2.0 Liter Diesel, der in seiner stärksten Form im Testwagen seine Arbeit verrichtete. Über eine fluffig arbeitendes Doppelkupplungsgetriebe und sieben Schaltstufen werden dank der 190 Pferdchen ordentliche 400 Newtonmeter bei Bedarf an alle vier Räder verteilt. Mit einer minimalen Gedenksekunde schiebt der Spanier im Normal-Modus an. Wer den Wahlschalter in der Mittelkonsole auf Sport stellt, hat in 7,0 Sekunden Landstraßentempo erreicht und arbeitet sich mit ein wenig Anlauf bei erstaunlicher Laufruhe an die im Datenblatt vermerkten 212 km/h heran. Allerdings hat der Modus Sport keine Auswirkung auf die Dämpfereinstellung. Lediglich Lenkung, die Reaktion des Abstandstempomaten, Drehzahlen und Gaskennlinie werden verändert.

Fein austariertes Fahrwerk

Das ist auch völlig ausreichend, denn die Spanier haben dem Ateca ein straffes Fahrwerk verpasst, das - anders als auf diesen Seiten im ersten Fahreindruck beschrieben - durchaus auch rasante Kurvenfahrten zulässt. Die Abstimmung ist sogar so gut, dass man auch gröbere Offroad-Passagen, für die der Fahrmodischalter ebenfalls ein Programm offeriert, so überfahren kann, dass es die Insassen weder hin und her schüttelt noch unangenehme Schläge verteilt werden. Hier haben die Ingenieure in Martorell gute Arbeit geleistet. Vielfach wird ja angenommen, dass die Töchter-Marken einfach in den VW-Baukasten greifen und die Bauteile eins zu eins übernehmen. Mitnichten: Es wird durchaus in Eigenverantwortung an einzelnen Komponenten gearbeitet.

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Die Sportsitze im Seat Ateca sind extrem bequem.

(Foto: Holger Preiss)

Doch nochmal zurück zum Triebwerk. Im Datenblatt ist der Selbstzünder mit einem Durchschnittsverbrauch von 5,2 Litern auf 100 Kilometer angegeben. Ganz so genügsam gab sich der Testwagen im Alltagslauf nicht. Hier standen nach knapp 1000 gefahrenen Kilometern 7,0 Liter auf der Uhr. Ob sich angesichts eines um 0,2 Liter geringeren Verbrauchs der Griff zum 150 PS starken Diesel lohnt, muss jeder selbst entscheiden. Erheblicher könnte der Preisunterschied von knapp 2000 Euro sein. Angst, dass beim kleineren Diesel die Abgaswerte nicht stimmen, muss niemand haben. Nachdem im Homologationsprozess festgestellt wurde, dass der Ateca – trotz des geringen Gewichts – nicht ohne SCR-Katalysator auskommt, wird der jetzt auch bei diesen Modellen eingesetzt.

Das macht der Assistent

Egal, für welches Triebwerk man sich letztlich entscheidet, das Angebot an Assistenzsystemen ist so umfänglich wie bei anderen Herstellern in der Oberklasse. Für schlanke 945 Euro gibt es das "Fahrassistenz-Paket V". Darin enthalten sind Stau-, Notfall-, Fernlicht-, Spurhalte-, Tote Winkel- und der Auspark-Assistent sowie die Verkehrszeichenerkennung und der Abstandstempomat (ACC). Und das alles funktioniert im Verbund so ausgezeichnet, dass der Autor die morgendlichen Autobahnpassagen auf dem Weg zur Arbeit von den unsichtbaren Helferlein hat erledigen lassen. Natürlich wurden dabei nie die Hände vom Lenkrad genommen. Obgleich der Wagen nach kurzer Zeit das Gefühl vermittelte, die Sache allein im Griff zu haben. Jedenfalls bewegte sich die Fuhre absolut fehlerfrei durch den Alltagsverkehr bis hin zum Stau.

Einziger Kritikpunkt ist, dass der Spurhalteassistent nur über das Menü aus- und angeschaltet werden kann. Da die drängende Bewegung des Volants in die mutmaßlich richtige Richtung im Stadtverkehr aber ziemlich unangenehm werden kann, musste die Einstellung häufiger gewechselt werden. Hier wäre ein separater Schalter mehr als hilfreich gewesen.

Hilfreich ist aber auch der Parkassistent, der zusätzliche 520 Euro kostet, den Ateca aber selbständig in und aus Parklücken fährt, solange sie sich längs und quer zur Fahrbahn befinden. Und wer das Programm jetzt voll machen will, der zahlt auch noch die 550 Euro für die Top View Kamera inklusive Rückfahrkamera. Der Blick nach vorne erleichtert die Sicht vor die Motorhaube. Sehr angenehm bei Offroad-Fahrten, der Blick nach hinten unterstützt zudem beim Rangieren. Außerdem warnt das System vor querenden Verkehr, geht sogar soweit, eine Notbremsung bei nahender Gefahr einzuleiten.

Fazit: Ob man es will oder nicht, die Assistenten übernehmen perspektivisch immer mehr Aufgaben, die früher beim Fahrer lagen. Und das ist nicht nur gut so, sondern auch sehr entspannend. Selbst mit Blick auf den Endpreis des Seat Ateca, zu dem neben den erwähnen Optionen auch eine Standheizung, schlüsselloser Zugang und Voll-LED-Scheinwerfer zählen, muss man staunen. 43.950 Euro wollen die Spanier für das Gesamtpaket haben. Ein ähnlich ausgestatteter VW Tiguan kostet 47.610 Euro. Und tatsächlich sind 3660 Euro Ersparnis ein nicht von der Hand zu weisendes Argument. Denn außer bei der Ladekapazität muss sich der Spanier vor seinem Wolfsburger Verwandten wirklich nicht verstecken.

DATENBLATTSeat Ateca Excelence 2.0 TDI 4Drive
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,36/ 1,84/ 1,61 m
Radstand2,65 m
Leergewicht (DIN)1610 kg
Sitzplätze5
Ladevolumen485 / 1579 Liter
MotorVierzylinder-Diesel mit 1968 ccm Hubraum
Getriebe7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe
Systemleistung140 kW / 190 PS
KraftstoffartDiesel
AntriebAllradantrieb
Höchstgeschwindigkeit212 km/h
Tankvolumen47 Liter
max. Drehmoment400 Nm / bei 1900 - 3300 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h7,0 Sekunden
Normverbrauch (außerorts/innerorts/kombiniert)4,9 / 5,9 / 5,3 l
Testverbrauch7,0 l
EffizienzklasseB / EU6
Grundpreis35.580 Euro
Preis des Testwagens43.950 Euro

Quelle: n-tv.de

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