Praxistest

Die Optik ist das eine Seat Tarraco FR - ein echtes Sport-SUV?

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Eine sportliche Erscheinung ist der Seat Tarraco in der FR-Ausführung schon.

(Foto: Holger Preiss)

Modelle von Seat stehen in der VW-Familie für Sportlichkeit. Einmal mehr, wenn am Bürzel das Kürzel FR prangt. Doch manchmal ist die Optik das eine, das Fahrerlebnis das andere. Dennoch hat der große Spanier sehr viele Vorzüge, wie der Praxistest von ntv.de ergibt.

Der Seat Tarraco ist nicht nur das größte SUV der spanischen VW-Tochter, er ist in den Trainingsanzug eines FR-Modells gesteckt auch optisch ein ganz heißer Feger. Schließlich steht das Kürzel für "Formula Racing". Nun ist das aber mit solchen durch Buchstaben aufgestellten Behauptungen immer so ein Ding bei den Autoherstellern. Die Optik ist das eine, die Umsetzung in Form des Vortriebs das andere. Das gilt auch für den Tarraco, der in einer ausgesprochen potenten Motorisierung zum Test bei ntv.de vorfuhr.

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Der 2,0-Liter Benziner für den Vortrieb erfüllt leider nicht die sportlichen Attribute, die das Äußere des Seat Tarraco FR verspricht.

(Foto: Holger Preiss)

Unter der Haube steckte nämlich der aus etlichen VW-Modellen bekannte 2.0-Liter-Vierzylinder-Benziner, der 190 PS bereitstellt und ein maximales Drehmoment von 320 Newtonmetern an alle vier Räder abfeuert. Abfeuert? Nun, hier muss man wohl mit der Wortfindung etwas vorsichtig sein, denn bei spontaner Leistungsanforderung kann von feuern keine Rede sein. Sehr tief und gefühlt auch recht lange muss der Turbo durchatmen, bevor er die eingesaugte Atemluft in die Brennkammern bläst, um den fast zwei Tonnen schweren Tarraco in sportliche Bewegung zu versetzen. Und selbst dabei fühlt sich der Vortrieb nicht leichtfüßig oder gar beschwingt an.

Knurrig wie ein Diesel

Der Vierzylinder knurrt, als wolle er einem Diesel Konkurrenz machen und wirkt in seiner ganzen Attitüde etwas bemüht. Erstaunlicherweise entsteht dieses Gefühl einmal mehr, wenn man den Drehsteller für die Fahrmodi in der Mittelkonsole auf Sport gestellt hat. Dabei vergehen laut Datenblatt lediglich acht Sekunden, bis die 100-km/h-Marke überschritten ist. Aber nicht nur beim Sprint aus dem Stand entsteht der Eindruck von fehlender Spontanität. Auch beim Zwischensprint auf der Landstraße steht dem Wunsch und der Tat ein Turboloch im Weg. Ist das überwunden, marschiert der Tarraco FR beflissen auf seine Endgeschwindigkeit von Tempo 210 zu. Aber nicht nur, dass der Leistungsabruf die Spontanität eines Racing-Cars vermissen lässt, er ist zudem mit einem heftigen Durst des Treibsatzes verbunden. Wer den Fuß häufiger spontan oder auch länger auf dem Gaspedal hält, darf sich über Verbräuche von über 12 Litern nicht wundern.

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Wer den Seat Tarraco mit 190-PS-Benziner fordert, erhält die Quittung an der Tankstelle.

(Foto: Holger Preiss)

Viel angenehmer, weil linearer wird die Kraft verteilt, wenn der Fahrmodus auf Komfort gestellt ist. Die Gaskennlinie sorgt jetzt dafür, dass die geschilderte Anstrengung nicht so vordergründig ist und dass der Verbrauch auch bei flotter Fahrt auf durchschnittlich 9,5 Liter über 100 Kilometer gesenkt werden kann. Sport ergibt auch insofern keinen Sinn, weil die Spreizung der elektromechanischen Lenkung und des Fahrwerks einfach nicht groß genug ist, als dass es einen für das Fahrvergnügen relevanten Unterschied machen würde. So oder so zieht der Tarraco geführt durch den Piloten zielgenau seine Bahn und der Allradantrieb sorgt sicher dafür, dass das auch in schnell gefahrenen Kurven so ist. Zumal das Fahrwerk ohnehin keine Zweifel zulässt. In keiner der Kehren neigt der schwere Tarraco zum Untersteuern oder zu unangenehmen Wankbewegungen. Ein Umstand, der größte Sicherheit vermittelt und das spanische SUV einmal mehr für die Familie empfiehlt.

Jede Menge Platz

Die findet hier auch reichlich Platz. In der ersten Reihe sowieso, aber vor allem in Reihe zwei. Knie und selbst Zappelbeine dürften nur selten in Kollision mit den vorderen Sitzen geraten und auch Kopf und Schulter gehen konfliktlos über die Langdistanz beflissen aus dem Weg. Der Tarraco kann natürlich auch mit einer dritten Sitzreihe geordert werden, allerdings wird es dann deutlich enger für die Reisenden auf den hinteren Plätzen. Bleibt es bei der Standardbestuhlung, bietet der Kofferraum 760 Liter Stauraum bei aufrechter Rückbanklehne und 1920 Liter, wenn sie flach gemacht wird. Ja, das ist weniger als beim Konzernbruder Skoda Kodiaq, reicht aber immer noch locker für den Großeinkauf oder die entspannte Urlaubsreise.

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Der Innenraum des Seat Tarraco wirkt nicht nur modern, er ist auch sehr wertig.

(Foto: Holger Preiss)

Die gelingt einmal mehr, wenn sich der Käufer im Vorfeld entschieden hat, für zusätzlich 985 Euro das Businesspaket "Infotain" mit Soundsystem von Beat und Navigationssystem zu ordern. Denn hier steckt noch mehr drin: die automatische Distanzregelung bis 210 km/h mit vorausschauender Geschwindigkeitsregelung, Fernlichtassistent, Side Assist, Travel Assist, Emergency Assist, PreCrash-Assist mit Überschlagerkennung, Multifunktionslenkrad in Leder, beheizbar und eine Verkehrszeichenerkennung. In Summe sorgt das dann auf der Langstrecke für ein sehr entspanntes Fahren. Am Ende in jedem Fall eine Investition, die sich lohnt.

Auf Anfrage mit Assistentin

Und wer das interne Navigationssystem - aus welchen Gründen auch immer - nicht nutzen will, der muss es nicht. Denn die FR-Line ist bereits von Haus aus mit dem Media-System "Plus" ausgestattet. Dazu gehört neben einem 8,25 Zoll großen Zentraldisplay auch der digitale Radioempfang und die Möglichkeit, das Smartphone über Android Auto oder Apple CarPlay ganz ohne USB-Kabel auf dem Monitor zu spiegeln und so auch Zugriff auf Google Maps oder Apple Karten zu erhalten. Natürlich kann auf diesem Weg auch telefoniert oder Musik gestreamt oder einfach nur abgespielt werden.

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Die Sportsitze im Seat Tarraco FR sind spitze und der Platz in der zweiten Reihe ist mehr als großzügig.

(Foto: Holger Preiss)

Eine weitere Beigabe ist ein Head-up-Display, das die relevanten Fahrinformationen in angenehmer Größe und sehr guter Auflösung in die Frontscheibe projiziert. Allerdings fällt diese Investition in die Rubrik "Could-have", denn das digitale Cockpit mit seinem 10,25-Zoll-Display liefert nicht nur mehr, sondern auch noch auf die Wünsche des Fahrers eingestellte Informationen. Die Einstellung erfolgt über eine entsprechende Taste am Lenkrad.

Ach und noch etwas: Wer es nicht will, muss im Tarraco nie alleine fahren. Mit entsprechender Ansprache hat er immer eine junge Dame an seiner Seite, die assistiert. Es handelt sich um Amazons virtuelle und sprachgesteuerte Alexa. Eine Steuertaste am Lenkrad eröffnet mit der entsprechenden Ansage "He Alexa" die Kommunikation. Etwas blutleer, aber stets hilfsbereit ist Alexa dann gerne bereit, Funktionen zu steuern. Allerdings muss für dieses Vergnügen die Seat Media Control aktiviert sein.

Insgesamt versucht Seat mit dem Tarraco ein sehr wertiges SUV anzubieten. Das ist zum einen an den im Innenraum verwendeten Materialien zu erkennen, zum anderen an der insgesamt sehr guten Verarbeitung. Interessant ist, dass die Bedieneinheit für die Klimaautomatik dieselbe ist, die auch im neuen VW Arteon verwendet wird. In dieses angenehme Gesamtbild fallen übrigens auch die Sportsitze. Nicht nur, dass sie ihrem Namen gerecht werden und bei dynamischer Fahrweise alle am Platz halten, sie taugen auch bei straffer Abstimmung für lange Fahrten, ohne das Sitzfleisch oder den Rücken unangenehm zu beanspruchen. Wer glaubt, dass Lederbezüge das Ambiente weiter aufwerten, kann natürlich für zusätzlich 1400 Euro fein gegerbte Kuhhaut aufziehen lassen.

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Auf bis zu 1950 Liter Stauraum lässt sich der Kofferraum des Seat Tarraco erweitern.

(Foto: Holger Preiss)

Not tut das am Ende nicht, treibt eigentlich nur den im Vergleich mit anderen Herstellern günstigen Einstiegspreis von 30.600 Euro in die Höhe. Wobei das der Preis für einen 1,5 Liter TSI mit 150 PS und manueller Sechsgangschaltung in der untersten Ausstattungslinie Style ist. Ein FR mit gleichem Motor eröffnet bei 35.473 Euro. Wählt man wie im Test den 2,0 Liter Vierzylinder mit 190 PS und 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe, liegt der Preis schon bei 42.442 Euro. Wer jetzt noch Navi, Assistenten, Glasdach und Standheizung sowie 20-Zoll-Räder ordert, liegt am Ende bei 51.028 Euro. Viel Geld, aber verglichen mit einem ähnlich ausgestatteten Premium-SUV wenig Geld.

DATENBLATTSeat Tarraco FR 2.0 TSI 4Drive


Abmessungen (Länge/Breite/Höhe)4,73 m/ 2,12 m/ 1,67 m
Radstand2,79 m
Leergewicht (DIN)1816 kg
Anhängelast2250 kg
Sitzplätze5
EmissionsklasseEU 6 DG
Motor/HubraumR4-Turbobenziner mit 1984 ccm Hubraum
GetriebeSiebengang-Automatik
Leistung190 PS (140 kW) bei 4500 U/min
KraftstoffartBenzin
Kofferraum700 - 1920 Liter
Höchstgeschwindigkeit210 km/h
max. Drehmoment320 Nm bei 2250 - 3250 U/min
Beschleunigung 0-100 km/h8,0 s
Normverbrauch (kombiniert) WLTP9,3 l
Testverbrauch9,5 l
CO2-Emissionen
(Normverbrauch)
197 - 191 g/km
Grundpreis42.442 Euro
Preis des Testwagens51.028 Euro

Fazit: Der Seat Tarraco spielt dank seiner Optik, toller Materialien, einem extrem guten Fahrverhalten und einem reichen Angebot an Assistenten eigentlich in einer anderen Liga. Und das zu einem wirklich fairen Preis. Einzig die Benzinmotoren sind Geschmackssache. Für ein SUV mit 1,8 Tonnen empfiehlt sich immer noch ein Diesel. Ja, der ist per se böse, aber was den CO2-Ausstoß und den Verbrauch betrifft, einem Benziner in dieser Fahrzeugklasse immer noch deutlich überlegen.

Quelle: ntv.de