Praxistest

Schwedischer E-Sportler Volvo C40 - Start mit Thors Hammer

DSC_7343.jpg

Ob einem das Design des Volvo C40 Recharge Pure Electric Twin gefällt, mag Ansichtssache sein, aber sein Fahrverhalten ist außergewöhnlich.

(Foto: Holger Preiss)

Wer glaubt, dass sich alle E-Autos gleich fahren, der irrt. Das wird besonders gut deutlich, wenn man ein Auto wie den Volvo C40 Recharge Pure Electric Twin zum Test fordert. Das schwedische SUV-Coupé glänzt nämlich mit einem sehr sportlichen Vortrieb und einem ebensolchen Fahrwerk. Ein paar Kritikpunkte gibt es aber doch.

Kein Autohersteller, der nicht bereits das eine oder andere Elektroauto in seinem Portfolio hat. Denn, und das ist kein ungeschriebenes Gesetz mehr, man will elektrisiert in die Mobilität der Zukunft steuern. Das gelingt dem einen mit seinen Fahrzeugen gut, dem anderen besser. Volvo fällt mit seinem Kompakt-SUV C40 Recharge Pure Electric Twin definitiv in die zweite Kategorie. Ob das für das Design zutrifft, mag jeder für sich entscheiden, aber fahrtechnisch ist der Schwede mal ganz vorne dabei, wie der Praxistest bei ntv.de beweist.

DSC_7372.jpg

Mit zwei Motoren angetrieben, stehen dem Fahrer des Volvo C40 Recharge Pure Electric Twin 408 PS und 660 Newtonmeter maximales Drehmoment zur Verfügung.

(Foto: Holger Preiss)

Das mag natürlich auch oder vor allem gerade dem Umstand geschuldet sein, dass beim Pure Electric Twin die Sportlichkeit ganz großgeschrieben wird. An der Vorder- und Hinterachse werkelt jeweils ein Permanentmagnet-Synchronmotor; beide stellen in Summe eine Systemleistung von 408 PS zur Verfügung und wuchten ein maximales Drehmoment von 660 Newtonmetern auf die Räder. Befeuert werden die E-Motoren durch eine 500 Kilogramm schwere und 75 kWh leistende Batterie, was im Zusammenspiel dafür sorgt, dass der Sprint aus dem Stand auf Landstraßentempo in 4,7 Sekunden abgeschlossen ist.

Thors Hammer bis 180 km/h

Und tatsächlich fühlt sich ein durchgetretener Ampelstart wie der Katapultstart eines Kampfjets auf einem Flugzeugträger an oder anders gesagt, als habe Thor einem seinen Hammer ins Kreuz geschlagen. Und mit zunehmender Geschwindigkeit wird das Grinsen im Gesicht immer breiter, denn der C40 Recharge beschleunigt seine gut zwei Tonnen mühelos bis auf Tempo 180. Genau an dieser Stelle haben die Schweden, wie bei all ihren Modellen seit 2020, dann auch die elektronische Bremse eingelegt. Aus Sicherheitsgründen, wie es von offizieller Seite heißt. Aber ganz ehrlich? Während des Praxistests war dieser Umstand kein Problem. Denn die Autobahnabschnitte, die bewältigt werden mussten, waren ohnehin alle limitiert.

DSC_7352.jpg

Das Fahrwerk des Volvo C40 Recharge Pure Electric Twin ist so abgestimmt, dass der typische "Hängematteneffekt" ausbleibt.

(Foto: Holger Preiss)

Und so hatte der Autor den eigentlichen Fahrspaß mit dem C40 auf kurvigen Landstraßen. Genau hier zeigt der Volvo nämlich ein hervorragend ausbalanciertes Fahrwerk. Während bei Konkurrenzprodukten ein vom Autor gern als "Hängematteneffekt" bezeichnetes Aufschaukeln durch den tiefen Schwerpunkt der Batterie stattfindet, läuft der Schwede tatsächlich wie an der Schnur gezogen ums Eck. Und beim Blick auf die 12,3 Zoll große Instrumentenanzeige hinter dem Lenkrad muss der Fuß ganz zackig vom Gas genommen werden, weil man viel zu schnell geworden ist.

Angenehmes Ein-Pedal-Fahren

Apropos Fuß vom Gas: Volvo hat beim C40 auf Rekuperationsstufen verzichtet. Es gibt lediglich das Ein-Pedal-Fahren, wie es Volvo nennt, wobei mit dem Gaspedal beschleunigt und beim Loslassen gebremst werden kann und bis zu 100 kW rekuperiert werden können. Natürlich lässt sich das Ganze auch ausstellen, was sich bei Autobahnfahrten empfiehlt, damit der Wagen frei rollen kann. Das muss allerdings, wie zum Beispiel auch die Einstellung einer strafferen und wirklich empfehlenswerten Sportlenkung, über den 22,9 Zentimeter großen Touchscreen in der Mittelkonsole erfolgen.

DSC_7397.jpg

Der Arbeitsplatz des Fahrers ist im Volvo C40 Recharge Pure Electric Twin recht spartanisch und ob die ausschließliche Nutzung von Google die beste Wahl ist, darf nach dem Praxistest bezweifelt werden.

(Foto: Holger Preiss)

Das ist nicht weiter wild, weil die Menüführung selbsterklärend ist, macht aber auf ein anderes leidiges Thema aufmerksam. Volvo benutzt als Hintergrund aller seiner Funktionen Googles Android-System. Das hat zwar den Vorteil, dass die Navigation über Google Maps erfolgt und insofern auch hier die einschlägigen Apps bekannt sind, hat aber den Nachteil, dass das System bei jedem Start des Fahrzeugs neu gebootet wird. Wer also einen Radiosender über Tunein eingestellt hat, muss ihn jedes Mal neu anwählen. Das lenkt ab, kostet Zeit und nervt auch ein bisschen. Zumal, wenn man Apple-Nutzer ist und weiß, dass sich die beiden Betriebssysteme spinnefeind sind.

Ein Cappuccino reicht

Dafür erfreut Google-Maps auch mit der Verarbeitung des Ladezustands der Batterie. Benutzt man es als Navigationssystem, werden nicht nur mögliche Ladepunkte ausgewiesen, sondern es wird auch über die gesamte Fahrzeit der Energieverbrauch einbezogen und der Ladestand am Ziel ausgewiesen. Da der Schwede mit einer maximalen Ladeleistung von 150 kW betankt werden kann, sind bei einer fast leeren Batterie innerhalb von 37 Minuten wieder 80 Prozent nachgefüllt.

Ja, das dauert immer noch länger als das herkömmliche Tanken, aber die Zeit ist mit einem Gang zur Toilette, einem Cappuccino und dem Check der Mails bestens gefüllt. Und da die Reichweitenangabe mit 439 Kilometern außerorts und auch der Verbrauch mit 21 kWh über 100 Kilometer - im Test waren es 22,1 kWh - recht präzise ist, hat man schon ein Stück des Weges hinter sich gebracht, bevor der C40 an die Dose muss. Langwieriger wird der Prozess des Ladens natürlich, wenn nur eine 11-kW-Station zur Verfügung steht. Hier braucht es eine Stunde, damit weitere 50 Kilometer zurückgelegt werden können.

collage_kofferraum.jpg

Stauraum gibt es im Volvo C40 Recharge Pure Electric Twin hinten und vorne.

Was im Test auch erfreute, war das Raumangebot des C40 Recharge Pure Electric. Während hinter der elektrisch aufschwingenden Heckklappe 413 Liter geboten sind, gibt es unter der Fronthaube weiter 31 Liter Stauraum. Das ist nicht riesig, reicht aber aus, um bei etwas Planung mit vier Personen in den Urlaub zu fahren. Und die müssen sich keine Gedanken über Platznot im C40 machen. Zumal man vorn und hinten sehr gute Polster vorfindet, die die rückwärtigen Dienste auf der Langstrecke schonen. Einzig das straffe Fahrwerk mag dem einen oder anderen bei Querfugen etwas aufstoßen. Wie dem Fahrer die schmale "Schießscharte" im Heck, die große Aufmerksamkeit fordert, um alles wahrzunehmen, was sich hinter dem Volvo im Straßenverkehr abspielt.

Der Leuchtturm auf dem Monitor

Und auch beim Rangieren muss der Fahrer trotz Rückfahr- und Frontkamera ein offenes Auge haben. Denn nach wie vor ist die Kamera-Darstellung auf dem Monitor extrem verzerrt. Autos im Heck wirken wie Leuchttürme und ein Laternenpfahl taucht wie aus dem Nichts auf. Das können andere Hersteller dann deutlich besser. Dafür finden in den vorderen Türen neben einer Handtasche auch locker eine Ein-Liter-Flaschen, ein Tablet und ein kleiner Regenschirm Platz. Ob man allerdings tatsächlich seine Einkaufstüten an den ausklappbare Haken in der Klappe des Handschuhfachs hängt, darf bezweifelt werden. Schöner wäre ein Brillenfach gewesen, wo die Sehhilfe oder die Sonnengläser aufbewahrt werden. In der Regel liegt die dann offen neben dem induktiven Ladefeld unterhalb des Zentraldisplays.

collage.jpg

Über die Sitze und das Platzangebot in der zweiten Reihe kann man sich nur lobend äußern.

(Foto: Holger Preiss)

Natürlich hat Volvo auch den C40 nach altem Brauch mit Sicherheitsfeatures bedacht. Da gehören die Sitze mit Schleudertrauma-Schutzsystem für Fahrer und Beifahrer ebenso dazu wie die Sicherheitsstruktur der Karosserie oder der immer aktive Notbremsassistent, der auf Wunsch auch die Kreuzung überwacht. Zudem überwacht die Elektronik das Abkommen von der Straße und verhindert es ebenso wie der aktive Spurhalteassistent das Verlassen der Spur - und das ist wichtig - mit leichtem Lenkeingriff. Sensoren und Kamera erkennen die Verkehrszeichen, passen die Geschwindigkeit automatisch an oder unterstützen den Fahrer in lästigen Staufahrten. Die Aufzählung könnte hier noch um einiges erweitert werden, aber die Interessenten müssen ohnehin einige Kreuze in der Optionsliste setzen und sich aktiv mit dem auseinandersetzen, was sie und die Insassen am Ende schützen soll.

Apropos Kreuze in der Optionsliste, und das ist dann auch der wahre Wermutstropfen beim C40 Recharge: der Preis. Mit allem Drum und Dran - und dazu gehört zum Beispiel auch Microtech-Ledernachbildung für 1570 Euro oder die semieelektrische Anhängerkupplung für 930 Euro - kommt der Schwede auf den stolzen Preis von 64.430 Euro. Wer hier also zuschlägt, darf nicht knapp bei Kasse sein. Allerdings können Käufer noch mit einer Umweltprämie von insgesamt 7500 Euro rechnen, was den Preis dann auf immerhin 56.930 Euro reduzieren würde, was immer noch weit von einem Schnäppchen entfernt ist.

DatenblattVolvo C40 Recharge Pure Electric Twin
Abmessungen LxBxH4,44/ 1,87/ 1,59 m
Radstand2,70 m
Leergewicht (Messung)2185 kg
Sitzplätze5
Kofferraumvolumen vorn / Rücksitze umgelegt489 - 1205 Liter + 30 Liter (unter der Fronthaube)
Motor2 Elektromotoren an Vorder- und Hinterachse
Getriebe1-stufiges-Reduktionsgetriebe
Systemleistung300 kW (2 x 150 kW) / 408 PS
max. Drehmoment660 Nm
Batteriekapazität75 kWh
Ladeleistung On-Board-Charger (kW)11 kW
Maximale DC-Ladeleistung150 kW
Ladedauer 230-V-Steckdose72 h
Ladedauer Wallbox /11-kW-Ladestation8 h
Ladedauer 50-kW-Schnellladestation 68 min
Ladedauer 150-kW-Schnellladestation 37 min
Reichweite Hersteller (WLTP)444 - 415 km
Reichweite im Test385 - 410 km
AntriebAllradantrieb
Höchstgeschwindigkeit180 km/h (abgeregelt)
Beschleunigung 0 - 100 km/h4,7 Sek
Testverbrauch21,2 kWh/100 km
EffizienzklasseA+
CO₂-Emissionen0 g/km
Grundpreis62.050 Euro
Testwagenpreis64.430 Euro

Fazit: Der Volvo C40 Recharge Pure Electric ist durchaus das, was man eine Sportskanone unter den E-Autos nennen möchte. Fahrverhalten, Beschleunigung und vor allem das Fahrwerk lassen hier keine Wünsche offen, die Endgeschwindigkeit mit 180 km/h dann vielleicht schon. Zudem gibt sich der Schwede genügsam beim Stromverbrauch, hat mit über 400 Kilometern eine ordentliche Reichweite und ist an der 150-kW-Ladestation schnell wieder fahrbereit. Auch bei der Qualität und Sicherheit bleibt sich Volvo hier treu, genau wie beim Preis, der weiterhin im Premiumsegment angesiedelt ist.

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen