Leben

Aus der Schmoll-Ecke Rohes neues Jahr im "Failed Bundesland"

522b7181908e84808270906f26fa473e.jpg

Silvester in Berlin, glücklicherweise nicht im Viertel des Kolumnisten.

(Foto: dpa)

Artikel anhören
Diese Audioversion wurde mit Sprachproben unserer Moderatoren künstlich generiert.
Wir freuen uns über Ihr Feedback zu diesem Angebot.

Das Jahr hat begonnen, wie das alte aufhörte: mit Gewalt. Aber es gibt Trost: Unser Kolumnist, Träger der "One Love"-Binde in Gold, schreibt wieder. Und verspricht: Seine Werke werden genauso bekloppt und intellektuell herausfordernd wie die des vergangenen Jahres.

Rohes neues Jahr! Brauche ich Ihnen, hochverehrte Anhängende der Schmoll-Ecke, nicht mehr zu wünschen, das haben wir ja schon, zumindest wenn Sie wie ich in einem "Failed Bundesland" leben, wobei ich das Glück habe, dass zwischen meinem Kiez und Neukölln einige Kilometer Sicherheitsabstand liegen, was die Chancen, dass mein Auto nicht in Flammen aufgeht, doch um einiges erhöht. Einsatzkräfte, die Leben retten und Feuer löschen, sind in meiner Straße herzlich willkommen. Denn in dem gutbürgerlichen Viertel, in dem ich lebe und arbeite, also Tag für Tag über Gott und die Welt des Bösen schreibe, werden sie in meinem Kiez auf den Balkonen beklatscht wie einst die Pflegekräfte, die uns längst wieder egal sind.

Nach diesem frechen Start erkläre ich, damit Sie sich und mir den Shitstorm ersparen, feierlich gleich für das gesamte Jahr: Sollte ich, ein Träger der "One Love"-Binde in Gold, Betroffene mit unüberlegten Sprüchen und unpassenden Bemerkungen verletzt, beleidigt, gedemütigt oder diskriminiert haben - sorry, das war und ist null Komma null meine Absicht. Wobei ich auch sagen muss: Niemand zwingt Sie, meinen Scheiß zu lesen. Ich rate Ihnen: Lassen Sie es lieber. Schonen Sie sich. Die Kolumnen werden genauso bekloppt und intellektuell herausfordernd wie die im vergangenen Jahr.

Unabhängig davon möchte ich Zuversicht verströmen, selbstverständlich ohne dabei klimaschädliche Gase aus meinem Körper zu lassen, sonst klebt sich jemand von der allerallerletzten Generation an der Schmoll-Ecke fest, was ich nicht verantworten kann. Mein einziges Vorhaben für 2023 lautet nämlich: Ich möchte ein Sehr-Gutmensch bleiben. Was gerade nicht so einfach ist. Auch in mir kommt bisweilen Wut hoch, dass ich mir Sorgen mache, erst die Contenance und dann meine Toleranzschwelle zu verlieren. Aber so schlecht hat das Jahr zum Glück nicht begonnen, obwohl Deutschland nicht mehr Papst und schon gar nicht Fußball-Weltmeister ist, sich das Gefühl breitmacht, dass die fetten Jahre vorbei sind, die Inflation anhält, diffuse und rational begründete Angst umgeht, Silvester der Mob Bürgerkrieg spielt und die Wiedererrichtung des preußischen Kaiserreichs droht, was Claudia Roth durch die Umbenennung von Straßen und Stiftungen verhindern wird.

Der Himmel voller Gendersterne

Sehet die guten Signale! Karl Lauterbach, dieser Corona- und Frauen-Versteher, will, dass es künftig immer heißt: "Fragen Sie Ihre Ärztin oder Apothekerin!" So geht Fortschritt. Die "Bild"-Zeitung schrieb: "Die Ehefrau von Messi setzte gleich drei rote Herz-Emojis darunter!" Drei. Eine gigantische Zahl. Ich habe vergessen, was sie symbolisch herzte. Vielleicht, dass die Benin-Bronzen zurück sind. Oder die Liebe. Oder ihr siegreicher Gatte aus Katar. Oder die Klunker in Dresden. Alles kehrt auf seinen Platz zurück, das Chaos lichtet sich.

Lasset uns träumen! Es muss ja nicht gleich sein, dass Herzogin Meghan nackt durch jede Stadt Großbritanniens getrieben wird, während die Menge "Schande!" ruft und sie mit Exkrementen bewirft. Es gibt schönere Dinge, von denen wir träumen können, von einem Land ohne Mohrenstraßen mit einem Himmel voller Gendersterne zum Beispiel.

Oder vom Ende des beschissenen Kriegs, damit unsere Ministerin für Selbstverteidigung in der nächsten Silvesternacht wieder über "ganz viele besondere Eindrücke" an der Front auf Sylt berichten kann, die sie bei der Kontaktbörse namens Bundeswehr und in Kiew gewinnen konnte, wo sie schon wieder "viele Begegnungen mit interessanten und tollen Menschen" hatte, falls die Ende 2023 noch leben und nicht erschossen oder erfroren sind. Niemand weiß, wie es weitergeht.

Aber ich persönlich vermute: Alles wird wieder gut. Jedenfalls außerhalb Berlins. Dieses putzige "Failed Bundesland" macht mir Sorgen - und natürlich die Migranten und Flüchtlinge. Ich warne davor, sie alle in einen Topf zu werfen, so wie auch ich der lebende Beweis bin, dass Sachsen nicht nur Nazis und AfD-Wähler sind, sondern Sehr-Gutmenschen sein können, wenn sie nur wollen. Lasset uns über gescheiterte Integration reden! Was ist schiefgelaufen mit Clan-Mitgliedern, Polizistenhassern aus Syrien, randalierenden Hooligans aus Dresden, den "Reichsbürgern" und den adligen Schelmen mit Pass der BRD GmbH, die einen Staatsstreich planen und auf den Tag X warten? Streiche spielt man nicht, wenn es um ernste Sachen geht. Siehe 1923. Über Hitler wurde auch gelacht. Sie wissen vielleicht aus dem Geschichtsunterricht, wie das endete.

Bullerbü muss leben

Lachen Sie nicht! Es wird Ihnen ohnehin bald vergehen. Reißen Sie sich einfach am Riemen. Das Staunen und Wundern, auch Ihre Fassungslosigkeit und der Ärger über die Randalierenden aus 18 verschiedenen Nationen - hier darf es, obwohl es nur "junge Männer" waren, nicht "Randalierer" heißen, damit Mädchen und Frauen sprachlich vermittelt bekommen, dass auch sie das Zeug zur Randale haben - bleibt folgenlos. Die Sieger der nächsten Berlin-Wahl stehen fest. Es sind die, die auf der richtigen Seite stehen und auf der richtigen Seite wohnen, nämlich da, wo es bunt und divers zugeht und diverse Delikte nicht mehr verfolgt werden, da der Rechtsstaat schon aufgegeben hat. Die Polizei schafft es einfach nicht, den Görlitzer Park zu kontrollieren, weil sie Aktivisten der allerallerletzten Generation von Straßen holen muss. Aber wen interessiert Drogenkriminalität, wenn wir sowieso bald alle sterben.

Gewöhnen Sie sich einfach dran, dass es ist, wie es nun mal ist. Da helfen auch keine Gipfel und Debatten und Statements bestens bezahlter Professoren für Migrationsforschung, die sagen, dass das alles nichts mit Migration und Herkunft zu tun hat, so wie Adlige aus Bayern nicht automatisch "Reichsbürger" und Sachsen nicht immer Nazis werden. Wir dürfen Sachsen, Adlige, Hooligans, Clan-Mitglieder, Polizistenhasser, "Reichsbürger", Migranten und Flüchtlinge nicht mehr als Opfer wahrnehmen. Sie sind mündige Bürger, die Verantwortung für ihre Taten tragen. Ideologische Verblendung verhindert die sachliche Debatte darüber.

Und bringt uns ohnehin nicht weiter. Denn Sie ahnen vermutlich sowieso: Nichts wird besser, dafür einiges noch schlechter als früher, wo alles schon schlechter war als davor. Diskussionen, woher die "jungen Männer" kamen, sind sinnlos. Denn schuldig sind sowieso wir, weil wir uns an den Kreuzzügen vor 1000 Jahren beteiligt und vor 150 Jahren Länder in Afrika kolonialisiert haben und viel zu wenig Angebote machen, die jungen Männer zu integrieren. Aber wer sind eigentlich "wir"? Wer sind "wir" in "Wir schaffen das"? AfD-Mitglieder und Sympathisanten? Da wäre ich skeptisch.

Jaja, ich weiß, man soll nicht alles in einen Topf werfen. Bitte kein Generalverdacht! So lautet das Totschlagargument, wobei niemand jemanden totschlagen will, was das Jahr 2023 noch immer vom Jahr 1923 unterscheidet, als sich Nazis und Kommunisten Tag für Tag verprügelten und aufeinander schossen. Generalverdacht ist schlecht. Lasset uns lieber Benin-Bronzen in eine unbekannte Zukunft geben - Hauptsache, die Gerechtigkeit siegt. Nieder mit der Symbolpolitik! Lieber konkret bleiben, die Atomkraftwerke abschalten und die Insekten retten. Bullerbü muss leben, damit wir leben können. Und wenn nicht? Horten Sie Medikamente für Kinder neben dem bisher unverbrauchten Klopapier, bevor die Welt untergeht. Glauben Sie mir es, ich meine es gut mit Ihnen. Und wenn nicht: Fragen Sie Ihre Ärztin oder Apothekerin!

Quelle: ntv.de

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen