Leben

One Woman Show Wenn der kleine Impfneid kommt

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Früher wollte man die Handtasche, die die Freundin hat - heute ist ein kleiner Piks das Objekt der Begierde.

(Foto: imago images/MediaPunch)

Helfen Sie erst sich und dann anderen! Nicht nur im Flugzeug, auch beim Impfen! Doch warum ist die eine schon geimpft und der andere nicht? Fragen, die sich unsere - geimpfte - Kolumnistin stellt und der Fachmann beantwortet.

Ich wurde geimpft. Ich bin nicht alt (was auch immer das bedeutet), es gibt Gründe*. Mir wurde Biontech in den Oberarm gejagt, ich hatte abends ein bisschen Schüttelfrost, das war's. Ich fühle mich nun sicherer, ein gutes Gefühl. Wer sich nicht impfen lassen möchte - go for it! Aber dann nicht jammern, wenn alle Beatmungsbetten belegt sind.

Doch was tun, wenn "der kleine Impfneid" kommt? Die Reaktionen auf eine Person, die nicht asbachuralt ist und gegen Covid-19 geimpft wurde, sind nämlich äußerst unterschiedlich: Von verhaltener Skepsis bis zu anerkennendem (meist virtuellem) Schulterklopfen ist alles dabei. Es gibt die Frage: "Warum bist du (also im Sinne von 'ausgerechnet DU?') bereits geimpft?" Und da schwingt mit: "Welche Beziehungen hast du spielen lassen?" oder: "Wen hast du angelogen, wie viele alte Ommas hast du zur Seite gekickt, Impfvordränglerin?"

Gönn' dir

Es geht über grundehrliches Interesse wie: "Was muss ich tun, um genau so behandelt zu werden?" bis hin zu: "Glückwunsch! Eine weniger, die es kriegen kann und somit auch eine weniger, die andere potenziell ansteckt." Zum Glück überwiegen die positiven Reaktionen, "ey, gönn' dir."

Ich weiß, nicht mein ganzes Leben ist eine "One Woman Show", aber es gilt doch auch der Grundsatz (so wie bei den Sauerstoffmasken, die von oben herunterfallen im Falle eines sehr unwahrscheinlichen Druckverlustes in der Flugzeugkabine, die Älteren unter uns erinnern sich vielleicht): "Helfen Sie erst sich und dann anderen." Das ist nicht egoistisch, das ist schlau!

Und nur so viel zur Erklärung, nicht zur Rechtfertigung: Ich wurde gefragt, ob ich mich impfen lassen will, wie gesagt, es gibt Gründe. Ich habe zunächst geantwortet, dass ich meine Ration gern anderen überlassen würde, die eine Impfung dringender bräuchten und dass ich mich auf keinen Fall vordrängeln will. Aber da wurde mir entgegnet, dass das meine Ration sei, die mir zusteht. Nach reiflicher Überlegung und weil die Gründe überhandnahmen, warum es einfach klasse wäre, geimpft zu sein, sagte ich zu. Es ist ja auch nicht so, dass man sein Portiönchen mit nach Hause nehmen kann und sich überlegt, wer das jetzt wohl noch dringender gebrauchen könnte.

Und nun also Impfneid hier und da. Neid ist ja kein schönes Gefühl, man schämt sich ein bisschen dafür, kann sie aber doch nicht für sich behalten, diese Empfindung. Was bedeutet das denn, dass man einer anderen Person etwas nicht gönnt, was man für sich selbst gern hätte? Und warum ist das so? Ist da in der Kindheit mit dem großen Bruder schon was schiefgelaufen, fühlt man sich generell immer übersehen und hat man einfach nur Angst, der letzte nicht geimpfte Depp zu sein? Hat man sich einfach doof angestellt und nicht rechtzeitig angemeldet, und wo überhaupt? Beim Hausarzt, bei der Kasse, beim Amt? Sind mir die Informationen in dieser Flut der täglichen Informationen just an dem Tag durchgerutscht, an dem ich versucht habe, mich durch Digital Detox selbst zu optimieren? Verdammt! Wie man's macht, ist es verkehrt, wird der Impfneider nun denken und im schlechtesten Fall auch noch eine heftige Migräneattacke entwickeln.

Wut, Angst und Scham

Eckehard Pioch, Psychoanalytiker und Vorsitzender des Psychoanalytischen Instituts Berlin, weiß ganz genau, was da gerade passiert mit den neidischen Menschen: "Neid ist immer eine Emotion des Vergleiches und eine Mischung aus Wut, Angst und auch Scham." Und er erinnert sich: "Am Anfang waren alle von der Pandemie-Lage gleichermaßen betroffen. Aber jetzt gibt es mit dem Impfstoff ein vorerst noch knappes Gut, das begehrenswert ist. Wieso also wird der andere geimpft und ich - noch - nicht? Die Kriterien der Verteilung werden infrage gestellt und der eigene Mangel wird einem bewusst."

So ärgerlich das alles ist, so sehr ändert sich jedoch nichts an der Tatsache, dass wir alle noch Geduld brauchen. Denn selbst wenn nun eine Person in einer Familie geimpft ist, sind es der Partner oder die Kinder noch lange nicht, die alleinstehende Freundin auch nicht, und die würde man echt gern mal wieder beim Italiener (haha) treffen. Wenn man Pech hat, dann flutschen sogar die alten Eltern durchs System. Nichts ist planbar, wir werden mürbe. Dabei wollen wir uns geimpft doch nur endlich wieder sicher fühlen. Kann da auch mal Wut auf die Regierung aufkommen? Durchaus, weiß Pioch: "Wir sind es gewohnt, eine gewisse Kontrolle zu haben, und eine Pandemie-Situation ruft Ohnmachtsgefühle hervor. Der Staat wird dann wie eine Art idealisierte Elternfigur gesehen, die gerecht verteilen soll. Es kann aber keine vollkommene Gerechtigkeit geben, sie kann immer nur annäherungsweise hergestellt werden."

Das kennen wir von früher, als wir gleich mitbestraft wurden, wenn die Schwester was angestellt hatte. Aber eine Regierung, die einen merkwürdigen Schlitterkurs fährt, aus dem man als Bürger kaum mehr schlau wird, sollte die es nicht besser wissen? Eckehard Pioch weiß Beruhigendes zu berichten: "A: Eine Regierung sollte möglichst transparent machen, wie es zu einer bestimmten Verteilung kommt. B: Geschieht dies nicht, kann es immer wieder zu Neid kommen." B trifft zu, also: Sie dürfen neidisch sein!

Aber auch wenn ich persönlich nun geimpft bin, sehe ich doch die Missstände, und bin wirklich weit davon entfernt, mit dem Finger auf andere zu zeigen, gar, "die Politiker" zu verurteilen, denn man müsste es ja erstmal selbst besser machen. Tatsächlich fällt es täglich schwerer, gewisse Pläne nachzuvollziehen, und sollte die Zeit und Energie, die in immer weitere Total-Lockdowns und Verbote gesteckt wird, nicht besser eingesetzt werden? Sollte jetzt nicht mit aller Kraft durchgeimpft werden, sollte man sich nicht neue Wege einfallen lassen, aus Fehlern nach einem Jahr auch mal was gelernt haben? Aerosol-Forschern besser zuhören? Die Menschen sich gesittet draußen treffen lassen, statt sie dazu zu zwingen, es drinnen heimlich zu tun?

Geimpft sein kann auch einsam machen!

Engländer, Portugiesen, Spanier - die hatte es echt schlimm erwischt, und jetzt? Sitzen die draußen in Pubs und Bars, trainieren im Fitnessstudio, alles möglich! Und wir hier? Bin ich jetzt, trotz Impfung, etwa auch neidisch, auf die anderen Länder? Auch dafür hat Psychoanalytiker Pioch eine Erklärung: "Neid kann sehr wohl positiv sein. Er kann dazu führen, dass ich mich dafür einsetze, dass sich bestimmte Dinge verändern. So kann man sich in demokratischen Gemeinden durchaus dafür einsetzen, dass Impfreihenfolgen dort, wo es sinnvoll ist, geändert werden."

Gut, neidisch darf man also sein, man muss ja nicht gleich destruktiv werden. Daher zum Schluss ein Tipp von Pioch, den sich alle neidischen Menschen am besten hinter und vor die Ohren schreiben: "Aus psychoanalytischer Sicht ist es immer gut, ein Gefühl wahr- und anzunehmen. Beim Neid ist das nicht leicht, denn dieses Gefühl ist immer mit Scham verbunden." Piochs Rat ist es, aufrichtig bei sich zu schauen und den Neid anzuerkennen. Dann ist man ihm schon einmal nicht so ausgeliefert. Und für die Fortgeschrittenen unter den bald-ehemalig Neidischen noch eine Anregung: Nicht destruktiv damit umgehen! Lieber fragen: "Was hilft es mir denn, wenn die anderen sich weiter einschränken?" Geimpft sein kann auch einsam machen.

In diesem Sinne - bleiben Sie geduldig. Oder werden Sie positiv-konstruktiv.

*ich wurde geimpft, weil ich die Betreuerin/ Bezugsperson eines Elternteils in einem Seniorenheim bin

Quelle: ntv.de, mit dpa

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