Leben
Das Mini-Apartment "tiny100" ist nur 6,4 Quadratmeter groß.
Das Mini-Apartment "tiny100" ist nur 6,4 Quadratmeter groß.(Foto: picture alliance / Rainer Jensen)
Montag, 05. März 2018

Wohnen im Mikro-Apartment: Wie viele Quadratmeter brauchen wir?

Von Judith Görs

Zwei Schritte vom Klo zur Küche, drei vom Bett zur Wohnungstür: Weil Platz in Großstädten zum Luxusgut geworden ist, entstehen immer mehr Mikro-Apartments. Das Modell ist längst nicht nur für Studenten attraktiv - doch löst es auch das Wohnungsproblem?

Eine Gefängniszelle in der Berliner JVA Heidering misst zehn Quadratmeter, Deutschlands Kinderzimmer im Schnitt 14,4 - zum Leben reicht das. Zumindest netto. Wer allerdings Küche und Bad mitdenkt, stößt schnell an die Grenzen des Zumutbaren. Vor allem urbane Wohnprojekte loten diese Grenzen aber nun zunehmend aus. Wie viel Platz braucht der Mensch, um sich Zuhause zu fühlen? Eine eher subjektive Antwort gibt der Aachener Bauunternehmer Kai Bodamer: "35 Quadratmeter wären für mich ausreichend", sagt er. Bundesweit hat Bodamer 20 Apartmenthäuser gebaut - eines davon steht in Berlin-Lichtenberg. Zwischen 21 und 40 Quadratmeter messen die Wohnungen dort; inklusive Küche und Bad.

Auf Gemeinschaftsflächen wie dem Innenhof des iLive-Gebäudes in Berlin sollen sich die Mieter treffen.
Auf Gemeinschaftsflächen wie dem Innenhof des iLive-Gebäudes in Berlin sollen sich die Mieter treffen.

Gerade in den Schwarmstädten Berlin, Köln oder München, wo der chronische Wohnungs- und Platzmangel die Mieten immer schneller in die Höhe treibt, sind Mikro-Apartments zu einem denkbaren Zukunftsmodell geworden. Bett, Schrank, Schreibtisch - viel mehr erwarten Bodamers potenzielle Mieter nicht von ihrem neuen Zuhause. Und der Bauunternehmer kennt seine Zielgruppe sehr genau. "Jeder denkt, das sind nur Studenten", erklärt er, "aber die wesentlich größere Gruppe sind Berufspendler und Singles." Wissenschaftler bestätigen das. Laut einer empirica-Studie aus dem Jahr 2015 für den GdW Bundesverband zieht es immer mehr junge Leute zwischen 20 und 34 Jahren von den ländlichen Regionen in die Städte.

"Dieses neue Wanderungsmuster nennen wir 'Schwarmverhalten'", schreiben die Autoren in ihrer Studie. "Der Begriff soll ausdrücken, dass insbesondere die jüngere Bevölkerung wie Vögel aus den meisten Regionen Deutschlands aufsteigen, als Schwarm in vergleichsweise wenige 'Schwarmstädte' einfallen und dort für knappen Wohnraum sorgen." Wie prekär die Situation mittlerweile ist, zeigte sich im Oktober 2017 im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg: Für die Besichtigung einer 80-Quadratmeter-Wohnung zum Mietpreis von unter 1000 Euro hatten sich 800 Interessenten angemeldet - darunter Bundestagsabgeordnete, "Zahnärzte und Gynäkologen aus Wuppertal oder Köln mit einem nachgewiesenen Einkommen von weit über 20.000 Euro netto", wie Hausverwalter Ralf Harms damals dem Rbb erklärte.

Die Studentenbude im Holzmodul

"Home is where the Wood is": Das Studentenwohnheim "Woodie" in Hamburg.
"Home is where the Wood is": Das Studentenwohnheim "Woodie" in Hamburg.(Foto: Senectus GmbH / Woodie)

Gerade Studenten mit unregelmäßigem Einkommen können bei solch einer Konkurrenz nicht mehr mithalten - und sind auf bezahlbare Alternativen angewiesen. Für sie ist im Hamburger Bezirk Wilhelmsburg vergangenes Jahr in Rekordzeit ein Mikro-Wohnhaus entstanden, das komplett aus vorgefertigten Holzmodulen zusammengesetzt wurde. 371 Studenten finden seit dem Wintersemester 2017/18 im "Woodie" Platz. Und auch wenn bisher nicht alle Mikro-Apartments belegt sind - "die Nachfrage war wahnsinnig groß", sagt Bauherr Torsten Rieckmann. Das liegt auch an der Miete. Für ein voll möbliertes 19-Quadratmeter-Zimmer zahlen Bewohner im "Woodie" monatlich 500 Euro. Heizung, Strom und WLAN inklusive. "Das einzige, was die Mieter mitbringen müssen, ist eine Matratze", so Rieckmann.

Auch die Mikro-Apartments in Berlin-Lichtenberg sind bereits komplett eingerichtet - doch was für flexible Mieter ein klarer Vorteil ist, offenbart auch das größte Manko des modernen Wohnens im Kleinen: Langfristig mindern lässt sich die Wohnungsnot in den Städten dadurch nicht. "Es ist temporäres Wohnen", sagt Kai Bodamer. "Keiner zieht für zehn Jahre in ein Mikro-Apartment ein - dafür ist es zu klein." Wer sich also dauerhaft - mit Kingsize-Bett und Traumküche - einrichten will, ist schließlich doch wieder mit dem angespannten Markt konfrontiert. Platz ist in den Metropolen zum Luxusgut geworden. Und dieses Problem wird sich in Zukunft noch verschärfen. "Die Städte geben es einfach nicht mehr her, dass jeder 80 Quadratmeter hat", sagt Bodamer. Sein Wohnkonzept lebt deshalb vom Teilen.

Wer künftig wohnen will, muss teilen

Wer in eines der Mikro-Apartments in Lichtenberg zieht, darf das hauseigene Fitnessstudio, die Dachterrasse, eine TV-Lounge und den Sportplatz frei nutzen - gemeinsam mit den anderen Mietern. Klingt ein bisschen nach Wohnen wie im Hotel. Und genau so soll es sich auch anfühlen. "Wir haben in jedem Objekt einen 'Community Manager', der die Mieter abends begrüßt, wenn sie von der Arbeit kommen", sagt Bodamer. Sogar Kochkurse, gemeinsame Ausflüge und Studentenpartys organisiert der Hausbetreiber. Was vor sich geht, erfahren die Bewohner über eine Mieter-App. "Wir vernetzen die Leute aktiv miteinander", so Bodamer. Im Optimalfall wirken die eigenen vier Wände dann nicht mehr ganz so klein.

Wie lange das Geschäft mit Mikro-Wohnungen noch boomt, ist allerdings selbst für Experten schwer vorherzusagen. Der Bedarf ist zweifellos da. Für rund 32 Millionen potenzielle Mieter stehen Bodamer zufolge bundesweit nur 2,8 Millionen Mikro-Apartments zur Verfügung. Die explodierenden Bodenpreise und kostenintensive Bauregularien könnten das Bauen allerdings bald unrentabel machen. Schon jetzt, sagt auch Rieckmann, stünden der Mitteleinsatz "und das, was dabei herauskommt, in keinem Verhältnis" - zumindest dann nicht, wenn für potenzielle Mieter mit geringem oder mittlerem Einkommen gebaut wird. Rund 37 Millionen Euro hat das Studentenwohnheim "Woodie" gekostet, zehn Prozent mehr als ein Objekt in weniger nachhaltiger Bauweise. Doch Zuschüsse von der Stadt Hamburg gab es dafür nicht.

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Quelle: n-tv.de