Unterhaltung

Er war "formidable" Adieu, Monsieur Aznavour

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Botschafter des Chansons, seiner Länder, des Lebens: Charles Aznavour.

(Foto: imago/Belga)

Eine Legende ist von der Bühne des Lebens abgetreten - Charles Aznavour. Der unermüdliche Chansonnier steckte auch mit 94 Jahren noch immer voller Tatendrang und Ideen. Er hinterlässt uns großartige Musik und eine Menge Melancholie.

2014 feierte er seinen 90. Geburtstag auf der Bühne der O2-Arena in Berlin. Damals hieß sie noch nicht Mercedes-Benz-Arena, damals saß die AfD noch nicht im Bundestag, an Trump als Präsident der Vereinigten Staaten war nicht zu denken, es gab "die Flüchtlingskrise" noch nicht. Kaum jemand versuchte, die Bundeskanzlerin aus dem Amt zu quatschen, ach, es gab so viele Gründe, warum 2014 die Welt irgendwie noch ein bisschen mehr in Ordnung war als heute.

Meine Mutter saß da ebenfalls im Publikum und es ist anzunehmen, dass sie vor Verehrung für den älteren Herren auf der Bühne, der federnden Schrittes und mit gerader Haltung seine schönsten Chansons zum Besten gab, auf eine mädchenhafte Art und Weise glühte. Wir verabredeten uns, zu Aznavours 95. Geburtstag wieder zu einem Konzert von ihm zu gehen, egal wo auf der Welt. Dazu wird es nun aus mehreren Gründen nicht mehr kommen.  

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Charles Aznavour ist tot - zu hoffen bleibt, dass das Genre "Chanson" nicht mit ihm stirbt. Denn solche unvergleichbaren Typen wie ihn gibt es kaum noch. Im Sommer musste der Franzose mit den armenischen Wurzeln Konzerte absagen, da er sich bei einem Sturz im Frühjahr einen komplizierten Armbruch zugezogen hatte. Das kann ihm ganz und gar nicht gefallen haben, so zur Untätigkeit verdammt zu sein, denn Aznavour war für die Bühne geboren und liebte es, sein Publikum glücklich zu machen.

Die guten Gene

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Mit seiner Frau Ulla 1987.

(Foto: imago/Starface)

Es waren zuletzt nicht mehr 200 Auftritte pro Jahr, sondern eher 20, aber sein Publikum auf der ganzen Welt hielt ihm die Treue und erwartete ihn in Monaco, Großbritannien, Brasilien, Australien, Italien, Deutschland, Argentinien, Asien und natürlich in Frankreich. Er war stolz und dankbar für seine stabile Konstitution, für die er die guten Gene seiner Eltern verantwortlich machte.

Ich persönlich habe natürlich das Gefühl - und mit dem Gefühl bin ich garantiert nicht alleine - dass Schritt für Schritt alle abtreten, die einem mal etwas bedeutet haben. Das ist der Lauf der Dinge, stimmt, und dennoch ist ein bisschen Wehmut vielleicht erlaubt. Es ist tragisch, wenn sich Endzwanziger das Leben nehmen, wenn der Tod in der Mitte des Lebens zuschlägt, und ja, Charles Aznavour hatte ein langes Leben, sicher auch ein gutes Leben: Drei Ehefrauen, sechs Kinder, unzählige Hits (etwa 200 Millionen Platten von ihm wurden weltweit verkauft), Auszeichnungen, Häuser. Und Möglichkeiten, für andere Gutes zu tun. Und dennoch ist es traurig, wenn einer, der so voller Energie war, der immer geben und wenig haben wollte, nun nicht mehr da ist.

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Eine besondere Ehre!

(Foto: imago/Future Image)

"Das ist untrennbar"

Stets hatte man das Gefühl, man möchte ihn in den Arm nehmen, so klein war er, so zart wirkte er - und doch so zäh. Seine Augen, voller Melancholie, die Augenbrauen immer ein wenig kummervoll zusammengezogen, als wüsste er um die Gräueltaten, die seine Eltern aus ihrem Land hatten fliehen lassen. Als kleiner Junge bereits sang er in ihrem Restaurant in Paris - und er sollte nicht mehr aufhören. Wenn er nicht sang, komponierte er. Und wenn er das nicht tat, dann schauspielerte er - und wurde 2017 mit einem Stern auf dem Hollywood Walk of Fame belohnt. Dieser Preis bedeutete ihm viel, ist er doch einer der wenigen Franzosen, dem diese Ehre zuteil wurde. In seiner Rede sagte der damals 93-Jährige: "Ich bin Franzose. Und ich bin Armenier, beides ist untrennbar, wie Kaffee und Milch." Als armenischer Botschafter in der Schweiz und Vertreter des Landes bei den Vereinten Nationen in Genf legte er Wert darauf, Europäer zu sein. Immer wieder betonte er, dass die Mischung wichtig sei.

Wenn ein Mensch mit 94 Jahren stirbt, dann hat er viel erlebt. Charles Aznavour hat garantiert viel erlebt auf seinem Weg: das Kind armer, armenischer Immigranten aus dem Künstlerviertel Quartier Latin wurde, mit seinem unverkennbarem Timbre in der leicht brüchigen Stimme, zu einem der größten Chansonniers. Er hat viel dafür getan, dass die Welt ein bisschen besser, ein bisschen schöner ist mit seiner Musik, und auch mit den Filmen, die ihn unsterblich machen.

Ich bin froh, ihn live gesehen zu haben, ich habe die besten Erinnerungen. Merci.

Quelle: n-tv.de

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