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Lindenbergs Auftritt im Palast der Republik Als Udo den Oberindianer besuchte

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15 Minuten vor 4200 FDJlern: Udo Lindenberg im Palast der Republik.

(Foto: picture alliance / dpa)

30 Jahre ist es nun her, dass Udo Lindenberg im Palast der Republik in Ostberlin auftreten durfte. Dass der Rocker aus dem Westen im Allerheiligsten der DDR singen darf, ist damals eine Sensation. Stasi-Akten zeigen die Sicht des Regimes auf den Besuch der "Nachtigall".

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Mittlerweile ist Udo Lindenberg 67 Jahre alt.

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Dort, wo es passierte, stehen heute riesige Kräne und Bagger. Vom Schauplatz des denkwürdigen Konzerts, dem Palast der Republik in Berlin-Mitte ist nichts mehr zu sehen. Touristenmassen umströmen die Baustelle und bleiben vielleicht einen Moment bei einem der zahllosen Straßenmusiker auf dem nahegelegenen Alexanderplatz stehen. Als Udo Lindenberg dort Anfang der 80er Jahre auftaucht, ist das noch ganz anders. Hunderte Fans erwarteten ihn vor dem Palast und jubeln, als der Westrocker plötzlich vor ihnen steht.

Wenig später soll er drinnen ein Konzert geben, vor 4200 ausgesuchten FDJlern. Doch die echten Fans, die warten draußen. "Das war echt 'ne Konfliktsituation", sagt Lindenberg, mittlerweile 67, heute in einem Interview. 30 Jahre ist das nun auf den Tag genau her - die DDR mit all ihren Zwängen ist Geschichte, und das Konzert von Lindenberg ist eine der Geschichten, an die sich viele gerne erinnern. Wie die Stasi das Ereignis sah, zeigt eine Broschüre, die der Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen herausgeben hat.

Denn es war eine Sensation, dass er überhaupt in der DDR auftreten durfte. Jahrelang hatte er mit Songs wie "Mädchen aus Ostberlin" und "Sonderzug nach Pankow" über die deutsche Teilung gesungen - vor allem letzterer Song war eine gesungene Bewerbung an den SED-Generalsekretär Erich Honecker, auch vor seinen Fans im Osten auftreten zu dürfen.

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Mit diesem Sonderzug wollte Lindenberg 2003 gegen die Mauer in den Köpfen protestieren.

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Denn die DDR-Führung kontrolliert genau, wer in ihrem Staat auftreten darf und wer nicht. Und Udo Lindenberg bricht mit seinen Songs regelmäßig DDR-Tabus. Schon zehn Jahre vor seinem Auftritt im Palast der Republik, singt er in seiner Ballade "Mädchen aus Ostberlin" über zwei Verliebte - einen jungen Mann aus Westberlin und ein Mädchen aus dem Osten, die die Mauer daran hindert, zusammenzubleiben. "Da muss doch auf die Dauer was zu machen sein", heißt es in dem Lied.

Honecker ist der "Oberindianer"

In "Sonderzug nach Pankow" nennt Lindenberg dann Honecker den "Oberindianer" der DDR und schlägt ihm vor, gemeinsam ein wenig Cognac zu schlürfen. Das ist zu viel des Guten für die verknöcherten Herren im Politbüro. Die Passagen seien geeignet, "die persönliche Würde eines Menschen grob zu verletzen und zugleich das gesellschaftliche Ansehen des Vorsitzenden des Staatsrates der DDR wegen seiner staatlichen Tätigkeit herabzusetzen", heißt es in einer "rechtlichen Einschätzung" der Stasi. Eine Verbreitung des Liedtextes in der Öffentlichkeit stelle somit "objektiv eine Straftat der Beleidigung (…) dar".

Sonderlich beeindruckt ist das Regime offenbar nicht von der selbst ernannten "Nachtigall". Die Stasi fasst Leben und Werk so zusammen: "Seit 1972 wird er insbesondere durch die BRD-Zeitschrift 'Bravo' publizistisch als 'Star' im sogenannten Show-Geschäft aufgebaut. Entsprechend dieser Popularisierung in der BRD gibt er sich als gleichgültiger, pessimistischer Mensch und tritt betont anarchistisch auf. Diese Haltungen spiegeln sich in seiner abgetragenen Kleidung, der Frisur, den Texten seiner Lieder sowie im Verhalten gegenüber anderen Schlagersängern der BRD wider." Im Übrigen sei er ein "mittelmäßiger Schlagersänger", an dem kein Interesse bestehe.

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Sechs Jahre vor dem Konzert: Lindenberg bei einem Besuch in Ostberlin im Jahre 1977.

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Dass Lindenberg schließlich tatsächlich auftreten darf, hat er aber vor allem seinem Konzertmanager Fritz Rau zu verdanken. Der handelte mit der DDR-Führung einen Deal aus: Er verschafft ihnen den in den USA für den Frieden singenden Harry Belafonte, dafür müssen sie auch Udo Lindenberg auftreten lassen. Das Politbüro willigt schließlich ein. Denn die Gelegenheit ist günstig: Nach dem Nato-Doppelbeschluss erstarkt im Westen die Friedensbewegung, 1983 schließen sich ihr mehr Menschen an als je zuvor. Eine gute Gelegenheit für die DDR, jungen Menschen in West und Ost auf ihre Seite zu ziehen.

Dazu sollte ein Friedensfest am 25. Oktober 1983 dienen, zu dem auch westliche Künstler eingeladen werden. Lindenberg soll im Anschluss an das Konzert sogar in der DDR auf Tour gehen dürfen. Dafür muss er aber auf den "Sonderzug nach Pankow" verzichten. Der Sänger lässt sich darauf ein, zumal er ja nun tatsächlich auftreten darf. Das Medienecho ist riesig, die Fans folgen ihrem Idol auf Schritt und Tritt. Vor dem Palast der Republik wird das Auto, in dem Lindenberg sitzt, von den Fans "fast zerdrückt", wie es in einem Stasi-Bericht heißt. FDJ-Chef Erich Krenz trinkt mit ihm sogar ganz lässig eine Buttermilch.

Verdutzte "Controllettis"

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Am Potsdamer Platz in Berlin läuft mittlerweile ein Udo-Lindenberg-Musical. Titel: Mädchen aus Ostberlin. 2011 posiert der Star mit den Hauptdarstellern Josephin Busch (M.) und Serkan Kaya (l.).

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Dass Lindenberg auch zu den draußen auf ihn wartenden Fans spricht, war aber nicht geplant. Den Weg zu ihnen fand er mit einem Trick. Lindenberg im Interview: "Wir gingen backstage da lang und ich sagte, dass ich mal kurz für kleine Jungs müsste. Mein Controlletti meinte: 'Ja, trifft sich gut, ich muss auch.' Da sind wir zusammen aufs Klo, allerdings musste der in der Tat, ich aber nicht. Ich bin dann gerannt - ganz schnell der kleine Speedy Gonzales mit Hut, vorbei an den ganzen hochverdutzten Controllettis - nach draußen zu den echten Panikern auf'm Platz vorm Palast. Denen hab ich dann zugerufen: 'Ey, wir haben den Vertrag für die Tournee durch die gesamte DDR in der Tasche!' Darum ging's mir ja im Wesentlichen."

Doch daraus wird nichts. Denn während des Konzerts macht sich Lindenberg bei den DDR-Oberen mit einer kleinen Ansprache unbeliebt. Sie stoßen sich an seinem Aufruf: "Weg mit allem Raketenschrott - in der Bundesrepublik und in der DDR." Das ist zu viel, seine Tour durch die DDR kann er vergessen. Schon während des Konzerts fragt sich der Sänger und gelernte Trommler, ob das alles so richtig war. Beim großen Finale begibt er sich ans Schlagzeug, während vorne Harry Belafonte singt.

In sich gekehrt sitzt er da, der Nachrichtenagentur dpa sagte er:  "Ich fühlte mich in dem Moment auch sehr allein. Ich wollte mich nicht einreihen in diese Friedensidylle mit den anderen, habe mich also im großen Finale ans Schlagzeug zurückgezogen, meinen eigenen Streifen gemacht. Und das alles noch einmal reflektiert: War es cool, den Auftritt gemacht zu haben, oder vielleicht nicht ganz richtig?" Die Frage hat er sich mit Ja beantwortet – allerdings nur, weil der Auftritt der Türöffner für die anschließend geplante Tour sein sollte. Der Panik-Rocker sagt heute: "Da war immer ein lachendes und ein weinendes Auge, später vor allem nur noch das weinende."

Fans reihenweise festgenommen

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Legendäres Treffen: Lindenberg (l.) überreicht Honecker eine Gitarre mit der Aufschrift "Gitarren statt Knarren".

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Denn viele seiner Fans müssen nicht nur auf ein Konzert ihres Stars verzichten, sondern auch auf ihre Freiheit. Dutzende Jugendliche nimmt die Volkspolizei fest, nur weil sie vor dem Palast der Republik auf Lindenberg warteten. Auch davon zeugen die Stasi-Akten. Die Einsatzkräfte hatten den Auftrag "Provokation und andere negativ-feindliche Handlungen, die sich gegen den Charakter und gegen den ordnungsgemäßen Ablauf der Veranstaltung richten, frühzeitig zu erkennen und zu verhindern".

Ein Jugendlicher berichtet von seiner Festnahme, wie andere Jugendliche geschlagen wurden. "Ich habe Jugendliche heulen und physisch und psychisch zusammenbrechen sehen. Ich habe 'Volkspolizisten' mit Lust und Genugtuung mit dem Knüppel zuschlagen sehen, ich habe feststellen müssen, daß bei der "Deutschen Volkspolizei unter anderem faschistische Schläger beschäftigt sind", schreibt er in einem Bericht.

Vier Jahre später treffen der Sänger und der Staatsratsvorsitzende dann von Angesicht zu Angesicht aufeinander. Diesmal im Westen: Auch dies eine legendäre Begegnung. Lindenberg überreicht Honecker am 9. September 1987 in Wuppertal eine Lederjacke und eine E-Gitarre mit der Aufschrift "Gitarren statt Knarren". Honecker revanchierte sich mit einer Schalmei. Zu diesem Zeitpunkt rechnete noch niemand damit, dass die DDR schon bald untergehen würde. Auf die Dauer war da eben doch etwas zu machen, wie Lindenberg schon 1973 vermutet hatte.  

Quelle: n-tv.de, mit dpa

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