Die Art Dubai trotzt der Krise "Die Welt schaut auf uns, um sich inspirieren zu lassen"
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Dubai ist längst mehr als eine glitzernde Metropole aus Wolkenkratzern und Luxusmalls. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich das Emirat zu einem der Kulturzentren im Nahen Osten entwickelt. Die 2007 gegründete Art Dubai hat diesen Weg maßgeblich geprägt. Aufgrund der aktuellen geopolitischen Spannungen stand die 20. Ausgabe der wichtigsten Kunstmesse der Region kurzzeitig vor dem Aus. Nun hat sie am letzten Wochenende doch ihre Türen geöffnet – als modifizierte "Special Edition", die ein Statement für kulturelle Resilienz und Gemeinschaftssinn setzt. Im Interview mit ntv.de spricht Direktorin Dunja Gottweis über die Kraft der Kunst in Krisenzeiten und darüber, warum die internationale Kunstwelt nach Dubai blickt, um sich inspirieren zu lassen.
ntv.de: Nach der Absage des ursprünglichen Termins im April findet die Art Dubai in diesem Jahr in angepasstem Format statt. Inwiefern unterscheidet sich die diesjährige Ausgabe der Messe zu den Veranstaltungen der letzten Jahre und wie sehr haben die Spannungen in der Region die Vorbereitungen beeinflusst?
Dunja Gottweis: Nach den Geschehnissen am 28. Februar mussten wir uns natürlich erst mal sammeln. Wir haben etwa zwei Wochen gebraucht, um uns mit unseren Partnern zusammenzusetzen und zu sehen, ob der Appetit da ist, überhaupt weiterzumachen. Schnell waren sich alle einig: "Lasst uns das unbedingt machen! Es ist wichtig, dass die Region Präsenz zeigt und echten Gemeinschaftssinn beweist. Dubai ist bereit fürs Geschäft – also packen wir es an!" Und das hat auch geklappt, denn wir hatten nie zuvor so viele Ausstellungen und eine so enge Zusammenarbeit mit Institutionen aus der Region wie in diesem Jahr.
Wie fühlt es sich an, nach der Verschiebung aufgrund der Konflikte nun endlich die Türen der Art Dubai zu öffnen?
Großartig! Die erfüllendste Erfahrung meines Lebens. Die Hallen waren vom ersten Moment an voll und wirklich jeder ist gekommen. Alle Sammler, alle Kuratoren, jeder, der mit der Art Dubai aufgewachsen ist und jetzt in Dubai ist, war hier. Und jeder ist froh, dass man so ein Event hat, bei dem man zusammenkommen kann.
Kann Kunst in Zeiten des Krieges und der Unsicherheit eine Brücke schlagen, die die Politik nicht bauen kann?
Ich glaube, wenn solche Dinge passieren, die oft nur schwer in Worte zu fassen sind, dann wendet man sich gerne der Kunst zu. Es war wichtig, einen Anlass zu haben, zusammenzukommen — etwas mit Bedeutung, etwas, das auch in Worten Sinn ergibt, das einen wirklichen Purpose hat. Und ich glaube, die Community hier hat das sehr dankbar angenommen. Die Rückmeldungen sind unglaublich erfüllend und berührend.
Dubai verbinden die meisten Menschen auf Anhieb eher mit Wolkenkratzern und Shoppingmalls. Wie groß ist die Kunstszene des Emirats und wie wichtig ist diese auch für die gesamte Region?
Auch ich war zunächst sehr überrascht davon, wie groß und lebendig die hiesige Kunst- und Kreativszene ist. Als die Art Dubai vor 20 Jahren anfing, gab es hier gerade einmal zehn Galerien – mittlerweile sind es über 40. Dasselbe gilt für die Institutionen, die zeitgleich mit der Art Dubai gewachsen sind und mit denen wir heute eng zusammenarbeiten. Dubai ist wirklich ein Ort, wo Künstler ihre Studios haben und wo Kuratoren leben. Ich sage immer: Die Art Dubai ist in den letzten 20 Jahren mit ihrer Community gewachsen, und die Community ist mit der Art Dubai gewachsen.
Bevor Sie nach Dubai kamen, waren Sie zwölf Jahre bei der Art Basel tätig, zuletzt als Global Head of Gallery Relations und Mitglied des Management Boards. Wie würden Sie die Bedeutung des Kunstmarkts in Dubai im globalen Vergleich beschreiben?
Ich habe das Gefühl, dass die internationale Kunstwelt derzeit ein wenig auf unsere Region blickt, ganz nach dem Motto: ‚Oh, das ist ja alles so neu!‘ Dabei wird oft vergessen, dass sich diese Szene nicht über Nacht entwickelt hat, sondern über die letzten 20 Jahre stetig gewachsen ist. Eine weitere sehr interessante Entwicklung, die wir gerade beobachten: Früher mussten Künstler aus der Region oft erst in westlichen Institutionen ausgestellt werden, um quasi validiert zu werden. Das hat sich mittlerweile komplett gewandelt, da die hiesigen Institutionen eine völlig neue Relevanz erlangt haben. Heute schaut die Welt vielmehr auf uns, um sich inspirieren zu lassen.
Mit rund 75 Präsentationen lokaler Künstler liegt ein starker Fokus auf der Region – ca. 60 Prozent der Galerien kommen aus dem Nahen Osten. Ist das eine bewusste kuratorische Entscheidung oder eine Reaktion auf die aktuelle Reisesituation?
Das war eigentlich schon immer so. Die Art Dubai war stets "regionally rooted, globally connected". Das Verhältnis von regionalen zu internationalen Galerien lag immer bei etwa 60 zu 40 – mal etwas mehr, mal etwas weniger. Das war für uns enorm wichtig und ist ein starkes Zeichen dafür, wie stabil der Kunstmarkt und die Kunstszene hier sind – und welche weltweite Bedeutung die Entwicklungen hier in Dubai und den Vereinigten Arabischen Emiraten haben.
Ein interessanter Punkt ist das neue "Risk-Sharing-Modell" für Galerien, bei dem Standkosten erfolgsbasiert gezahlt werden. Inwiefern hat die aktuelle geopolitische und wirtschaftliche Unsicherheit durch den Konflikt bei dieser Entscheidung eine Rolle gespielt?
Das war natürlich eine direkte Reaktion auf die aktuellen Entwicklungen. Wir haben auf ein Modell gesetzt, das die Art Dubai bereits während der Coronapandemie erfolgreich getestet hat. Im Grunde müssen keine Standgebühren im Voraus gezahlt werden, sondern nur auf Erfolgsbasis. Konkret heißt das: Von jedem verkauften Werk bleiben 50 Prozent bei der Galerie, die anderen 50 Prozent gehen an die Messe – bis die reguläre Standgebühr gedeckt ist. Das hat das Risiko für die Teilnehmer natürlich minimiert, aber vor allem gezeigt, wie sehr wir an den gemeinsamen Erfolg glauben.
Sprechen wir mal etwas konkreter über die diesjährige Ausgabe der Art Dubai. Wie ist die Art Dubai 2026 aufgebaut und welche thematischen Schwerpunkte setzen Sie in dieser Special Edition?
Das Motto der diesjährigen Art Dubai lautet: "Die Dinge, die wir gemeinsam tun" – ein Leitgedanke, der sich in all unseren Bereichen widerspiegelt. Sei es das Modell der Risikoteilung, die Zusammenarbeit mit den Partnern oder auch die Galerien und ihre Künstler, die wirklich Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt haben, um etwas Bedeutungsvolles zu erschaffen. Wir haben Galerien, die historische Werke präsentieren, und solche, die junge, aufstrebende Talente zeigen. Ebenso sind etablierte Künstler dabei, wie Nabil Nahas oder Farah Al Qasimi. Es gibt aber auch einen Bereich für Newcomer. Hinzu kommt unser Digitalsektor, den wir vor fünf Jahren als weltweit erste internationale Kunstmesse eingeführt haben und der nun sein fünfjähriges Jubiläum feiert. Erst jetzt ziehen andere Messen nach und integrieren ebenfalls digitale Sektionen. Das beweist, wie vorausschauend, zukunftsorientiert und innovativ die Art Dubai ist.
Wenn die Besucher nach diesen drei Tagen die Messe verlassen: Welches Gefühl oder welche Erkenntnis sollen sie idealerweise mit nach Hause nehmen?
Am schönsten finde ich es immer, wenn man auf der Messe Neues entdeckt und sie mit dem Gefühl verlässt, etwas gefunden zu haben, von dem man gar nicht wusste, dass man danach gesucht hat. Etwas, das den Alltag bereichert.
Vielen Dank für das Gespräch.
Mit Dunja Gottweis sprach Helena Sonntag