Unterhaltung
Cyndi Lauper, noch immer mit rosa Haaren - herrlich!
Cyndi Lauper, noch immer mit rosa Haaren - herrlich!(Foto: dpa)
Samstag, 02. Dezember 2017

"Ich bin eine Drag Queen!": Cyndi Lauper über "Kinky Boots"

Cyndi Lauper sitzt in einem Hotel in Hamburg und ihr rosa gefärbtes Haar erinnert immer noch an die schrille Pop-Nudel, die in den Achtzigern mit Hits wie "Girls Just Wanna Have Fun" die Charts aufmischte. Mit ihrem Debüt "She’s So Unusual" wurde sie zur ersten Sängerin, die vier Top-5-Singles aus einem Album veröffentlichte: "Girls Just Wanna Have Fun", "Time After Time", "She Bop", "All Through The Night"). 1985 wurde sie als beste neue Künstlerin mit dem Grammy ausgezeichnet. Desillusioniert vom Musikbusiness wandte sie sich Ende der Achtziger dem Schauspiel zu, spielte später auch Gastrollen in "Die Simpsons", "Queer As Folk", "Gossip Girl" und "Bones". Lauper hat über 30 Mio. Platten verkauft. Diesmal ist sie aber auf Interviewreise, um über das Broadway-Musical "Kinky Boots" zu sprechen, für das sie die Musik geschrieben hat. Am 4. Dezember feiert es in Hamburg Deutschland-Premiere. In dem Stück geht es um die wahre Geschichte eines Schuhfabrik-Erben, der das marode Familienunternehmen vor dem finanziellen Ruin bewahren will. Mit Hilfe der Drag Queen Lola stellt er das Sortiment auf stabile High Heels für den Mann um - sehr zum Missfallen einiger Angestellter. Im n-tv.de-Gespräch erzählt die 1953 als Cynthia Ann Stephanie Lauper in Queens, New York geborene Künstlerin immer noch so verstrahlt wie einst von Drag Queens, Schuhticks und ihrer Vorliebe für die Songs von Nena!

Aber wen interessieren die Schuhe bei solchen Beinen?
Aber wen interessieren die Schuhe bei solchen Beinen?(Foto: ASSOCIATED PRESS)

n-tv.de: Mrs. Lauper, früher sollen Sie wegen Ihrer Klamotten mit Steinen beworfen worden sein!

Cyndi Lauper: Ja, als ich frisch vom College kam. Es waren die Leute aus der Nachbarschaft. Da existierte viel Kleingeistigkeit. Sie hielten mich für einen Freak. Also warfen sie mit Steinen nach mir. Aber genau das inspirierte mich zu meinem ersten Album "She's So Unusual". Ich empfand meinen Stil immer als spannend, sehr viktorianisch. Ich habe Vivien Westwood geliebt. Später auch Alexander McQueen, der ähnlich Schnitte und Formen kreierte.

Wie viel von der "Girls Just Wanna Have Fun"-Sängerin steckt heute noch in Ihnen?

Ich war damals ja schon 31, als der Song zum Hit wurde. Der Typ, der mir seinerzeit die Haare und das Make-up machte, ist heute Maler. Ich wollte ständig, dass er mein Gesicht bepinselt. Ich war quasi seine erste Leinwand. Ich war ziemlich verrückt, aber bin es eigentlich heute noch.

Sie sagten einmal, dass Sie sich wie eine Drag Queen fühlen. Die spielen ja auch in "Kinky Boots" eine Rolle.

Das kommt auf die Definition des Begriffs Drag Queen an! Für mich ist es eine Form der darstellenden Kunst: Man zieht sich ein Korsett an, ändert seine Haarfarbe, malt sich den Mund und die Augen, die man immer haben wollte. Was ich als Popkünstlerin tat, war eine Illusion davon, wie ich gerne ausgesehen hätte. In diesem Sinne bin ich eine Drag Queen. Ich bin die Ehrenvorsitzender aller Drag Queens. (lacht) 

Bei "Kinky Boots" dreht sich viel um Schuhe. Haben Sie einen Schuhtick?

Machen Sie Witze? Natürlich! Für das Musical habe ich den Song "The Sex Is In The Heel" geschrieben. Ich saß damals in einer Tapas-Bar, als mir der Titel einfiel. Stilettos können schön ein Fetisch sein. Ich sage immer: Es gibt Katholizismus, Marxismus, Sexismus, und es gibt Stilettoismus. (lacht)

Erinnern Sie sich an ein besonderes Paar?

Schuhtick? Wie kommen Sie denn darauf?
Schuhtick? Wie kommen Sie denn darauf?(Foto: REUTERS)

Als ich Kurse am Kunst-College belegte, bekam ich von der Tochter einer der lehrenden Künstler mein erstes Paar hochhackige Schuhe geschenkt. Sie waren vorne offen, und ich meinte: "Es ist Winter, die kann ich doch nicht anziehen." Aber sie entgegnete: "Natürlich. Schuhe sind Lebensstil!" Ich dachte darüber nach und sagte mir: Verdammt, es stimmt. Später habe ich sogar meine eigene Kunst mit Schuhen gemacht.

Wie das?

Als ich 1985 bei den American Music Awards mit dem Prince-Song "When You Were Mine" auftrat, stand ich vor einer Skulptur aus Schuhen. Ich hatte sie selbst mitgestaltet. Und wieder 25 Jahre später bekam ich einen Anruf von Autor Harvey Fierstein, der mich fragte, ob ich für ein Musical Songs über Schuhe schreiben könnte. Da sagte ich mir: Wenn ich eine Skulptur mit Schuhen machen kann, kann ich auch Musik darüber schreiben!

Sie selbst wurden zwei Mal mit dem wichtigsten aller Musikpreise ausgezeichnet. Welcher Grammy bedeutet Ihnen mehr: Den, den Sie als Popsängerin erhielten, oder den für die Musik zu "Kinky Boots" im Jahr 2014?

Eindeutig der für das Musical! Denn an dem Abend war ich total entspannt und konnte es wirklich genießen. 1985 war ich gleich fünf Mal für den Grammy nominiert, und es war schrecklich. Jedes Mal wenn ich in einer Kategorie leer ausging, fühlte ich, wie mich der ganze Saal anstarrte, weil sie alle die Erwartung hatten, dass ich wie Michael Jackson das Feld von hinten abräume. Aber im Gegensatz zu all den Poptitanen, gegen die ich antreten musste, hatten meine Videos keine Millionen Dollar gekostet, sondern waren als Low-Budget-Produktionen entstanden. Da konnte ich nicht mithalten. Aber ich gewann den Grammy als "Beste neue Künstlerin". Ich hatte auch hart genug dafür gearbeitet.

In den Achtzigern galten Sie und Madonna als Konkurrentinnen. Beneiden Sie Madonna, die immer noch als Popstar aktiv ist?

Nein, ich bin glücklich mit meinem Leben. Ich habe einen wundervollen Sohn, der als HipHop-Künstler seinen eigenen Weg geht. Ich habe einen Mann, einen Hund, einen Hundesitter, eine großartige Mutter, eine großartige Schwester und einen Bruder, mit denen ich viele schöne Erfahrungen teile. Und ich denke, Madonna ist sehr glücklich mit dem, was sie tut.

Auf der Reeperbahn nachts um halbeins ...
Auf der Reeperbahn nachts um halbeins ...(Foto: dpa)

Wie war das denn damals für Sie?

Ich kann mich noch gut an eine Anzeige von damals erinnern, in der stand: "Madonna wird Cyndi Lauper das Fürchten lehren". Madonna trug ein Korsett und machte auf Braut. Sie war wie eine andere Version von mir. Aber ich kam damit klar. Ich trug Korsetts vermutlich aus einem anderen Grund als sie: Ich hatte nie eine großartige Figur, aber so stimmte die Silhouette.

Der Film "Kinky Boots" stammt aus dem Jahr 2005. Das Musical feierte 2012 in Chicago Premiere. Ist die Botschaft der Toleranz seither noch wichtiger geworden?

Oh, ja. Man muss sich ja nur mal umgucken auf der Welt, um zu wissen, dass es so ist. Manche glauben, dass es darum geht, andere Leute zu akzeptieren für das, was sie sind. Tatsächlich geht es aber darum, dich selbst zu akzeptieren für das, was du bist! Das macht einen Unterschied! Denn erst wenn du dich selbst akzeptierst, kannst du auch tolerant gegenüber anderen sein.

Trotzköpfchen ...
Trotzköpfchen ...(Foto: Cyndi Lauper, Crystals, New York, 1986)

Haben Sie das auch an sich selbst gemerkt?

Schon! Es ist doch so: Manchmal ist genau das, was uns an anderen Leuten nervt, das, was wir selbst an uns nicht mögen. Aber sobald du dich selbst annehmen kannst und dein Herz geerdet ist, wird es dir egal sein, was andere Leute mit ihrem Leben anstellen. Toleranz ist immer eine Sache der eigenen Einstellung.

"Kinky Boots" hat schon in einigen Theatern rund um den Globus Premiere gefeiert. Waren Sie immer zugegen, so wie dieses Wochenende in Hamburg?

Fast immer. Südkorea und Japan habe ich ausgelassen, weil ich von der Übersetzung der Texte eh nichts verstanden hätte. Aber eine deutsche Fassung von "Kinky Boots" zu sehen, ist für mich sehr aufregend. Ich hatte vor zehn Jahren mein Broadway-Debüt als Jenny in "Die Dreigroschenoper". Ich fühle einen Bezug zur deutschen Sprache. Außerdem war ich früher ein riesiger Nena-Fan! Nina Hagen, Udo Lindenberg, Trio und Falco mit "Der Kommissar" fand ich auch immer toll.

Hatten Sie in den Achtzigern gemeinsame Auftritte mit diesen Künstlern?

Nein, ich habe einfach nur ihre Musik gehört und geliebt. Ich war mal bei einem amerikanischen Oktoberfest zu Gast. Und die Leute fragten mich: "Was kannst du denn auf Deutsch singen?" Da habe ich "99 Luftballons" angestimmt.

Woran arbeiten Sie gerade?

Ich bin wohl auf den Geschmack gekommen: Ich bin gerade dabei, für die Musical-Adaption von "Die Waffen der Frauen" (Original-Titel "Working Girl", Anm. d. Red.) nach einer Filmkomödie von 1988 mit Melanie Griffith in der Hauptrolle die Musik zu schreiben.

Mit Cyndi Lauper sprach Katja Schwemmers

Das Musical "Kinky Boots" läuft ab 4.12., dienstags bis sonntags im Operettenhaus in Hamburg.

Quelle: n-tv.de