Unterhaltung

Zum Tod von Leonard Cohen Der letzte Poet

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"Ich beende gern Dinge, die ich angefangen habe." Leonard Cohen (21.9.1934 - 7.11. 2016)

(Foto: imago/CordonPress)

Leonard Cohen wurde durchaus alt. 82. Ein gesegnetes Alter, sagt man. Aber man wird ja mal traurig sein dürfen, dass einer der größten Songwriter und Gentlemen nicht mehr unter uns ist. "Hallelujah" und: "So long, Leonard!"

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Lover Lover Lover

(Foto: imago/United Archives International)

2016 - gut, dass dieses Jahr bald Geschichte sein wird! Es tut einem leid um all die Menschen, die in diesem Jahr irgendetwas Besonderes erlebt haben, denn dieses Jahr war bisher summa summarum einfach nur grässlich. So viele großartige Menschen sind von uns gegangen. Abgesehen von den Toten, die wir jedes Jahr beklagen müssen, durch Krieg, Hungersnot und Mord. "You Want It Darker" heißt Leonard Cohens letztes, erst vor ein paar Wochen erschienenes Album. Nein, wir wollen es nicht dunkler, es ist dunkel genug. Aber da, wo er jetzt hingegangen ist, dort wird es heller, denn dieser lässige alte Sonnyboy mit dem melancholischen Zug um den Mund, seinem Hut und seiner sanften, tiefen Stimme wird es dort, wo auch immer er jetzt ist, erhellen. Erhellen mit Musik, die immer gültig ist, Musik, die wir hier auf Erden zum Glück weiterhin anhören können. Mit Texten, die so bitter-süß sind, dass sie einem die Tränen in die Augen treiben.

Leonard Cohen war ein schöner Mann. Nicht nur, weil er gut aussah - Armeen von Frauen dürften ein Lied davon singen können, wie gut er aussah - und auch nicht nur, weil er so wunderbare Musik machte. Frauen waren eines seiner Hauptthemen: sie hießen "Suzanne", "Marianne" oder auch "Joan Of Arc" und "Winter Lady", er versprach ihnen "I'm Your Man" zu sein, ihr "Lover Lover Lover", "Memories" und "The Future". Leonard Cohen war so ein insgesamt schöner Mensch. Sanft. Bescheiden. Gut gekleidet. Er hatte eine Silhouette, die man sofort erkannte. Er war ein Gentleman, was auch immer das im einzelnen bedeutet. In den Siebzigern, als er seine ersten Konzerte in Deutschland gab, war man infiziert von diesem Zauberer, dem Sohn jüdischer, wohlhabender Eltern, der mit seinen Texten nicht einfach nur Musik schrieb, sondern kleine Novellen für die Ewigkeit hauchte.

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Traveling light like we used to ...

(Foto: imago/ducks)

Was soll man sagen? Er hat alles gesagt, wie in "Traveling light": "It's au revoir/ My once so bright/ My fallen star/ I'm running late/
They'll close the bar/ I used to play/ One mean guitar/ I guess I'm just/ Somebody who/ Has given up/ On the me and you/ I'm not alone/ I've met a few/ Traveling light like/ We used to do."

Marianne, die Schöne und Weise

Leonard Cohen sagte in einem Interview anlässlich seines unlängst erschienenen 14. Studioalbums "You Want It Darker", dass er "bereit sei für den Tod", und thematisiert das auch in eben jenem Song. Zwischen 2008 und 2013 befand Cohen sich allerdings ununterbrochen auf Tour, als wüsste er, dass er die Zeit ausnutzen muss. Aufgrund seiner schwindenden Gesundheit hielt er selbst es irgendwann jedoch für eher unwahrscheinlich, dass er weiterhin auf Tour gehen könne, erzählte er dem Magazin "The New Yorker". Außerdem sei fraglich, so erzählte er weiter, ob es nach "You Want It Darker" noch ein weiteres Album geben wird. Das dem nicht so sein wird, ist nun traurige Gewissheit. Songmaterial existiere zwar, sagt er, doch nach dem Tod von Marianne fehle ihm schlichtweg die Kraft.

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"Songs from a Room" - mit Marianne auf dem Backcover ...

Marianne - seine Muse: Marianne Ihlen lernte er in den Sechziger Jahren auf der griechischen Insel Hydra kennen und lieben. Dieses Jahr erst verabschiedete er sich von ihr: Am 29. Juli ist Marianne Ihlen im Alter von 81 Jahren in Norwegen gestorben. Kurz vor ihrem Tod schrieb er seiner Freundin noch einen ausführlichen, rührenden Brief: "Marianne, wir sind nun beide in dem Alter angekommen, da unsere Körper langsam anfangen, zu vergehen - und ich denke, dass ich dir bald folgen werde."

Und weiter: "In dem Wissen, dass ich so nah bei dir bin, kannst du einfach deine Hand ausstrecken, und ich denke, du wirst meine erreichen. Du weißt, dass ich dich immer für deine Schönheit und deine Weisheit geliebt habe, aber ich muss gar keine Worte mehr darüber verlieren, denn du weißt das alles schon. Aber jetzt wünsche ich dir eine gute Reise. Good Bye, meine liebe Freundin. In unendlicher Liebe, ich sehe dich ganz bald." 

Leonard Cohen rechnete mit dem Tod und hatte augenscheinlich seinen Frieden damit gemacht: "Ich denke nicht, dass ich diese Songs jemals fertigstellen werde. Oder vielleicht doch? Vielleicht raffe ich mich noch einmal auf, ich weiß es nicht. Aber ich will mich nicht an einer spirituellen Strategie festklammern. So etwas tue ich nicht. Ich habe noch Dinge zu erledigen, bin aber bereit zu sterben. Ich hoffe, es wird nicht zu unangenehm." Cohen hoffte außerdem, dass er vor seinem Tod noch alles erledigen kann: "Ich bin ein ordentlicher Typ. Ich beende gerne Dinge, die ich angefangen habe. Falls ich es nicht schaffe, ist das aber auch okay." Für seine Fans ist das nicht ok. Zum Glück hinterlässt er seine Musik, an der wir uns auch weiterhin festhalten dürfen.

Tanzen, Demokratie und Schnee

Noch eine - zugegeben, recht spirituelle - Bitte an 2016: Überrasche uns! Lass dir was einfallen!! Die Toten können wir nicht wieder zum Leben erwecken, aber wir hätten ein paar Ideen: Kinderehen gehören verboten, egal, was ein Justizminister sagt. Wir hätten gern Schnee und Sonne zu Weihnachten. Wir hoffen, dass nichts Gravierendes mehr passiert dieses Jahr.

Und wie wär's mit einer Reform des Wahlsystems in den USA? Ohne das Wahlmänner-System hätte Hillary Clinton nämlich die Mehrheit der Wählerstimmen gehabt. Leonard Cohen starb bereits am 7. November in Los Angeles - dass Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten werden würde, musste er zum Glück nicht mehr miterleben auf seine alten Tage. Denn wie sonst sollte er seinen Song "Democracy Is Coming To The USA" noch jemals ohne Bedauern spielen können?

2016 - überrasche uns auf den letzten Metern!!! Wir werden auf jeden Fall tanzen. Bis zum Ende der Liebe!

Quelle: ntv.de