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Die Stimme von Depeche Mode Der weite Weg des Dave Gahan

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Alles ist gut: Strahlendes Geburtstagskind Gahan.

(Foto: REUTERS)

Aufpeitscher, Drogensüchtiger, Ehemann, Grübler, Kleinkrimineller, Künstler, Leidender, Massenbeschwörer, Messias, Musiker, Popper, Prediger, Punk, Rampensau, Sänger, Songwriter, Suchender, Trauriger, Toter, Vater und Verzauberer - das alles ist oder war David Gahan. Heute wird der Frontmann von Depeche Mode 50 Jahre alt.

Gut sieht er aus. Lediglich ein paar angegraute Bartstoppeln lassen erahnen, dass der Mann mit der jugendlichen Ausstrahlung bereits fünf Jahrzehnte auf dem Buckel hat. Dies ist umso bemerkenswerter, da David Gahan seit gut 30 Jahren einer der erfolgreichsten Bands der Gegenwart nicht nur seine Stimme leiht. Mit Depeche Mode füllt er Fußballstadien und Arenen auf der ganzen Welt. Er überlebt die Exzesse seines Rockstar-Daseins und mörderische Selbstzweifel und scheint sich nun trotz anhaltenden Ruhms selbst überwunden zu haben.

Geboren in Epping, Essex wächst David Gahan in der englischen Provinz knapp 40 Kilometer nordöstlich von London auf, zu jener Zeit ein raues Pflaster. So verwundert es nicht, dass Gahan, der in schwierigen Verhältnissen ohne leiblichen Vater durchkommen muss, auf die schiefe Bahn gerät. Mit 13 ist er Punk, besprüht Hauswände und klaut Automotoren, was ihm einen kurzfristigen Aufenthalt in einem Jugendgefängnis einbringt. Dennoch schafft er einen Schulabschluss und absolviert im Anschluss erfolgreich eine Ausbildung zum Designer an einem Kunst-College.

Die Party beginnt

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Dompteur von gewaltigen Menschenmassen.

(Foto: REUTERS)

In den späten 70ern lernt Gahan seine späteren Bandkollegen Vince Clarke, Martin Gore und Andrew Fletcher kennen. Diese versuchen sich bereits als Musiker, Gahan darf neben Roadie-Tätigkeiten auch die Regler des Mischpults bedienen. Aufgrund seiner guten Stimme und da er der Bestaussehende der vier ist, wird er kurze Zeit später als Sänger engagiert. Gahan bringt den Bandnamen Depeche Mode ein, in Anlehnung an ein französisches Modemagazin gleichen Namens.

Die Gruppe startet als eher harmlose Synthie-Popper-Band, die aber schnell, getragen von der in Großbritannien grassierenden New-Romantic-Welle, erste Erfolge feiern kann. Gahan erweist sich auch in Hinblick auf die Vermarktung der Gruppe als gute Wahl - so sorgt er mit seinem bubihaften Aussehen dafür, dass die Poster der Gruppe an den Wänden britischer Teenagerzimmer landen.

Nach dem ersten Album verlässt der kreative Kopf und Songschreiber Clarke die Band. Aber es ist nicht David Gahan, der von nun an in dessen Fußstapfen tritt. Martin Gore übernimmt das Songschreiben und sorgt mit seinen teils melancholischen, teils obsessiven Texten und Kompositionen für den bis heute stilprägenden Elektropop der Band. Mit Alan Wilder gewinnt die Gruppe ein neues, viertes Mitglied. David Gahan kann sich mehr und mehr bei den mittlerweile großen Konzerttourneen als guter Sänger, Entertainer und begnadete Rampensau beweisen. Bereits Mitte der achtziger Jahre gleichen die Konzerte von Depeche Mode riesigen Messen, dessen Taktgeber und Fixpunkt Gahan ist. Mit jedem Album wächst der Erfolg der Band und Depeche Mode schafft es, auch akustische Instrumente in ihre Musik erfolgreich zu integrieren. Es ist vor allem Gahan, der mit seinem rauen, sehnsüchtigen Bariton und seinen Entertainerqualitäten für die Heerscharen von Fans das Objekt der Begierde ist.

Von nun an geht's bergab

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Kraftvoll und energiegeladen:Gahan in Aktion.

(Foto: REUTERS)

Er beginnt unter dem Ruhm zu leiden. Mittlerweile ist er verheiratet und Vater. Seine Selbstzweifel wachsen im selben Maß, wie die Mystifizierung seiner Person zunimmt. Anfang der 90er Jahre dienen ihm Alkohol und Drogen mehr und mehr als Stimmungsaufheller. Seine Ehe zerbricht, die Haare werden länger und die Anzahl seiner Tätowierungen wächst rasant. Gahan, der mittlerweile in Los Angeles lebt und Rockstars wie Nirvana verehrt, verliert sich vollends. Schmerz, Leere und Traurigkeit gewinnen überhand. Eine zweite Ehe zerbricht. Gahan betäubt seine Empfindungen weiter. Eine Heroin- und Kokainabhängigkeit ist die Konsequenz. Mitte der 90er Jahre unternimmt er einen Suizid-Versuch. Ein kurzer Aufenthalt in einer Entzugsklinik folgt. Ein knappes Jahr später sorgt ein Cocktail aus Heroin und Kokain dafür, dass Gahan für zwei Minuten klinisch tot ist. Sanitäter können ihn wiederbeleben. Auf gerichtliche Anordnung wird er für neun Monate in eine Entzugsklinik eingewiesen. Erfolgreich. Gahan ist clean. Währenddessen erlebt die Band eine existenzielle Krise. Spannungen, Stress und Gahans Drogenabhängigkeit fordern ihren Tribut - Wilder verlässt die Band.

Neustart mit klarem Kopf

Depeche Mode macht als Trio weiter. David Gahan kämpft, stellt sich seinen Dämonen, steht mit klarem Kopf auf der Bühne und schafft es, seine Rockstar-Identität von seinem wirklichen Ich zu trennen.

Mit zunehmendem Selbstbewusstsein wächst der Wunsch in ihm, auch eigene Songs zu schreiben. Gahan möchte sich nicht länger auf eine Art Popstar-Darsteller reduzieren. Zunächst finden seine Stücke keinen Platz auf Depeche Mode Alben. Als Konsequenz daraus veröffentlicht er 2003 mit "Paper Monsters" ein erstes Soloalbum. 2007 erscheint mit "Hourglass" ein Nachfolger. Der Erfolg bestärkt ihn und verändert auch die Strukturen innerhalb der Gruppe. Schließlich schaffen es seine Songs auch auf Depeche-Mode-Produktionen. 2009 wird bei Gahan ein bösartiger Blasentumor diagnostiziert, der erfolgreich entfernt werden kann. Wenige Wochen später ist er wieder auf Tournee.

Auf der Bühne ist und bleibt David Gahan ein Phänomen. Hier verwandelt sich der eher schmächtige, fast schüchtern wirkende Brite in einen Rockstar allererster Güte, wird zur perfekten Inszenierung. Mit zumeist freiem Oberkörper, sehnig-durchtrainiert, tätowiert, energiegeladen, die Augen dunkel geschminkt, hat er sein Publikum vom ersten Moment an fest im Griff. Mit zugleich eleganter und animalischer Ausstrahlung, katzenhaft-tänzerischen Bewegungen, aufpeitschenden Zurufen, seiner fesselnden Stimme und messianischen Gesten wird er zum Dompteur von gewaltigen Menschenmassen.

Trotz aller Erfolge und überwundenen Depressionen und Drogensüchten ist David Gahan ein nachdenklicher, ein suchender Mensch geblieben - frei nach dem US-amerikanischen Philosophen George Steiner, ein trauriger Mensch. Denn das Nachdenken trennt ihn von den anderen, aber nur durch Nachdenken erkennt er, dass er nicht alleine auf der Welt ist. Ein Dilemma.

Herzlichen Glückwunsch, David Gahan und alles Gute.

Quelle: n-tv.de

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